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Corona-Medienkonferenz der Experten«Unsere Prognose hat sich bewahrheitet – leider»

Seit gestern gelten in der Schweiz verschärfte Corona-Massnahmen. Nun haben sich die Experten des Bundes zur aktuellen Corona-Lage geäussert. Wir berichteten live.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Dem BAG sind heute 9207 Coronavirus-Ansteckungen innerhalb von 24 Stunden gemeldet worden.

  • Laut Taskforce-Chef Martin Ackermann mussten bereits nicht dringliche Eingriffe und Operationen verschoben werden.

  • Diverse Kantone haben ihre Massnahmen gegen das Virus weiter verschärft

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Zusammenfassung

Die wissenschaftliche Covid-19-Taskforce des Bundes präsentiert jeweils am Freitag jeder Woche eine Beurteilung der aktuellen Lage. Im Folgenden ein Überblick mit den wichtigsten Aussagen.

- «Wir erwarten, dass die kritischen Grenzen unseres Gesundheitssystems zwischen dem 8. und 18. November erreicht werden. Eine solche Situation würde die Versorgung von Covid-19- und Nicht-Covid-19-Patienten gleichermassen beeinträchtigen.»

- «Wir erwarten, dass die kürzlich auf kantonaler und nationaler Ebene ergriffenen Massnahmen die Situation verbessern werden. Es besteht jedoch eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Wirkung erst manifestiert, nachdem die Grenzen des Gesundheitssystems erreicht oder überschritten wurden.»

- «Wir erwarten, dass wir höchstens 19 Tage nach Umsetzung der Massnahmen mit hinreichender Sicherheit beurteilen können, ob ein Trend erreicht wurde.»

- «Eine Erhöhung der Kapazität des Gesundheitssystems kann die Situation kurzfristig mildern, bietet jedoch keine nachhaltige Lösung.»

- «Die Kernbotschaften der Behörden sollten darauf abzielen, erstens Verständnis für die Massnahmen zu vermitteln oder zu schaffen; zweitens sehr praktische Perspektiven zu liefern, wie Einzelpersonen, Familien, Teams, Unternehmen weiterhin soziale und wirtschaftliche Aktivitäten innerhalb der Grenzen der Massnahmen verfolgen und geniessen können; sowie drittens einen Ausblick auf die Normalität geben.»

- «Eine Rehabilitation wird für viele Patienten nach Covid-19 erforderlich sein, nicht nur für Intensivpatienten. Es ist wichtig, Kapazitäten für die Rehabilitation aufzubauen und die Finanzierung der Rehabilitation zu klären.»

Die Taskforce beantwortet in Bern die Fragen der Medien.
Die Taskforce beantwortet in Bern die Fragen der Medien.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone/30. Otkober 2020)

- «Wir erwarten in den kommenden Monaten Druck auf die Kapazitäten für psychische Gesundheit und psychiatrische Versorgung, wir müssen Kapazitäten aufbauen.»

- «Wie im Frühjahr 2020 besteht die Gefahr, dass chronische Patienten und akute Nicht-Covid-Patienten aus Angst vor einer Infektion zu Hause bleiben. Nach dem Frühjahr gab es viele Patienten mit chronischen Krankheiten, die monatelang nicht behandelt wurden, und mit schwerwiegenden Folgen akuter Krankheiten, die nicht behandelt wurden. Es ist wichtig, diese Situation in Zukunft zu vermeiden.»

- «Normalerweise dauert es im Schnitt 8 Tage von der Infektion bis zur Bestätigung eines Falls, 9,5 Tage von der Infektion bis zu einem allfälligen Spitalaufenthalt, 12 Tage von der Infektion bis zu einer allfällig notwendigen Betreuung auf einer Intensivstation und 17 Tage von der Infektion bis zum allfälligen Tod.»

- «Eine Zunahme der Testpositivität kann auf eine verringerte Verfügbarkeit oder Zugänglichkeit von Tests hinweisen.»

Die Pressekonferenz ist beendet. Vielen Dank für Ihr Interesse.

Frage: Könnten andere Kantone auch den Ausnahmezustand erklären?

Der Kanton Jura hat heute den Ausnahmeszustand ausgerufen. Alle Bars und Restaurants sowie weitere öffentliche Einrichtungen von Museen bis Sportzentren geschlossen. Zudem werden Ansammlungen von über fünf Menschen untersagt. «Es ist nicht ausgeschlossen, dass andere Kantone nachziehen», sagt Linda Nartey. «Aber es ist nicht das, was wir wollen.»

Nartey spricht auch die Disziplin der Bevölkerung an, sich an die Corona-Massnahmen zu halten. «Wir haben festgestellt, dass die Disziplin nachgelassen hat», sagt sie. Es liege aber nun an der Bevölkerung, die Kurve zu brechen.

Frage: Wann werden die Massnahmen wieder gelockert?

«Falls die aktuellen Corona-Regeln gelockert werden sollten, muss dies wirklich langsam geschehen», sagt Martin Ackermann und weist darauf hin, dass die neusten Massnahmen des Bundesrats unbefristet sind.

Frage: Reichen die Impfdosen für die Grippeimpfung aus?

Die Nachfrage für Grippeimpfungen ist wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr besonders hoch. Das Tessin meldete bereits, dass die Impfdosen ausverkauft sind.

Laut Virginie Masserey hat der Bund zusätzliche Impfdosen bestellt. «Diese sollten Mitte November, Anfang Dezember auf den Markt kommen», erklärt sie. Patienten könnten sich auch noch gut im Dezember gegen die Grippe impfen lassen. «Zudem stehen die Chancen gut, dass noch mehr Dosen verfügbar sein werden.»

Frage: Welche Rolle spielt die Armee während der zweiten Welle?

Erste Kantone haben beim Bund Gesuche für Unterstützung der Armee eingereicht. Die Bundeskanzlei bestätigt, dass die Anfragen derzeit geprüft werden.

Linda Nartey, sagt, sie sei froh, dass es die Möglichkeit gäbe, die Armee beizuziehen, «wenn die Welle nicht gebrochen werden kann».

Frage: Wie viele Fälle beim Gesundheitspersonal?

Kantonsärztin Linda Nartey erklärt, dass sie nur das Ausmass der Infektionen in Bern kenne. «Aber bei uns ist es so, dass es vermehrt zu Ansteckungen beim Gesundheitspersonal kommt und wir auch mehr Quarantänefälle haben.» Die genaue Anzahl kenne sie jedoch nicht.

Frage: Ab wann erhalten Härtefälle finanzielle Unterstützung?

Clubs und Bars mussten aufgrund der neuen Corona-Massnahmen des Bundesrats wieder schliessen. Grossveranstaltungen wurden wieder verboten. Nun fordern die Betroffenen finanzielle Unterstützung des Bundes. Wie Matthias Remund erläutert, werde der Bundesrat demnächst über eine entsprechende Verordnung entscheiden. Die Darlehen sollen dann ab 1. Dezember ausgezahlt werden können.

Frage: Unterschätzt der Kanton Zürich die Situation?

Ein Journalist betont, dass der Kanton Zürich die Situation nicht so dramatisch darstellt, wie die anwesenden Experten des Bundes. Was stimmt nun? «Es gibt starke Unterschiede in den einzelnen Kantonen», erklärt Virgine Masserey.

Martin Ackermann sagt ergänzend, dass der Bericht der Task Force davon ausgeht, dass alle Fälle auf die Kantone optimal verteilt werden. Der wichtigste Faktor seien die Hospitalisierungen. «Wenn es so weiter geht, wird jeder Kanton die Kapazitätsgrenze bald erreicht haben. Was wir tun müssen, ist die Kurve abzuflachen.»

Frage: Werden bald mehr Schnelltests als PCR-Tests durchgeführt?

Die Testkapazität könne mit den Schnelltests stark erhöht werden, erklärt Virgine Masserey. Und die Berner Kantonsärztin Linda Nartey ergänzt: «Mit mehr Tests werden Wartezeiten verkürzt.» In einzelnen Regionen müssten Patienten bereits warten, bis die getestet werden können. «Es gibt allerdings nicht generell zu wenige Tests.»

Nartey betont auch, dass nächste Woche noch nicht jeden Tag 50'000 Schnelltests gemacht werden könnten. «Die logistische Herausforderung ist gross.»

Frage: Genügt das Zurückstellen von Wahleingriffen?

Martin Ackermann begrüsst die Weisung des BAG, dass alle nicht nötigen Operationen aufgeschoben werden sollen. Er gibt jedoch auch zu, dass dies das Problem der überbelasteten Spitäler nicht lösen werde. «Wenn wir mit diesen Massnahmen 200 Intensiv-Behandlungsplätze generieren können, gewinnen wir lediglich 32 Stunden.» Ein exponentielles Wachstum könne nicht anhand linearen Massnahmen gestoppt werden, so Ackermann.

Frage: Wie hoch ist die Gefahr einer Übertragung durch Aerosole?

«Die Häufigkeit der Übertragung mittels Aerosole ist geringer, wie diese bei engem Kontakt mit einer infizierten Person», sagt Virgine Masserey. «In Klassenräumen beispielsweise ist dies aber durchaus ein Thema.»

Die Covid-Taskforce rät auch bei genügend Abstand in allen Innenräumen immer eine Schutzmaske zu tragen.

Frage: Warum wurde die genaue Altersangabe für Risikopatienten gestrichen?

Der Bund hat das konkrete Alter 65 Jahre für die Definition der Risikogruppe gestrichen. Laut Masserey hätten sich Personen über 65 Jahren dadurch diskriminiert gefühlt. «Es bleibt aber dabei: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs.»

Frage: Sollen Spitäler jetzt nicht dringende Eingriffe reduzieren?

«Die Organisation der Spitäler liegt in der Hoheit der Kantone», erklärt Virginie Masserey vom BAG. «Aber ja, wir fordern die Kantone auf, die nicht notwendigen Eingriffe aufzuschieben und Kapazitäten für Covidpatienten zu schaffen.»

Die Sitation sei ernst. «Es gibt ein realistisches Risiko, dass die Spitäler überlastet werden. Das ist keine Angstmacherei.»

Frage: Wie hoch ist der Anteil der asymptomatischen Fälle, die positiv getestet werden?

«Der Grossteil der Getesteten hat Symptome, weil dies auch ein Kriterium ist, damit jemand auf das Virus getestet wird», erklärt Virginie Masserey.

Ackermann weist ergänzend darauf hin, dass ihm die hohe Positivitätsrate Sorgen macht. «Wir verpassen zu viele Infizierte.»

Frage: Reichen die Massnahmen?

Nach Ackermanns Ausführungen können nun die anwesenden Journalisten Fragen stellen. Ein Medienvertreter möchte wissen, ob die Massnahmen ausreichen. «Es kann sein, dass noch einschneidendere Massnahmen nötig sein werden, um die Infektionszahlen zu reduzieren», sagt Martin Ackermann.

Kapazitäten an Spitälern werden überschritten

«Unsere Prognose hat sich bewahrheitet - leider», sagt Martin Ackermann. Der Chef der Covid-Taskforce äussert sich nun zu den Erkenntnissen der Task Force. «Wir müssen damit rechnen, dass die Kapazitäten der Spitäler überschritten werden», erklärt Ackermann.

Laut Ackermann mussten bereits nicht dringliche Eingriffe und Operationen verschoben werden. «Das heisst es gibt Patienten, die auf eine Tumor-Operation warten müssen.» Nun gehe es darum zu verhindern, dass die Spitäler November und Dezember nicht noch mehr strapaziert werden. «Was wir heute tun, kann viel für die Zukunft ausrichten.»

Die verschärften Corona-Massnahmen des Bundesrats begrüsst Ackermann. Bisher hätte man daraus aber noch fast nichts gewonnen. Eine Frage, die Ackermann in den Raum wirft: Wann sollte die Schweiz über weiter Massnahmen entscheiden? «Wir haben das Problem, dass wir die Wirkungen der neuen Massnahmen erst in zwei Wochen sheen werden und uns gleichzeitig die Zeit davon läuft», sagt der Chef der Covid-Taskforce. Als Vorbild beobachte die Task Force nun den Kanton Wallis. Dort wurden früher verschärfte Regeln eingeführt.

«Es braucht nun Einschränkungen»

Der Direktor des Bundesamtes für Sport Matthias Remund spricht nun. «Sport ist wichtig für die mentale und körperliche Gesundheit», erklärt er. Man müsse aber auch Einschränkungen vornehmen, um die Zahl der Infektionen zu senken.

Könne der Abstand eingehalten werden, wie im Fitnesszentrum, bei Yoga oder Pilates, müsse keine Maske getragen werden. Im Freien brauche es auch keine Masken, sofern man genügend Abstand zu anderen Personen hat. Kinder und Jugendliche dürfen weiterhin ganz normal Sport machen.

«Wir drohen an Kapazitätsgrenzen zu stossen»

Anschliessend übernimmt Linda Nartey, Kantonsärztin Bern, das Wort. «Wir drohen an Kapazitätsgrenzen zu stossen», sagt Nertey. «Die Situation in den Arztpraxen ist zunehmend angespannt. Auch haben wir immer mehr Gesundheitspersonal, das sich mit dem Virus infiziert.» Auch die Kantone würden laufend aufstocken, um das Contact-Tracing zu gewährleisten.

Nartey bedankt sich im Namen aller Schweizer Kantonsärzte bei allen, die sich seit Monaten an die Corona-Massnahmen halten. An Halloween sei es abzuraten von Tür-zu-Tür zu gehen.

Schnelltest ab nächster Woche

Die Pressekonferenz beginnt. Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle des BAG, übernimmt das Wort. Sie bezieht sich noch einmal auf die Fallzahlen dieser Woche. «Die Situation ist nicht mit dieser vom Frühling zu vergleichen. Es wird mehr getestet», sagt Masserey. Bei der Anzahl der Spitaleinweisungen und Corona-Todesfällen sei die Entwicklung jedoch ähnlich.

Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle im BAG.
Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle im BAG.
Keystone

Alle Altersklassen seien von Infektionen betroffen — Kinder jedoch weniger als ältere Patienten. «Auch die Lage in den einzelnen Kantonen unterscheidet sich stark.» So sei Wallis bei der Inzident noch immer auf der Spitzenposition. «Das Ziel ist nun, die Überlastung er Spitäler zu verhindern, sagt Masserey». Mit der Umstellung der Kampagne des BAG von orange auf rot, wolle der Bund verdeutlichen, «dass es nun höchste Zeit zum handeln ist».

«Ab nächster Woche sind Schnelltests verfügbar.» Diese können laut Masserey in Arztpraxen, Apotheken und Spitälern durchgeführt werden. Sie werden empfohlen für Personen mit Sympotomen, die nicht zur Risikogruppe gehören sowie Personen, die Kontakt mit einer infizierten Person hatten.

Zum Schluss ruft Masserey die Bevölkerung erneut dazu auf, sich an die Corona-Massnahmen zu halten.

168 Kommentare
    michael thomas

    Ich bin 64 und darf nicht mehr arbeiten, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, weil ich zu alt bin. Nächstes Jahr werde ich in die Altersarmut mit AHV Plus EL entsorgt. Wenn die letzte Stunde meiner betagten Mutter 92 Jahre alt, im Pflegeheim geschlagen hat, habe ich hier nichts mehr verloren. Die meisten meiner Freunde und Verwandten sind bereit gestorben. Die Vorstellung im Alter, einsam, alleine und krank in einem 1-Zimmer Loch langsam krepieren zu müssen, ist unerträglich.