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Leser fragenWozu mache ich mir all den Stress?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Stress und Neid in Zeiten von Corona.

Homeoffice, Kinderbetreuung und Freiwilligendienst bringen Stress mit sich.
Homeoffice, Kinderbetreuung und Freiwilligendienst bringen Stress mit sich.
Foto: Getty Images

Darf ich als Mutter dreier Kinder, zwei davon schulpflichtig, und zugleich im Homeoffice arbeitend und für die Risikogruppe einkaufend, alle diejenigen beneiden, die wegen Kurzarbeit plötzlich zu viel Zeit zur Verfügung haben oder aus Altersgründen zu Hause bleiben dürfen? Intellektuell ist mir schon klar, dass viele Angst vor Jobverlust haben oder mit der Einsamkeit kämpfen, aber dennoch ... Zudem ertrage ich es kaum, wenn ich beim Wocheneinkauf all die Ü-65er sehe, die sich in, wie ich finde, extrem unsolidarischer Weise um ihre eigene Sicherheit foutieren. Wozu mache ich mir all den Stress? S.B.

Liebe Frau B.

Ihre Frage, wozu Sie sich den ganzen Stress machen, ist doppeldeutig: Zum einen kann sie sich auf ihren Stress mit Homeoffice und -schooling beziehen (während die anderen es ruhig haben und/oder sich nicht um die Gefahren scheren), zum anderen kann es aber auch heissen: Warum tun Sie sich den Stress an, neidisch zu sein und sich aufzuregen?

Irgendwas zum Aufregen findet sich immer: Wenn es nicht die shoppenden Alten sind, sind es die im Park ohne Sicherheitsabstand herumlungernden Jugendlichen. Ich könnte Ihnen noch viele weitere Beispiele nennen, aber ich will Sie nicht unnötig in Versuchung führen.

Auch Anlässe zum Neid gibt es wie Sand am Meer. Auf mein im Moment eher ruhiges Leben können Sie mit Recht neidisch sein (wenngleich ich tatsächlich immer brav zu Hause hocke, wenn ich nicht gerade in der Praxis bin – also keinen Grund zur sonstigen Empörung biete); und Sie tun mir andererseits aufrichtig leid wegen dem, was Sie zurzeit alles gleichzeitig leisten müssen.

Mischung aus Shutdown und Aktivismus

Es scheint mir dabei so, als wäre der Zusatzstress, den man sich mit der zusätzlichen Empörung antut, das Letzte, was einen noch davor bewahrt, den Bettel einfach hinzuschmeissen und in die Lethargie einer Erschöpfungsdepression zu verfallen. Die Aufregung hält lebendig und einem den defaitistischen Gedanken vom Leib: Was soll der ganze Scheiss eigentlich?

Zum Beispiel beim Homeschooling. Wären zwei Monate Extraferien mit ein paar Hausaufgaben angereichert wirklich so tragisch gewesen? Diese Mischung aus Shutdown und Aktivismus kann einem auf die Stimmung schlagen und einen dazu verleiten, seinen Ärger über mancherlei aufgezwungenen Bullshit an anderer Stelle herauszulassen.

Vielleicht ist es eine gemeinsame Erfahrung, die viele von uns derzeit machen: dass uns die widersprüchlichen Ansprüche auf den Senkel gehen. Die Aufforderung, möglichst zu Hause zu hocken, wird konterkariert von hyperaktivem TunSieDiesUndTunSieDas: installieren Sie Zoom, beachten Sie den Datenschutz bei Whatsapp, machen Sie ein Turn-Video mit den Kindern und – fickt euch doch alle ins Knie.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch