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Gastkommentar zu Wissenschaft und PolitikWissenschaft und Politik haben verschiedene Aufgaben

Während der Corona-Pandemie spielen Wissenschafter eine prominente Rolle. Aber sie sollten bei den Fakten bleiben und sich mit ihrer Meinung zurückhalten.

Forscher sollten vor allem ihre Erkenntnisse zur Verfügung stellen, wie hier bei der Untersuchung von Husten an der TU Berlin.
Forscher sollten vor allem ihre Erkenntnisse zur Verfügung stellen, wie hier bei der Untersuchung von Husten an der TU Berlin.
Foto: Christian Jungeblodt (laif)

Vertreter der Wissenschaften wurden während der Corona-Pandemie von der Politik zu spät konsultiert und zu wenig ernst genommen, sagen die einen. Virologen, Epidemiologen und weitere Experten diktierten der Politik, was zu tun sei, sagen andere.

Aufgabe der Wissenschaften ist es, Wissen zu generieren, im Fall der Corona-Pandemie etwa zu den Fragen, was die Ursache dieser vermutlich neuen Krankheit ist, wie Patienten mit Covid-19 diagnostiziert und behandelt werden können oder was die erwünschten und unerwünschten Folgen präventiver Massnahmen, wie dem Tragen von Masken, dem Besuchsverbot in Altersheimen oder dem Schliessen von Geschäften und Restaurants, sind. Das von den Wissenschaften generierte Wissen dient der Politik, unter Einbezug anderweitiger Informationen und Überlegungen, als Grundlage für teilweise einschneidende Massnahmen.

Das deklarierte Ziel politischer Behörden in der Anfangsphase der Epidemie war es, einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. Dem dienten all die einschneidenden Verordnungen. Aufgrund der schnell steigenden Zahl Erkrankter und der erschreckenden Bilder aus der Lombardei war das ein verständliches Ziel.

Mit ihren Empfehlungen verliessen einige Wissenschafter das Feld ihrer Expertise und Kompetenz.

Kurz nachdem in der Schweiz die ersten Menschen infiziert waren, betraten Epidemiologen, Virologen, Infektiologen und weitere Experten die mediale Bühne und berichteten über das, was man zu Covid-19 wusste oder zu wissen glaubte. Sie waren auch keineswegs sparsam mit Empfehlungen an die Adresse der Politik, was diese zu tun habe. Mit diesen Empfehlungen verliessen einige Wissenschafter das Feld ihrer Expertise und Kompetenz und unterschieden nicht mehr klar zwischen dem, was Stand des Wissens ist — Wissen, verstanden als «rechtfertigbarer Glaube» — und ihren auf mehr oder weniger guten Argumenten beruhenden persönlichen Meinungen. Die Fragen, ob das Tragen von Masken vor Ansteckungen schützt oder welche Vor- und Nachteile eine gezielte Durchseuchung der Bevölkerung hat, wurden von den Experten unterschiedlich und teils widersprüchlich beantwortet.

Es gehört nicht zu den Aufgaben der Wissenschaft, Empfehlungen abzugeben, ob man Masken tragen soll oder gar muss, ob man die Bevölkerung gezielt durchseuchen soll oder nicht. Aufgabe der Wissenschaft ist es, Antworten zu geben auf die beiden Fragen, wie gross der präventive Effekt und was die potenziell unerwünschten Effekte des Tragens von Gesichtsmasken sind und wie gross die erwünschten, aber auch die unerwünschten Effekte einer gezielten Durchseuchung der Bevölkerung sind. Wenn dieses konkrete Wissen nicht vorhanden ist – und das war es offensichtlich nicht –, sollten die Experten zu der Aussage, dass sie es nicht wissen, stehen. Das ermöglicht konstruktivere Gespräche zwischen Politik und Wissenschaft, als es während der letzten acht Monate der Fall war.

Vorsicht mit Empfehlungen

Auch wenn es zu den erwähnten und anderen Fragen keine wissenschaftlich erhobenen Daten gibt, ist unbestritten, dass Experten in ihrem Fachgebiet über Erfahrungen und Informationen verfügen, die für den politischen Entscheidungsprozess relevant sind. Diese Kategorie von Wissen basiert auf nicht nach klaren Kriterien erfassten und wissenschaftlich analysierten Daten und ist daher in der Regel mit grösseren Unsicherheiten behaftet. Aufgrund dieser Unsicherheiten ist es ratsam, davon abgeleitete Empfehlungen mit entsprechender Zurückhaltung zu formulieren.

Wenn Wissenschafter deutlicher zum Ausdruck bringen, was als derzeitiger, unbestrittener Stand des Wissens gelten kann, was umstrittener und unsicherer ist und dementsprechend stärker von den zwar fundierten, aber doch persönlich gefärbten Einschätzungen des Wissenschafters geprägt ist und was schliesslich eine blosse persönliche Meinung ist, die nicht mehr wert ist als die irgendeines interessierten Bürgers, tragen sie mit dieser Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis zum besseren Verständnis und zur Glaubwürdigkeit der Wissenschaften bei. Damit helfen sie, dass die Wissenschaften nicht überschätzt, aber sehr wohl ernst genommen werden.

12 Kommentare
    Andreas R. Maier

    Mit der persönlichen Meinung von Wissenschaftlern kann ich jedenfalls mehr anfangen, als mit den Meinungen von Chef-Redakteuren, B-Promis und Komikern. Da aber alle auch direkt betroffen sind, darf sich jeder natürlich auch frei dazu äussern.

    Ich würde eher anprangern, dass man von Politikern zu wenig hört. Da Stille in der Regel nicht auffällt, bemerkt man eben die Äusserungen der Wissenschaftler. Die Politiker hätten aber ihren Wählern gegenüber die Verpflichtung, ihre Position offen zu legen und zu erklären. Diejenigen, die nicht sichtbar werden, sollte man jedenfalls nicht wieder wählen.