«Wenn der Fonds scheitert, werden die Betroffenen klagen»

Gewerkschafter Luca Cirigliano ist besorgt, dass die Wirtschaft das Geld für den Asbestfonds nicht aufbringt.

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Gewerkschafter Luca Cirigliano* ist besorgt, dass die Wirtschaft das Geld für den Asbestfonds nicht aufbringt.

Asbestopfer haben oft nur noch wenige Monate zu leben. Welchen Einfluss hat Geld auf ihre Situation?
Ein Mesotheliom ist ein Todesurteil. Für Betroffene ist es sehr oft von grosser Bedeutung, den Angehörigen etwas zu hinterlassen. Bisher hatten Arbeitnehmer von asbestverarbeitenden Betrieben angemessene Leistungen er­halten, was ihre Lage etwas akzeptabler machte. Allerdings sind auch viele Angehörige von Mitarbeitern oder ­Anwohner von Produktionsstätten an einem Mesotheliom erkrankt. Sie hatten bisher keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen – ein grosser Missstand.

Wie gut ist die Lösung, die unter der Leitung von Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger nun ausgehandelt wurde?
Es ist ein Kompromiss, und wie bei jedem Kompromiss geht er den einen etwas zu weit, den anderen etwas zu wenig weit. Für die Gewerkschaften war es vor allem wichtig, dass auch jene Opfer Zugang zu einer Entschädigung erhalten, die nicht von der Unfallversicherung entschädigt werden. Für viele UVG-Versicherte gab es auch eine Aufstockung der Integritätsentschädigung, einer Form von Genugtuung. Das ist ein grosser Schritt. Der zweite wichtige Aspekt ist der Care-Service. Er steht allen offen, die Unterstützung im Zusammenhang mit Asbesterkrankungen brauchen. Das gibt es heute nicht.

Wozu ein Care-Service?
Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die psychologische Betreuung sehr wichtig ist. In Österreich ist die finanzielle Entschädigung geringer als hier, trotzdem fühlen sich die Betroffenen ganzheitlicher versorgt und klagen wohl deshalb weniger. Die Angebote erhalten sehr positive Rückmeldungen.

Bis jetzt gibt es Zusagen für weniger als ein Drittel der benötigten Gelder, zum Teil unter Vorbehalt. Wie gross ist das Risiko, dass die Opfer am Schluss doch leer ausgehen?
Das vorhandene Geld reicht, um zu starten. Aber es reicht nicht, um alle Opfer bis 2025 zu entschädigen. Der Fonds bietet der Wirtschaft Rechtssicherheit vor einer Klagewelle von Asbestopfern, weil die Leistungen an einen Klageverzicht geknüpft sind. Im Gegenzug braucht es jetzt das Bekenntnis der Wirtschaft, das Geld für den Fonds zu äufnen. Es besteht eine klare Bringschuld der Wirtschaft. Sollte sie sich nun aus der Verantwortung ziehen, wird der Fonds nicht funktionieren.

Einige Unternehmen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, auf die Anfrage des runden Tischs zu antworten, andere haben abgesagt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass noch 70 Millionen Franken zusammenkommen?
Man kann nicht ausschliessen, dass das Geld nicht zusammenkommt. Ich bin dennoch zuversichtlich. Wenn der Fonds scheitert, werden die Betroffenen klagen, und das Risiko liegt allein bei der Wirtschaft. Es wäre ein Affront gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen, wenn die Versprechen der Wirtschaft nicht honoriert werden würden – die Reputationsschäden wären enorm. Das Interesse an einer Beteiligung ist deshalb relativ gross. Ich erwarte, dass hier die Arbeitgeberverbände das ihre tun.

*Luca Cirigliano, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, war am runden Tisch beteiligt und ist designierter Stiftungsrat des Entschädigungsfonds. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2016, 22:28 Uhr

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Der Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds war am runden Tisch beteiligt und ist designierter Stiftungsrat des Entschädigungsfonds.

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