«Wollen Sie 4360 Chemikalien besitzen oder fernsehen?»

Der Entsorgungspionier Michael Braungart schreibt kompostierbare Bücher und fordert ein Umdenken im Recycling.

Nur Idioten machten Abfall, meint Chemieprofessor Michael Braungart.

Nur Idioten machten Abfall, meint Chemieprofessor Michael Braungart. Bild: zvg

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Herr Braungart, in den meisten Ländern steigen die Recyclingquoten. Löst sich das Abfallproblem so nicht von allein?
Mit unserem heutigen Recycling haben wir das Falsche perfekt gemacht; und damit perfekt falsch. Wir müssen zuerst fragen: Was ist das Richtige?

Und? Was ist das Richtige?
Wir müssen Produkte entwickeln, die überhaupt rezyklierbar sind. Dabei müssen wir zwischen zwei verschiedenen Kreisläufen unterscheiden. Die Dinge, die verschleissen, müssen so gestaltet werden, dass sie in die Biosphäre gehen, also kompostierbar sind: zum Beispiel Schuhsohlen, Bremsbeläge, Autoreifen.

Um die Recycling-Frage schwirren viele Mythen. Welche davon sind richtig und welche sind falsch?

Recycling-Quiz

Frage 1 von 10:

Mythos: Man soll keinen Abfall in die Robidog-Behälter werfen, weil die Robidog-Säckchen und deren Inhalt kompostiert werden. Wahr oder falsch?

Wahr

Falsch

 

Können Sie das konkretisieren?
Vor dreissig Jahren enthielt ein Druck-erzeugnis etwa 90 giftige Stoffe. Heute ist es etwas weniger schlecht, es enthält nur noch etwa 50 giftige Stoffe. Eine Kompostierung ist damit fast nicht möglich. Weil all die chemischen Zusätze nie für den biologischen Kreislauf entwickelt worden sind.
Nun recyceln wir dieses Papier, machen Karton daraus; und so essen Sie mit jeder Pizza etwa ein Drittel der Druckchemikalien mit, weil die Kartons diese an die Pizza abgeben. Mit dem Recycling verschleppt man die ganzen Schadstoffe. In der Deutschen Bahn haben wir beispielsweise das Recycling-Toilettenpapier untersucht. Da sind so viele Schadstoffe drin, dass ein Kilogramm Papier mindestens 1,2 Millionen Liter Wasser so verunreinigen kann, dass die Grenzwerte über der Europäischen Trinkwasserverordnung liegen.

Also bringt es gar nichts, wenn wir im Moment Papier sammeln und recyceln?
Kataloge werden teilweise eingeflogen aus China, aus Malaysia. Und die enthalten weiterhin die 90 Giftstoffe. Mit anderen Worten: Wir machen unser Hightech-Recycling für den chinesischen Sondermüll. Wir bleiben auf halbem Wege stecken und versuchen, das Schlechte etwas weniger schlecht zu machen. Aber weniger schlecht ist nicht gut. Die Leute meinen, es sei Umweltschutz, wenn sie die Natur etwas weniger kaputtmachen. Das ist etwa gleich absurd, wie wenn ich sage: Schütze dein Kind, schlage es nur fünf statt zehn Mal.

Bestimmt haben Sie eine Alternative.
William McDonough und ich haben es vorgemacht mit unserem letzten Buch. In den USA ist es das erste Buch, das perfekt kompostierbar ist, weil alle Zutaten – auch die Leime und die Hilfsstoffe – für die Biosphäre gemacht sind. So lohnt es sich, Papier zu recyceln.

Wäre hier nicht der Gesetzgeber stärker gefordert? Er kann doch die erlaubten Chemikalien festlegen.
Sie sind gefordert. Sie als Journalist müssen sagen: Es ist für mich eine persönliche Beleidigung, dass meine Artikel auf Sondermüll gedruckt werden. Und: Bis 2020 sollen alle unsere Druckerzeugnisse kompostierbar sein. Dann könnte aus Zeitungen Toilettenpapier entstehen, das wirklich in die Biosphäre zurückgehen kann. Dafür braucht es keinen Gesetzgeber; Sie brauchen nur den eigenen Stolz, ihren eigenen Willen.

Sie haben anfangs von zwei Kreisläufen gesprochen. Was ist der andere?
Die Produkte, die nur genutzt werden – Waschmaschinen, Autos. Sie müssen so gebaut werden, dass sie in die Technosphäre zurückgehen.

Technosphäre?
Ich erkläre es Ihnen an einem Beispiel: Wir haben Teppichböden entwickelt mit einem Hersteller in Holland. Die sind nicht nur nicht giftig, sondern sie reinigen aktiv die Luft. Als Europäer verlieren wir etwa vier Jahre Lebenserwartung durch Feinstäube. Weil wir den Leuten nicht den Teppichboden verkaufen, sondern nur zehn Jahre Fussbodenverpackungsversicherung, können wir viel bessere Materialien einsetzen.
Wir müssen nicht den billigsten, stinkigsten Dreck nehmen, sondern können Materialen brauchen, die praktisch endlos recycelt werden können. Und diese binden Feinstäube. Damit erzielt der Hersteller ähnliche Umsatzrenditen wie Apple.

Sie verkaufen was? Eine Fussbodenverpackungsversicherung?
Der Konsument will doch gar keinen Teppichboden haben. Er will eine schöne Akustik und eine schöne Optik. Warum soll er Eigentümer von Sondermüll werden, wenn er doch nur die Nutzung haben will? Ich habe als Student einen Fernseher von Philips auseinandergebaut und habe im Gerät 4360 Chemikalien gefunden. Also habe ich mich gefragt: Wollen die Leute 4360 Chemikalien haben oder möchten sie fernsehen? Damals wurde ich für dieses Denken als Ökokommunist beschimpft.

Wie sieht Ihr Wunsch-Fernseher aus?
Wir haben mit Philips einen neuen Fernseher entwickelt, der so viel Strom einspart, dass Sie nach acht Jahren Nutzung allein durch die Stromeinsparung den Fernseher finanziert haben. Das ist der allererste Fernseher, der für Innenräume geeignet ist. Aber in derselben Woche, in der wir diesen Fernseher vorgestellt haben, hat Philips leider das Fernsehgeschäft verkauft.

Lassen sich denn Geräte wie ein Fernseher technisch überhaupt so konstruieren, dass sie später vollständig recycelt werden können?
Ja klar. Man kann die seltenen und giftigen Dinge, in eine sogenannte Giftbox zusammenfassen. Diese kann man dann im Recycling direkt entnehmen und allenfalls weiter verwenden, sodass die Schadstoffe nicht verteilt werden.

«Wir wollten keinen Smart, sondern 100'000 Kilometer Autofahren verkaufen.»

Deutsche Autohersteller haben bereits probiert, Autos so zu konstruieren, dass sie sich später einfach auseinanderbauen und recyceln lassen. Das war aber zu teuer.
Ich habe anfangs mit den Smart-Leuten und Herrn Hayek zusammengearbeitet. Unsere Idee war: Wir wollen nur 100'000 Kilometer Autofahren verkaufen. Da sollte alles drin sein: Treibstoff, Versicherung, Wartung. Nur so lohnt es sich, ein Auto zu bauen, dass man leicht auseinanderschrauben kann, wenn ich am Ende die Materialen zurückerhalte.
Leider hat Smart nicht durchgehalten und ist zu Mercedes gekommen, wo daraus nur ein hässliches, benzinfressendes Vehikel wurde. Der Gesetzgeber hat die Bestrebungen für ein besseres Autorecycling verhindert, weil er es Recycling nennt, wenn man aus Autostahl Baustahl macht.
In einem Mercedes sind 42 verschiedene Stahllegierungen drin – mit Chrom, mit Mangan, mit Antimon, alle möglichen Buntmetalle. Wenn man daraus Baustahl macht, sind alle diese Buntmetalle verloren. Und in Westeuropa muss man diesen Baustahl noch mit Neustahl verdünnen, weil sonst der Kupfergehalt zu hoch ist und der Stahl bricht wie ein Osteoporose-Knochen.

Es soll ja sogar Leute geben, die beim Abfallverbrennen von Recycling sprechen.
Das nennt sich dann thermisches Recycling. Beim Verbrennen von Müll verlieren wir aber im Durchschnitt 95 Prozent der Energie, die notwendig war, um das Produkt herzustellen. In Shanghai braucht eine deutsch-schweizerische Verbrennungsanlage bis zu 80 Tonnen Heizöl am Tag, um den Müll zu verfeuern, weil im Abfall so viel biologisches Material drin ist und das Papier und die Kunststoffe vorher aussortiert wurden.
Hier in Hamburg hat die Kehrrichtverbrennungsanlage Überkapazität. Diese wird europaweit ausgeschrieben. Dann können die Sizilianer für 30 Euro ihren Müll bei uns verbrennen. Wenn die Hamburger später plötzlich 50 Euro verlangen, lohnt sich das für die Sizilianer nicht mehr. Damit schüren wir die Spekulation mit Müll und verursachen das Abfallchaos in diesen Regionen mit.
Auch in der Schweiz gibt es Unsinniges: Unsere kompostierbaren Textilien müssen hier verbrannt werden. Und das wohl nur, weil man sich den Brennwert nicht entgehen lassen will. In den USA, wo es keine Verbrennungsanlagen gibt, sind wir derzeit viel erfolgreicher.

Zurück zum Smart: Wie viel Ihrer ursprünglichen Idee steckt noch im Auto drin?
Nur das Cockpit. Das sind 13,6 Kilo Polypropylen – ein einziges Stück, das sich wunderbar recyceln lässt. Dabei wollten wir ursprünglichen ein Auto bauen, das nach 100'000 Kilometern in ein Tauchbad geht und sich dort in die einzelnen Komponenten auflöst. Dann könnten wir 80 Prozent der Komponenten wieder einbauen und 20 Prozent erneuern. So hätte ich ein Auto, das sich ständig erneuert. Wir müssen nicht Langlebigkeit anstreben. Denn ein Auto, das 30 Jahre im Einsatz ist, verhindert Innovation.

Aber energetisch wäre es doch sinnvoll, Dinge herzustellen, die möglichst lange funktionieren.
Meine Schwiegermutter hat ihre Miele-Waschmaschine seit 36 Jahren. Das ist verheerend. Die braucht viermal mehr Strom und dreimal mehr Wasser als eine heutige. Zudem gibt es in ihr einen Transformator, der zwei Kilo PCB enthält. Wenn sie in den Schredder kommt, kontaminiert sie 800'000 Tonnen Schredderabfall – höher als jeder Grenzwert – allein mit Transformatorenöl.
Heute weiss kein Schwein mehr, was in dem Ding drin ist. Der Innovationszyklus bei Waschmaschinen beträgt etwa acht Jahre. Deshalb sollte das die Nutzungsdauer sein. Danach können die noch brauchbaren mit neuen Komponenten ergänzt werden. Etwa einer Waschmittelrückgewinnung: Beim Waschen werden 95 Prozent des Waschmittels nicht verbraucht. Wenn ich die zurückgewinne, spare ich viel Energie.

Sind solche . . .
Wenn wir definierte Nutzungszeiten haben, weiss der Hersteller genau, wann er das Material wieder einsetzen kann. Die Anleger kaufen heute Metallpakete mit Kobalt, Kupfer, Silber, Wismut und so weiter und lagern das gegen Bezahlung in einem Tresor ein. In solchen Lagern liegen etwa 8 Prozent der weltweiten Kupferproduktion. Dabei würden wir 12 Tonnen Kupfer lieber für 20 Jahre in einem Windrad einlagern. Dann könnten wir sogar eine Rendite darauf zahlen. So kann alles zur Materialbank werden: das Haus, das Auto, die Waschmaschine.

«Unsere Cradle-to-Cradle-Produkte kosten etwa 20 Prozent weniger.»

Sind solche Produkte preislich konkurrenzfähig?
Unsere Cradle-to-Cradle-Produkte kosten etwa 20 Prozent weniger. Denn die Firmen können in der Produktion die Abläufe vereinfachen und geben weniger aus für Arbeitsschutz, Umwelttechnik, Lagerhaltung. Es gibt die Firma Gessner in Wädenswil. Sie stellt kompostierbare Gewebe. Ihr Abwasser kann sie direkt in den See leiten. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: Wir haben vor vier Wochen ein Solarmodul der Firma Schüco untersucht.
Es hat nach 19 Jahren im Betrieb noch 93 Prozent des Wirkungsgrads. Ein chinesisches Model dagegen hat nach sechs Jahren schon fast die Hälfte des Wirkungsgrads eingebüsst. Wenn ich nicht die Solaranlage verkaufe, sondern nur 20 Jahre Licht einfange und daraus Strom mache, dann ist das Schüco-Modul aus Bielefeld viel billiger als das chinesische Produkt.

Wo nahm Ihr Null-Abfall-Konzept seinen Anfang?
Bei Cradle to Cradle geht es nicht um eine Welt ohne Abfall. Denn bei Null-Abfall, denken die Leute immer noch an Abfall. Wir denken an Nährstoffe. Die Forschung geht auf ein Projekt der Ciba-Geigy zurück. Nach der Sandoz-Katastrophe in Schweizerhalle von 1986 wollte man dort wissen, wie man in Zukunft wirklich nachhaltig sein kann.

Haben nicht Sie den Greenpeace-Protest nach dem Brand in Schweizerhalle geleitet?
Doch. Aber Werkleiter Anton Schärli und Ciba-Präsident Alex Krauer haben damals ganz anders reagiert, als wir das gewohnt waren. Sie haben gesagt: «Braungart, was ihr da macht, ist gefährlich. Ihr könntet nachts am Schornstein abrutschen und sterben. Bitte steigt runter. Wir garantieren euch, dass ihr am nächsten Tag wieder raufklettern dürft.» Das war ein völlig neues Spiel. Diese Kultur hat Gräben zugeschüttet. Zum ersten Mal fragten wir nicht mehr, wer recht hat, sondern: Was ist das Richtige? Ciba hat uns die Chemikalien zur Verfügung gestellt, damit wir unsere essbaren Sitzbezüge machen konnten.

Das war Ihr erstes Cradle-to-Cradle-Produkt?
Es war das erste Cradle-to-Cradle-Produkt weltweit. Wir haben es 1992 mit der Firma Rohner Textil aus dem St. Gallischen Heerbrugg entwickelt. Sie wurde später von Lantal aus Langenthal übernommen. Heute finden Sie Flugzeugsitze mit essbaren Bezügen bei Thai Air, Lufthansa und vielen weiteren.

Warum werden heute überhaupt noch andere Sitzbezüge verkauft?
Das hängt mit der Haftung in den USA zusammen. Wenn sie die anderen Sitzbezüge vom Markt nehmen würden, würden sie bestimmt von jemandem verklagt, weil sie damit einräumen, dass dort giftige Dinge drin sind.

Gibt es weitere Gründe, dass Ihr Konzept zwar seit über 25 Jahren existiert, es sich aber noch nicht durchsetzen konnte?
Um es klar zu sagen: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Cradle to Cradle während meiner Lebzeiten umgesetzt wird. Weil es genau das Gegenteil ist von dem, was die Leute bisher gemacht haben.
Ich habe mein Büro im alten Rathaus in Hamburg. Der Legende nach wurden hier die Menschenrechte zum ersten Mal in deutscher Sprache verlesen. Das war 1765. Zwischen der Erklärung der Menschenrechte und dem Wahlrecht für Frauen sind mindestens 150 Jahre vergangen. Echte Neuerungen brauchen Zeit. Die Windräder haben über 50 Jahre gebraucht, bis sie heute den Strom viel günstiger liefern als jedes Atomkraftwerk.

Spüren Sie keine Widerstände?
Doch. Ich habe beispielsweise zusammen mit Ciba eine Eiscremeverpackung erfunden, die bei Raumtemperatur flüssig ist. Die kann man wegschmeissen, wo man geht und steht; sie baut sich innerhalb von zwei Stunden ab. Aber jemand bei Unilever, für die wir die Verpackung entwickelt haben, hat 31 Jahre lang versucht, die Schädlichkeit von Eiscremeverpackungen zu reduzieren – jedes Jahr um 1 Prozent. Er hat mir klargesagt: Ich lasse mir von Ihnen mein Lebenswerk nicht zerstören.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass der Wandel stattfindet?
Verantwortung ist eine moralische Kategorie. Die lehne ich ab. Ein Produkt, das Abfall wird, ist einfach nur schlechte Qualität. Es braucht keine Moral. Denn überlegen Sie, wie schnell doch die Moral verschwindet, wenn Sie im Auto unterwegs und in Eile sind. Sie wechseln die Spur und verursachen damit den Leuten hinter sich 200 Mal mehr Verzögerung als Sie selber Zeit gewinnen können. Wir haben das mit Studenten in Rotterdam untersucht.

Trotzdem: Wer muss den ersten Schritt machen?
Die Chance – also nicht die Verantwortung – liegt bei demjenigen, der die Dinge herstellt. Wir machen beispielsweise kompostierbare T-Shirts. Die können in Deutschland hergestellt werden und konkurrieren nicht mit Sklavenarbeit in Asien, weil sie für Hautkontakt gemacht und damit bessere T-Shirts sind. Es war Albin Kälin, Geschäftsführer von Rohner, der das 1992 sofort begriffen hat, ohne dass es damals einen Prototypen gab. Heute macht jeder Cradle to Cradle, weil es so lukrativ ist.

Und wir Konsumenten?
Für die jungen Leute ist die soziale Anerkennung mindestens so wichtig wie das Geld. Jemand, der Abfall macht, ist nur ein Idiot. Und blöd will niemand sein. Ich habe nicht erwartet, dass gerade diese narzisstische Generation der eigentliche Treiber bei der Umsetzung von Cradle to Cradle ist. Die narzisstische Einstellung hilft mir im Moment mehr als jede Moralvorstellung von früher.

Ist Cradle to Cradle nicht für viele Unternehmen einfach ein nettes Deckmäntelchen?
Im Internet finden Sie Tausende Cradle-to-Cradle-Produkte. Manchmal ist es zwar eher ein Alibiprodukt. Aber das macht nichts. Bei schnellen Veränderungen gibt es immer Probleme: Bei der Französischen Revolution sind die Leute auf der Guillotine gelandet. Es gibt aber auch Unternehmen, die komplett umstellen, der Schweizer Bürostuhlhersteller Giroflex etwa oder das chinesische Unternehmen Goodbaby.

China? Das Land hat nicht gerade den Ruf, besonders umweltfreundlich zu wirtschaften.
Cradle to Cradle ist wesentlich in China entstanden, durch das Denken in echten Kreisläufen. Wenn man in China auf dem Land zum Essen eingeladen ist, erwartet man dort heute noch, dass man so lange bleibt, bis man die Toilette aufsucht. Es gilt als unhöflich, zu gehen und die Nährstoffe mitzunehmen. Aber wir Europäer müssen die Blaupausen für Cradle-to-Cradle-Produkte liefern. Sonst drohen in China ähnliche Debatten wie bei uns in den letzten 30 Jahren. Diese Zeit haben wir nicht mehr. (Der Bund)

Erstellt: 27.08.2016, 09:04 Uhr

Entsorgt

Wenn Müll mehr als Müll ist: Eine Serie zum Thema Entsorgung

Michael Braungart - Chemiker und Visionär

Zusammen mit dem US-amerikanischen Architekten und Designer William McDonough gilt Michael Braungart als Vordenker der Kreislaufwirtschaft. Gemeinsam entwickelten sie das Wiege-zur-Wiege-Konzept («Cradle to Cradle»), bei dem Abfall vollständig zu Rohstoff für Neues wird.

Der 58-jährige Deutsche ist Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam, wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts und führt sein eigenes Forschungs-, Beratungs- und Entwicklungsbüro Epea in Hamburg. Nach dem Studium der Chemie und Verfahrenstechnik promovierte der damalige Greenpeace-Aktivist an der Universität Hannover. Braungart hat mit seiner Frau, der ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und Mitbegründerin von Greenpeace Deutschland, Monika Griefahn, drei Kinder.

Abfall-Mythos Nr. 7 – wahr oder falsch?

Recycling lohnt sich finanziell nicht

Natürlich geht es beim Recycling um mehr als nur um Geld. Doch blenden wir die Ökologie für einmal aus und widmen uns der Ökonomie. Lohnt sich Recycling finanziell? «Das kommt darauf an, was recycelt wird», sagt Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer der Dachorganisation Swiss Recycling. Bei Gütern wie Papier und Glas ist es teurer, wenn sie mit dem Haushaltskehricht entsorgt werden. Andere wie etwa PET-Flaschen könnten pro Tonne via Verbrennungsanlage günstiger entsorgt werden. Geisselhardt erklärt: «Je leichter und voluminöser das Gut ist, desto grösser ist der logistische Aufwand, desto teurer das Recycling. Ein Beispiel dafür ist Styropor.»

Finanziert wird das Recycling über zwei Einnahmequellen: vorgezogene Recyclingabgaben und Erlöse aus dem Verkauf der gewonnenen Rohstoffe. Weil mit den weltweiten Rohstoffpreisen in letzter Zeit auch die Preise für recycelte Stoffe gefallen sind, ist das System etwas in Schieflage geraten. Bei den PET-Flaschen musste die Finanzierung bereits angepasst werden. «In guten Zeiten deckten die Materialerträge ein Drittel der Vollkosten, heute ist der Anteil praktisch bei null», sagt Geisselhardt. Per 1. Juli wurde deshalb der vorgezogene Recyclingbeitrag erhöht – für eine Halbliter-Flasche von 2 auf 2,3 Rappen.

Wird das Recycling von den Gemeinden subventioniert? Zwar übernehmen die meisten Gemeinden logistische Aufgaben, betreiben beispielsweise auf eigene Rechnung Sammelstellen. Dafür werden sie aber entschädigt. Man könne nun darüber streiten, sagt Geisselhardt, ob diese Zahlungen hoch genug seien. Er weist zudem darauf hin, dass sich Recycling für den Konsumenten lohnt, weil er dadurch Abfallsackgebühren einspare. Dementsprechend nimmt diese Gebühr auch ihre Lenkungsaufgabe war. Das zeigt sich in jenen Westschweizer Gemeinden, die unlängst die Gebührenpflicht eingeführt haben.

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