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Glas malen und Räume öffnen

«Dein Problem ist, dass du zu ehrlich bist», sagt Jürg Halter zu seinem Vater Martin Halter, der seit 40 Jahren Kunst aus Glas schafft. Jürg Halter ist aus der Familientradition ausgeschert, er schreibt Gedichte und rappt als Kutti MC. «Als ich seine erste Lesung besuchte, dachte ich, da sitze ein anderer am Mikrofon», erinnert sich Martin Halter.

«Der Selbstverständlichkeit, mit der er von der und für die Kunst lebte, verdanke ich viel», sagt Jürg über Martin Halter. (Beat Schweizer)
«Der Selbstverständlichkeit, mit der er von der und für die Kunst lebte, verdanke ich viel», sagt Jürg über Martin Halter. (Beat Schweizer)

«Bund»:Jürg Halter, macht einen die Herkunft zum Künstler oder das Leiden an der Welt?

Jürg Halter: Wenn ich mit allem auf dieser Welt einverstanden wäre, würde ich heute wohl Blumen verkaufen statt Gedichte und Lieder schreiben. Aber das Umfeld hat mich schon geprägt: Ich war als Kind oft im Atelier meines Vaters. Er hat mich früh in der genauen Beobachtung geschult, gab mir Bilder und Farbstifte und liess mich zeichnen. Die spätere Auseinandersetzung mit Sprache und Musik war dann nichts fundamental Neues: Auch das Schreiben beginnt mit genauem Beobachten.

Sie sind heute als Rapper Kutti MC und als Dichter tätig – warum gerade diese beiden Kunstformen?

Jürg Halter:Es begann damit, dass ich Texte zu Musik schrieb. Ich spiele kein Instrument, meine Instrumente sind die Sprache und meine Stimme. Künstler war ich vielleicht schon immer, nur wusste ich dies nicht von Anfang an. Durch die Lancierung der Literatur- und Kunstzeitschrift «Art.21-zeitdruck» und erste Auftritte bei Poetry-Slams kam ich mit dem Literaturbetrieb in Berührung. Bei einer meiner Lesungen war Ruth Schweikert im Publikum. Sie legte bei Egon Ammann ein gutes Wort für mich ein, sodass Ammann mich eines Tages fragte, ob ich noch mehr Gedichte habe, er möchte daraus etwas machen. So konnte ich mit 25 Jahren einen ersten Gedichtband veröffentlichen.

Wie haben Sie die Berufswahl Ihres Sohnes erlebt? Immerhin ist er nach drei Generationen Glasmalerei aus der Familientradition ausgeschert.

Martin Halter: Ich wollte ihm das immer offenlassen. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn er den Betrieb weitergeführt hätte, aber wenn ich die Entwicklung in den letzten Jahren betrachte, bin ich ganz froh, dass er in einer anderen Sparte tätig ist. Die Nachfrage nach Glasmalerei ist heute relativ gering. Das hat wenig mit unserer Arbeit, aber viel mit Mode zu tun: Zehn Jahre vor der Jugendstilzeit wollte niemand etwas von farbigen Fenstern wissen, dann konnte es nicht farbig genug sein. Wenn heute die Architekten Herzog & de Meuron farbige Fenster in eines ihrer Projekte einbauen würden, könnten wir uns morgen nicht mehr vor Anfragen retten. Noch nie wurde in der Architektur so viel Glas eingesetzt wie heute – leider bleibt es meist kahl und unfarbig.

Glasmalerei wird oft auf die Gestaltung von Wappenscheiben reduziert. Was umfasst sie noch?

Martin Halter: Die Restauration und Sanierung von Kirchenfenstern und privater Glasmalerei. Dazu kommt die Gestaltung von Glaskreationen. Vieles entsteht im Auftrag von und in Absprache mit Kunden. Hier decke ich das ganze Spektrum von ornamentaler, gegenständlicher und abstrakter Kunst ab.

Wie sieht die Kundschaft aus?

Martin Halter: Oft sind es Privatkunden, die sich zum Beispiel eine schöne Gestaltung für ihren Wintergarten oder einzelne Fenster wünschen. Kürzlich habe ich für eine Kundin ein Blumenmotiv für ihr Küchenfenster erarbeitet. Da geht es nicht darum, sich künstlerisch auszuleben, sondern darum, genau hinzuhören, den Geschmack der Kundschaft zu treffen und sich dennoch mit dem Werk zu identifizieren.

Jürg Halter: Damit hast dus dir vielleicht selber schwer gemacht. Du hast die Glasmalerei als Kunsthandwerk immer sehr ernst genommen und deine freie künstlerische Arbeit fast ein wenig dahinter versteckt. Ein anderer mit einem Werk wie deinem hätte schon längst Ausstellungen in Kunstmuseen machen können. Die Kunstszene ist leider nicht so offen, wie viele Experten behaupten. Einerseits wird heute menschlicher Kot als Kunst verkauft, andererseits wird zwischen Kunst und Kunsthandwerk so unterschieden, als ob dies die zwei grössten Gegensätze wären.

Möchten Sie denn, dass Ihre freien Werke mehr Beachtung finden?

Martin Halter: Ich will mich nicht anbiedern. Es gibt ja in der Arbeit mit Glas einen Trend in Richtung «fusen». Da werden farbige Glasstäbe bei sehr hohen Temperaturen auf eine klare Glasschicht geschmolzen. Es entsteht ein Farbengemisch, das an einen abgelutschten Schleckstängel erinnert . . .

Jürg Halter: . . . wie geschaffen für den amerikanischen Kunstmarkt.

Martin Halter: Für mich ist das jedenfalls zu einfach; es kann jeder machen und behaupten, das sehe toll aus. Ich stelle mich gerne der Herausforderung, materialgerecht Glasmalerei zu gestalten. Die Arbeit mit verschiedenen Originalsubstanzen und mit den 5000 verschiedenen Farbtönen ist eine grosse Bereicherung. Leider wird man als seriöser Glasmaler im Restaurationsbereich mehr und mehr zum Handlanger irgendwelcher eitler Akademiker, die sich am liebsten selber die Glasmaler-Krone aufsetzen.

Jürg Halter:Dein Problem ist, dass du zu ehrlich bist, um dich als Klischee eines Künstlers zu verkaufen. Du gehst vom Werk aus, lässt deine Arbeit sprechen. Aber heute scheint viele Kunst nur noch durch kunsttheoretische Vermittlung erfahrbar zu sein. Das hat meinen Blick auf die ganze Gegenwartskunst geprägt. Einerseits ist die Kunstkritik fast verschwunden, andererseits wird in vielen Katalogen auf teurem Papier seitenweise metaphysischer Schwachsinn gedruckt. Zum Glück gibt es immer noch genügend gute Künstler, die Nadeln im Heuhaufen der Gegenwartskunst.

Vor einiger Zeit sagten Sie, Ihr Grossvater habe mit der Glasmalerei angefangen, vielleicht müssten Sie lernen, damit aufzuhören.

Martin Halter: Die Zusammenarbeit mit Historikern und Architekten ist nicht einfach. Man kann mehrere Jahrzehnte gute Arbeit machen und wird dann plötzlich einfach entfernt. Das ist schmerzhaft, auch wenns mehr mit der Konstellation als mit der eigenen Person zu tun hat. Ich konzentriere mich jetzt auf die Dinge, die mich interessieren. Und ich habe damit begonnen, ein Inventar dieser Schätze aus drei Generationen Glasmalerei zu erstellen, inklusive der Originalentwürfe bekannter Kunstmaler. Es gibt immer Interessenten, die einen solchen Atelier-Nachlass erwerben möchten.

Jürg Halter, Sie sagten, Sie seien schon immer Künstler gewesen. Was macht den Künstler aus?

Jürg Halter: Schwer zu sagen. Ich bin heute nicht grundsätzlich jemand anderes als der dreijährige Jürg Halter. Ich bin schon immer mit wachen Sinnen durchs Leben gegangen; seit ich denken kann, versuche ich, die vielen Eindrücke zu reflektieren und fassbar zu machen. Das Medium Kunst ist für mich die beste Möglichkeit, mehr über die Welt, über das Leben zu erfahren. Mich interessiert mehr die poetische Auseinandersetzung mit der Welt als die theoretische Annäherung. Das Fassbare zu beschreiben, reizt mich nicht. Aber es fliessen auch wissenschaftliche Erkenntnisse in meine Arbeit ein. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass eine Schneeflocke 0,004 Gramm wiegt. Das fand ich so faszinierend, dass es Eingang in ein Gedicht gefunden hat.

Wie erleben Sie den Kulturbetrieb – hat man Einfluss darauf, was aus dem eigenen Werk und mit der eigenen Person gemacht wird?

Jürg Halter: In meiner Kunst zeige ich meine ganze Persönlichkeit. Aber Privates mache ich ausserhalb der Kunst, in der es oft verschlüsselt ist, nicht öffentlich. Ich habe stets versucht, möglichst viel Kontrolle zu behalten, unabhängig zu bleiben, CD- und Buchcovers selber zu wählen. (Schmunzelt.) Deswegen habe ich mich vermutlich nie getraut, bei «Music-Star» mitzumachen. Dort hätte ich immerhin lernen können, wie man am schnellsten die Glaubwürdigkeit verliert und das Karriereende erreicht. Und hätte danach Blumen verkaufen können.

Im Ernst: Erschreckt es Sie nie, was andere in Ihre Texte hineinlesen?

Jürg Halter: Kritik interessiert mich nur, wenn sie intelligent ist, unabhängig davon, ob sie nun negativ oder positiv ist. Das Wichtigste ist, was die Leute in meinem Umfeld zu meiner Arbeit sagen. Wer nur auf die Gunst der Öffentlichkeit spekuliert, verliert rasch sein künstlerisches Format.

Spüren Sie keinen Druck, eine spannende Figur darzustellen? Sie seien «der perfekte Anti-Entertainer», hat man über Sie geschrieben, ein «Mann für seltsame Kulte».

Jürg Halter: Manche Attribute werden einmal verteilt und dann ohne Überprüfung ständig wiederholt, obwohl man sich als Künstler längst weiterentwickelt hat. Zum Thema Selbstinszenierung: Jeder Künstler, der auf der Bühne steht, betreibt Selbstinszenierung. Wer das abstreitet, ist unehrlich. Ein bewusst bescheidenes Auftreten ist unter Umständen anmassender als ein egozentrischer Auftritt.

Martin Halter: Als ich die erste Lesung meines Sohns in der Reitschule besuchte, dachte ich, da sitze ein anderer vorne am Mikrofon. Er hatte alle Hemmungen abgestreift, trug seine Texte mit einem Stimmorgan vor, von dem ich nichts gewusst hatte, und brachte die Zuhörenden mit zynischen Überleitungen zwischen den einzelnen Texten zum Lachen.

Jürg Halter: Diese Improvisationen zwischen Gedichten oder Liedern sind mir noch heute wichtig. Mich interessiert kein Auftritt, der nicht ein gewisses Risiko beinhaltet. Wer nur sein Programm abspult, verliert selber die Aufmerksamkeit, die er vom Publikum erwartet.

Wenn Sie heute Lesungen besuchen, sehen Sie da immer noch einen Fremden auf der Bühne?

Martin Halter: In der Zwischenzeit haben wir uns mit diesem anderen Sohn angefreundet, er gehört jetzt quasi zur Familie.

Was charakterisiert die Kunst Ihres Vaters?

Jürg Halter: Er ist für mich ein Profi. Er ist seit 40 Jahren mit all seiner Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit Glasmaler und kann seit 40 Jahren davon leben. Ich bewundere ihn für seine Ernsthaftigkeit und für seine Bereitschaft, immer noch einen Schritt weiterzugehen, neue Wege zu suchen. Der Selbstverständlichkeit, mit der er von der Kunst und für die Kunst lebte, verdanke ich viel. Es beeindruckt mich, welch umfangreiches Werk er geschaffen hat, in weit über 100 Kirchen 6000m2 Glasmalereien saniert oder erneuert und gegen 400 freie Werke in Glaskunst umgesetzt hat. Da stehe ich noch am Anfang.

Wie entstehen Ihre Gedichte? Schreiben Sie nach Stundenplan oder in Übereinstimmung mit einem inneren Rhythmus?

Jürg Halter: Meine Hauptaufgabe besteht darin, jeden Tag aufmerksam zu sein. Ich habe keine geregelten Arbeitszeiten. Es kommt vor, dass ich vor Abgabeterminen drei Tage und drei Nächte durcharbeite. Aber man darf sich nicht immer unter Druck setzen. Seit im September mein Gedichtband «Nichts, das mich hält» erschienen ist, habe ich fast keine Gedichte mehr geschrieben. Ich darf das nicht forcieren. In den letzten Monaten habe ich intensiv Liedtexte geschrieben, Ende August wird das dritte Kutti-MC-Album herauskommen. Ich mag diese Abwechslung. Und ich bin dankbar, dass ich vorderhand zu viele Ideen habe und zu wenig Zeit, diese umzusetzen. Das Gegenteil wäre schrecklich.

Erarbeiten Sie 20 Versionen Ihrer Gedichte, oder warten Sie so lange, bis Sie die gültige Version aufs Papier bringen können?

Jürg Halter: Meistens gibt es sehr viele Fassungen. Ich arbeite immer an mehreren Gedichten gleichzeitig. In der Regel weiss ich gefühlsmässig ziemlich früh, wo das Gedicht am Ende sein muss. Manchmal bleibt eine Fassung drei Monate liegen, und erst dann kommt der entscheidende Einfall, der mich weiterbringt. Oder er kommt nie, und das Gedicht erweist sich als sprachlich nicht realisierbar. Dass ich den Stift ansetze und in kurzer Zeit die gültige Fassung niederschreibe, ist die Ausnahme. Ein gutes Gedicht muss einen Raum öffnen. Manchmal spüre ich, dass nur wenig fehlt, aber wenn ich ein Wort austausche, verliert das Ganze sein Gleichgewicht. Da muss man vieles ausprobieren, und wenn man Glück hat, stimmts plötzlich.

Martin Halter: Das charakterisiert die schöpferische Arbeit, dieses Ringen mit der Form und sich selber. Es ist wichtig, dass man dem Werk diese Anstrengung nicht anmerkt. Es muss so wirken, als hätte der Künstler sein Ziel spielend erreicht.

Jürg Halter: Immer wenn ein Künstler sagt, er leide an seiner Arbeit, ist er in meinen Augen verdächtig. Es ist doch befreiend, durch schöpferische Tätigkeit etwas verarbeiten zu können.

Viele Künstler leiden daran, nie die vollkommene Ausdrucksform zu finden. Sie nicht?

Jürg Halter: Klar, man sucht immer die Vollkommenheit und scheitert fast immer. Ich empfinde es als schöne Herausforderung, auf möglichst hohem Niveau zu scheitern.

Martin Halter: Für mich ist die gestalterische Arbeit dann besonders befriedigend, wenn der Kunde nicht nur mit meiner Komposition zufrieden ist, sondern wenn er darin noch mehr sieht als ich, wenn er also das Bild weiterentwickelt.

Jürg Halter: Das ist bei Liedern und Gedichten ähnlich. Man arbeitet sehr lange an einem Text, und am Ende hört das Publikum Sachen heraus, von denen man beim Schreiben keine Ahnung hatte. Das ist auch ein Antrieb: Man gibt etwas in die Welt hinaus und wartet auf ein Echo. Ein Gedicht, ein Lied ist erst verwirklicht, wenn ein Leser, ein Hörer es aufnimmt.

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