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«Bossnapping» en vogue

In Frankreich werden soziale Konflikte zunehmend mit brachialen Methoden ausgefochten: Arbeitnehmer sperren ihre Direktoren ein und Fischer blockieren Häfen und Strassen.

Nach dem «Bossnapping» die Entlassungen: Sony-Mitarbeiter trugen letzten Freitag symbolisch 311 entlassene Mitarbeiter zu Grabe, die wegen der Werkschliessung ihre Arbeit verloren haben. (Keystone)
Nach dem «Bossnapping» die Entlassungen: Sony-Mitarbeiter trugen letzten Freitag symbolisch 311 entlassene Mitarbeiter zu Grabe, die wegen der Werkschliessung ihre Arbeit verloren haben. (Keystone)

Das soziale Klima in Frankreich ist stürmisch. Und die Arbeitgeber wären gut beraten, sich darauf einzustellen und vorzusorgen. Nachdem in mehreren Betrieben die Chefs oder Direktionsmitglieder von erbosten Arbeitnehmern kurzerhand eingesperrt wurden, bietet eine Firma den potenziellen Opfern von einem solchen «Bossnapping» ein Necessaire an, eine Art Kit mit dem Lebensnotwendigen: Zahnbürste, Rasierer, Deodorant, Taschentuch und anderes. Nebenbei bemerkt: Erstaunlicherweise haben die Franzosen mit «Bossnapping» einen eigenen Anglizismus kreiert; üblicherweise sind sie eher für das Gegenteil bekannt, nämlich umgangssprachliche englische Ausdrücke durch französische zu ersetzen. Wenn wegen der Rezession Personalabbau, Werkschliessungen und ähnliche harte Massnahmen geplant sind, müssen die Unternehmer mit radikalen Widerstandsaktionen ihrer Beschäftigten rechnen. Diese zögerten in vielen Fällen nicht, ihren Boss so lange in seinem Büro zu belagern, bis er sich zu Konzessionen bereit erklärte. Solche gewaltsamen Methoden gab es zwar schon in den Dreissigerjahren zur Zeit der Volksfront und auch im Gefolge der Studenten- und Arbeiterrevolte des Mai 1968. In der jüngeren Vergangenheit sind sie aber neu und machen als Krisenphänomen Schlagzeilen.«Stubenarrest» oder Nötigung?Die Serie begann Anfang März in einem Werk des Elektronikkonzerns Sony in der Nähe von Bordeaux. Nach einigen Stunden «Stubenarrest» kam der Direktor wieder frei, nachdem er im Hinblick auf die Schliessung dieser Produktionsanlage für Kassetten bessere Kündigungsbedingungen und eine Prämie von 10 000 Euro pro Arbeitnehmer versprochen hatte. Ähnlich erzwangen wenig später die Mitarbeiter beim Pharmakonzern 3M bei Orléans Verhandlungen über bessere Abgangskonditionen. Ihrem Vorbild eiferten die Beschäftig-ten des Baumaschinenfabrikanten Caterpillar bei Grenoble nach. Seither macht das Beispiel Schule. Denn in jedem der bisher bekannten Fälle gelang es dem Personal, durch seine Entschlossenheit und mit seinem unzimperlichen Vorgehen seinen «Patron» zum Entgegenkommen zu zwingen. Eigentlich handelt es sich dabei um Nötigung oder gar um Freiheitsentzug, wenn nicht sogar um vorübergehende Entführung – um gesetzeswidrige Straftaten also, auf die in Frankreich laut Strafgesetzbuch im Prinzip mehrere Jahre Haft stehen. In keinem dieser zitierten Fälle aber wurde eine Strafverfolgung eingeleitet. Offenbar wollen sowohl die direkt betroffenen Arbeitgeber wie auch die Justizbehörden bisher eine Eskalation vermeiden.Wohlwollendes VerständnisSchon immer drückte der Staat in Frankreich ein Auge zu, wenn wütende Landwirte in ihrer Wut über Billigimporte ganze Lastwagenladungen mit ausländischen Früchten ausleerten oder Auslagen in Supermärkten verwüsteten. Auch die Fischer, die in der letzten Woche am Ärmelkanal aus Protest gegen die europäischen Fangquoten Häfen blockierten und den Fährverkehr zum Erliegen brachten, hatten nicht nur die öffentliche Meinung auf ihrer Seite, sondern auch das wohlwollende Verständnis der Regierung. In Frankreich gehören solche drastischen Methoden halt schon fast zur Tradition. In diesem Gesellschafts- und Staatssystem, in dem es generell an institutioneller Gegenmacht mangelt, werden Konflikte zur Hauptsache auf der Strasse ausgetragen und nach den so gemessenen Kräfteverhältnissen entschieden. Den Strom gekapptDie rote Linie definitiv überschritten haben nun womöglich die Beschäftigten einer Filiale der Energiekonzerne EDF und GDF, die als Mittel zur Bekämpfung der Service-Verlagerung nach Malaysia in der letzten Woche mehrfach und in mehreren Regionen vorübergehend die Stromzufuhr kappten. Betroffen davon waren nicht nur Unternehmen, sondern auch Privathaushalte, in einem Fall sogar das öffentliche Spital von Douai in Nordfrankreich, das mehrere Stunden ohne Elektrizität blieb, weil auch der Notstromgenerator ausfiel. Zum Glück gab es wegen dieser Sabotage keine Toten. Präsident Nicolas Sarkozy verurteilte diese Radikalisierung und namentlich das «Bossnapping» als unzulässig. Er hatte freilich selber mehrfach gewisse seiner Meinung nach rücksichtslose Unternehmer als «Schurkenbosse» tituliert und damit die Stimmung angeheizt. Hatten das vielleicht die Pneufabrikarbeiter von Continental in Erinnerung, als sie eine Puppe an den Galgen hängten, die ihren Chef darstellte? Der frühere Premier Dominique de Villepin warnte am Sonntag die Staatsführung, sie solle solche Manifestationen der Wut nicht auf die leichte Schulter nehmen: Es existiere heute ein starkes Gefühl der Ungleichheit, und es bestehe das Risiko, dass solche unkontrollierten Aktionen in Revolten oder gar in eine Revolution mündeten. Auch Präsidentenberater Henri Guaino nimmt die Gefahr einer sozialen Explosion ernst: «Wir befinden uns in einer schweren Krise mit dem Risiko grosser und gewaltsamer Auseinandersetzungen.» Sarkozy ist gewarnt. Er will in dieser Woche zur Entschärfung neue Massnahmen für die Jungen ankündigen, die auf dem Arbeitsmarkt am härtesten von der Rezession getroffen werden.

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