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«Musik war meine einzige Heimat»

Musiker sei kein Beruf, gaben seine Eltern ihm zu verstehen. Wieslaw Pipczynski hörte nicht auf sie und wurde Musikant. «Man lernt sehr viel, wenn man ins kalte Wasser geworfen wird», sagt er im Rückblick auf seine Lehr- und Wanderjahre. Heute wirkt der 55-Jährige als Pianist, Organist, Komponist, Musiklehrer und Stummfilm-Begleiter.

Wieslaw Pipczynski: «Ich bin mit Bach und Chopin ebenso vertraut wie mit Pink Floyed, Bossa Nova und Zigeunermusik.» (Manuel Zingg)
Wieslaw Pipczynski: «Ich bin mit Bach und Chopin ebenso vertraut wie mit Pink Floyed, Bossa Nova und Zigeunermusik.» (Manuel Zingg)

«Bund»:Herr Pipczynski, Sie sind mit 25 Jahren als Zirkusmusiker in die Schweiz gekommen. Wie kam es, dass Sie diesen Weg eingeschlagen haben?

Wieslaw Pipczynski:Ich war damals mit zwei anderen polnischen Musikern mit dem Zirkus Stey in der Schweiz unterwegs. Wie fast alle Musiker aus dem Osten nutzten wir die Gelegenheit, im Westen einige Dollars zu verdienen. In Polen war es Ende der Siebzigerjahre schwierig, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen.

Warum wurden Sie Musiker?

Ich habe schon als Kind Musik gemacht. Meine Eltern waren nicht musikalisch, sie sahen das nicht gerne. Aber mein Grossvater hat mir früh ein Klavier geschenkt. Das war mein Zugang zu einer geheimnisvollen, fantastischen Welt. Für mich war die Musik in der Jugendzeit eine Art zweites Leben, ein Refugium, wo ich zu Hause war.

War klar, dass Sie diese Leidenschaft zu Ihrem Beruf machen würden?

In meiner Familie herrschte Konsens darüber, dass Musiker kein Beruf ist. Noch heute wissen sie nicht genau, was ich mache. Sie freuen sich, wenn ich ihnen eine CD zeige, aber sie haben keinen Bezug zur Musik. Ich besuchte bereits im Schulalter Musikunterricht, und es war mir klar, dass ich nach der Matura diesen Weg einschlagen würde.

Wie konnten Sie das ohne Unterstützung aus dem Elternhaus?

In Polen wurden Jugendliche, die ein wenig talentiert waren, früh zu Aufführungen mitgenommen. So lernte ich in jungen Jahren, in allen Wassern zu schwimmen. Das vermisse ich manchmal bei klassisch geschulten Musikern. Es fehlt ihnen die Vielseitigkeit, die Lust am musikalischen Austausch auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich bin froh, dass ich Musikant war, bevor ich Musiker wurde. Man lernt sehr viel, wenn man ins kalte Wasser geworfen wird. Mein erster Klavierlehrer war in dieser Hinsicht ein Glücksfall. Er war Organist in der Dorfkirche und gleichzeitig ein wunderbarer Improvisator. Ich besuchte ihn oft am frühen Morgen in der Kirche, ging zwei Kilometer zu Fuss dorthin. Er spielte mir vor und forderte mich mitten im Lied auf, an seiner Stelle weiterzuspielen.

Wie haben Sie den Einstieg ins Erwerbsleben geschafft?

Untertags nahm ich jeweils Unterricht, abends spielte ich mit einer Band im Dancing eines Hotels, entweder am Klavier oder am Akkordeon. Am Anfang war ich überfordert, weil dort bei der Jazz-Musik ganz andere Qualitäten gefragt waren, als ich mir in der klassischen Schule am Konservatorium aneignete. Es war eine harte Schule, sich so durchzuschlagen. Vielleicht hätte ich eine andere Laufbahn absolviert, wenn meine Eltern mich unterstützt hätten, aber ich trauere der klassischen Pianisten-Karriere nicht nach. Indem ich aus der Not eine Tugend machte, konnte ich sehr viel lernen. Ich bin mit Bach und Chopin ebenso vertraut wie mit Pink Floyd, Bossa Nova und Zigeunermusik.

Sie fühlen sich in all diesen Stilrichtungen zu Hause?

Ja. Es gibt ein paar Grundpfeiler. Aber wenn ich in Musik eintauche, entdecke ich überall Querverbindungen. Ein Bach hat viele Nebenflüsse, man sollte ihn nicht in einen betonierten Kanal zwingen. So ist es auch in der Musik. Sie lebt von unzähligen Einflüssen, es gibt viel Verbindendes über all die Stilgrenzen hinaus. Deshalb liebe ich die Improvisation – die Kirchenorgel zum Beispiel ist sehr dankbar dafür.

Wie wurden Sie in der Schweiz sesshaft?

Nach drei Jahren mit Zirkusauftritten lernte ich einen deutschen Kabarettisten kennen, der als Travestit auftrat. Wir zogen mit einem zweistündigen Bühnenstück zu zweit durch viele Kleintheater in Köln, Stuttgart, Bern, Zürich und Basel. Das Programm lief sehr gut, er spielte eine gealterte Operndiva, ich begleitete ihn musikalisch und lebte all die Zeit aus dem Koffer. In Zürich kam ich jeweils bei Martha Emmenegger unter, die wegen ihrer «Liebe Martha»-Rubrik im «Blick» bekannt war, in Bern bei einem Fan in der Schifflaube im Mattequartier. Dort lernte ich meine heutige Frau kennen. Ich habe in diesen drei Tournee-Jahren sehr viel gelernt – nicht nur musikalisch. Ich musste mir zum Beispiel eingestehen, dass ich sehr naiv gewesen war. Obwohl die Säle meist ausverkauft waren, war angeblich kein Geld für mich da. So endete unser Tournee-Projekt sehr abrupt.

Wie fanden Sie Arbeit in der Schweiz?

Ein befreundeter Musiker empfahl mir, mich bei Urs Frauchiger, dem Direktor des Konservatoriums, zu melden. Ohne anerkannte Papiere konnte ich dort aber nicht unterrichten. So nahm ich bei Edwin Peter, dem Organisten der Paulus-Kirche, eine Orgel-Ausbildung in Angriff. Wieder hatte ich das Glück, bei einem äusserst vielseitigen Musikanten studieren zu dürfen. Er verhalf mir zu diversen Auftritten. Später stieg ich bei den Berner Rohrspatzen ein, machte nochmals einen Winter lang Kabarett. Das hat mich immer gereizt, live Künstler zu begleiten, weil es ganz andere Anforderungen an den Musiker stellt als die Reproduktion eines Stücks.

Heute sind Sie als Musiklehrer, Salonmusiker, Komponist, Chorleiter, Stummfilm-Musiker, Organist und Unterhaltungsmusiker tätig. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Ich liebe diese Vielseitigkeit. Haben Sie schon einmal Pink Floyd gespielt auf einer Kirchenorgel? Das tönt wunderbar mit den Pedalen. Der Hausorganist hat mich damals fast aufhängen wollen, er fand das ungeheuerlich, was ich mit seiner Orgel machte. Ich will mich damit nicht interessant machen, aber es ist doch faszinierend, was die Musik bewegen kann, wenn man die Scheuklappen ablegt. Einmal habe ich in einem Gottesdienst gleichzeitig Orgel und Akkordeon gespielt. Das ergab einen fantastischen Klang. Vor Jahren wurde Hannes Meyer der Zutritt zur Kirche verweigert, weil er sich erfrecht hatte, Volkslieder auf der Orgel zu spielen. Ich kann nicht verstehen, wie man so puristisch sein kann.

Wie kamen Sie dazu, Stummfilme live auf dem Klavier zu begleiten?

Vielen Leuten ist nicht bewusst, welch wichtige Rolle die Musik im Film hat. Man kann problemlos einen schlechten Film mit guter Musik aufmöbeln. Ich kann Spielfilme durch Leitmelodien verständlicher machen oder den komischen Effekt von Slapstick-Nummern durch musikalische Untermalung verstärken. Nehmen wir an, Sie sehen im Film Kinder, die mit Spielzeugwaffen aufeinander losgehen. Wenn ich das so begleite (greift in die Tasten)ist das eine ganz harmlose Szene. Wenn ich hingegen Folgendes spiele, wird daraus eine dramatische Situation, in der es womöglich um Leben und Tod geht. Ich finde es sehr spannend, Slapstick-, Spiel- oder Dokumentarfilme zu begleiten.

Untermalen Sie einzelne Szenen mit Musik, oder begleiten Sie die Bilder durchgehend?

Ich spiele durchgehend. Aber man muss aufpassen, dass man nicht zu dick aufträgt. Manchmal reichen wenige Töne. Ich entscheide das oft intuitiv kurz vor oder während der Wiedergabe. Das geht natürlich nur gut, wenn ich den Film sehr gut kenne. Dann ist es nicht nötig, dass ich jeden Ton genau einstudiert habe. Das ist wie bei den Bildern der Impressionisten: Wer nur die einzelnen Pixel analysiert, hat nichts vom Werk erfasst. Bei den Slapstick-Filmen ist das natürlich anders: Dort spielt man sekundenbruchteilgenau auf den Gag zu.

Was fasziniert Sie an der Filmbegleitung?

Es ist eine praktische Lehre in Musikharmonie. Ich mag das Spontane daran. Ich spreche nicht gerne über Kreativität, weil dieser Begriff sehr stark strapaziert worden ist, aber die musikalische Begleitung von Filmen ist eine sehr schöpferische Tätigkeit. Im Zentrum steht nicht eine perfekte musikalische Aufführung, sondern der Moment, wo Bild und Musik sich vereinen. Im Idealfall berührt diese Bild-Ton-Sprache das Publikum. Das schönste Kompliment für mich ist, wenn mir die Leute am Schluss sagen, sie hätten gar nicht gemerkt, dass jemand gespielt hat. Heute, wenn Filme von einem Orchester begleitet werden, verkommt der Anlass oft zu einem Konzert mit Filmbegleitung. Das finde ich schade. Die Musik wirkt stärker, wenn sie im Hintergrund bleibt.

Vor vier Jahren haben Sie «Oremus» komponiert, eine Messe für Popband, Streichorchester, Solostimme und Chor. Der traditionelle lateinische Text wird mit Pop-, Rock-, Funk- und Soulmusik vermittelt. Finden solche Projekte Anklang?

Es gab fünf Aufführungen und eine Live-CD-Aufnahme. Leider haben wir die Konzerte schlecht gemanagt, es resultierte trotz beachtlichem Publikumszuspruch ein Defizit, das ich selber decken musste. Jetzt vertreibt ein Verlag die Noten, es ist zu ersten Aufführungen in Deutschland gekommen. Ich glaube, es gibt durchaus Bedarf nach guter Gebrauchsmusik. Was macht heute ein Kirchen-Chor, der nicht bloss das klassische Repertoire darbieten will? Er singt Gospels! Ich finde das schrecklich, wenn jeder zweite ländliche Männerchor in der Schweiz Gospels singt. Durch ein Projekt wie die Popmesse entdecken Schüler plötzlich, dass es Parallelen gibt zwischen geistlicher Musik des 17. Jahrhunderts und den Hits der Popgruppe «Pet Shop Boys». Es sind die gleichen Harmonien.

Komponieren Sie noch oft?

Ja, aber meistens nur kleine Sachen, vorwiegend im Unterricht. Wenn Kinder zum Beispiel technische Schwierigkeiten haben, schreibe ich ein kleines Stück, das ihnen weiterhelfen kann. Durch diese Verpackung kann ich meine Schüler oft überlisten. Lernen muss ja nicht eine Qual sein. Dazu kommen einige Auftragsarbeiten. Für die Sportschule Magglingen habe ich CDs zum Thema Musik und Bewegung als Lehrhilfe für die Sportausbildung sowie Bewegungsspiele für Kinder und Erwachsene komponiert und aufgenommen, für den Verkehrsverein Biel zum Film «Rund um den Bielersee» aus den Dreissigerjahren die Musik mitkomponiert und aufgenommen.

Von welchen Projekten träumen Sie?

Ein Traum wäre eine Ballettaufführung in der Kirche, ein musikalisches Welttheater nach dem Vorbild von Hugo von Hofmannsthal.

Unterscheiden Sie zwischen Kunst und Unterhaltung? Sie treten nicht nur in Konzertsälen und Kirchen auf, sondern auch an Hochzeits- und Geburtstagsfesten.

Ich mache heute weniger reine Unterhaltungsmusik, früher nahm ich praktisch alles an, schon nur, weil ich auf das Geld angewiesen war. Heute wehre ich mich dagegen, klassische Background-Musik zu machen. Ich spiele gerne an festlichen Anlässen, aber nur noch konzertant. Wenn mir die Organisatoren eines Ärztekongresses spontan vorschlagen, wir könnten doch ein bisschen Musik machen, während die Besucher in den Raum strömen, ist das eher verletzend. Ich finde, Musik verdient Wertschätzung. Ich habe an Apéros gespielt, wo kein Mensch gemerkt hat, dass da jemand die Ungarischen Tänze von Brahms spielt.

Gibt es Tage ohne Musik?

Ja, das gab es letzten Sommer. Da musste ich wegen eines akuten Bandscheibenvorfalls pausieren. Unter normalen Umständen gibt es keine Tage ohne Musik. Und auch keine Hintergrundmusik. Ich kann nicht Radio hören, während ich etwas anderes tue. Oder anders: Wenn Musik gespielt wird, kann ich mich auf nichts anderes konzentrieren. Ich tauche ein, bleibe hängen. Und mit dem absoluten Musikgehör leidet man oft genug mit, wenn die Töne schief in der Landschaft stehen.

Beim Musizieren mit dem Theremin ist das absolute Gehör unerlässlich. Spielen Sie dieses Instrument oft?

Ja, ich mag das sehr, speziell bei der Begleitung von Filmen. Das Theremin ist das erste elektronische Instrument überhaupt, es wurde 1919 in Russland vom Physikprofessor Leon Termen erfunden, der später für Lenin die ersten Abhörwanzen entwickelte. Tonhöhe und Lautstärke werden durch den Abstand der beiden Hände zu den zwei Antennen verändert. So kann man – regelmässiges Üben vorausgesetzt – bis zu neun Oktaven bespielen. Weltweit gibt es aber nur noch wenige Menschen, die das Instrument spielen. Eine der besten Spielerinnen ist Termens Nichte. Auch ich habe bei ihr Unterricht genommen.

Sie spielen in mehreren kammermusikalischen Formationen mit. Wie wichtig ist dieser musikalische Austausch?

Musik ist eine besonders intime Form der Kommunikation. Ich finde es schrecklich, Konzerten beizuwohnen, wo keine Kommunikation zwischen den Musikern spürbar wird. Kein Solist ist so gut, dass er auf die Kommunikation mit den anderen Musikern verzichten könnte. Die spontane Reaktion auf Mitspieler ist etwas vom Schönsten im Musikerberuf. Je besser man sich kennt, desto grösser werden die Möglichkeiten bei der Improvisation. Musik ist eine riesige Schatztruhe für jeden Gemütszustand. Sie war jahrelang meine einzige Heimat. Es gibt natürlich auch musikalische Schriftsteller, bei denen sich gut verweilen lässt, Karl Kraus und Ludwig Hohl zum Beispiel oder Michel de Montaigne. Er hat klare Worte gefunden für künstlerisches Schaffen: «Jeden Tag neue Einfälle, und unsere Launen bewegen sich an den Flügeln der Zeit.»

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