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Mamablog: Erziehung im FilmWo habe ich mein Kind enttäuscht?

Ein deutscher Film sorgte bei unserer Bloggerin für Tränen und liess sie in Abgründe blicken – auch ihre eigenen.

Eine frustrierende Kindheit: Helena Zengel als Benni im Film «Systemsprenger».
Eine frustrierende Kindheit: Helena Zengel als Benni im Film «Systemsprenger».
Foto: Port au Prince Pictures

Wann haben Sie zum letzten Mal in einem Film geweint? Und nein, ich meine nicht den dünnen Wasserfilm, der sich in den Augenwinkeln staut, wenn man sich wegen einer romantischen Komödie an eine frühe Verliebtheit erinnert. Oder jenen dicken Tropfen, der einem in Krebsdramen über die Wange rollt. Ich meine ein Weinen, bei dem es kein Halten mehr gibt, einen Zusammenbruch.

Aneinanderreihung erzieherischer Massnahmen

Ich hatte letzte Woche so ein Erlebnis, herbeigeführt durch einen Zufall. Ich hatte ein Interview gelesen, in dem Poetry-Slammerin und Entertainerin Lara Stoll Netflix-Produktionen als oberflächlich und gefällig beschrieb, was bei uns daheim eine längere Diskussion auslöste und schliesslich dazu führte, dass wir am Abend eine Arthouse-Streaming-Seite ansteuerten.

Nach kurzer Diskussion entschieden wir uns für «Systemsprenger». Den von der Kritik gefeierten Spielfilm hatten wir letztes Jahr im Kino verpasst. Er erzählt die Geschichte der neunjährigen Benni — die burschikose Kurzform für Bernadette , die ihre Kindheit als Aneinanderreihung erzieherischer Massnahmen erlebt.

Die alleinerziehende Mutter ist nicht gefühlskalt, aber unstet und überfordert. Jeder Versuch, Benni zurück in die Familie zu holen, scheitert am eigenen Unvermögen. Auf Hoffnung folgt Enttäuschung, folgen Wutausbrüche, kindliche Gewalt und staatliche Interventionen.

Das System kann nur versagen

Regisseurin Nora Fingscheidt, die auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es, diese fatale Mechanik zu zeigen, ohne ins Plakative zu verfallen oder eine Anklage zu führen. Das System kann nicht anders als versagen. Das ist die Botschaft, die dieser Film vermittelt. Und sie ist global. Das zeigen die Preise, die «Systemsprenger» an Festivals weltweit gewonnen hat, in Palm Springs, São Paulo, Taipeh. Das Verhältnis von Eltern und Kind lässt sich durch Institutionen nicht ersetzen. Wie auch? Es ist absolut. Und so sind die Ansprüche.

Zuzusehen, wie das Mädchen ein ums andere Mal die Hoffnungen in ihre Mutter setzt und enttäuscht wird, ist auch ein Blick in die eigenen Abgründe. Man fragt sich: Wo habe ich mein Kind enttäuscht, wo werde ich es noch enttäuschen? Wenn Benni auf dem Trottoir sitzend wartet, aber die Mama kommt nicht zum 10. Geburtstag, dann ist es nicht die Eskalation, die gewaltsame Ruhigstellung in der Psychiatrie, die einem die Tränen ins Gesicht schiessen lässt. Sondern diese Schutzlosigkeit, mit der jedes Kind seine Erwartungen an die Eltern richtet.

Der Sozialarbeiter sitzt in der Szene neben Benni, und man kann zusehen, wie auch in ihm etwas zerbricht. Es ist die politische Dimension dieses Films, dass er für die Betreuer Partei ergreift, die sich täglich diesem Gefühl aussetzen, die Kinder nicht retten zu können, weil sie nicht ihre Eltern sind, und nicht ihre Eltern werden können. Alle verlieren sie im Film zu Benni die Distanz, und mit ihnen verliert man sie als Zuschauer.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung mit Sitz in Wiesbaden qualifizierte «Systemsprenger» als «besonders wertvoll» Das ist gut zusammengefasst.