Von der Uni auf den Markt

Das Beispiel der Technologietransferstelle Unitectra zeigt, dass sich das Geschäft mit der Wissenschaft lohnt.

Technologietransfer wird zu einem wichtigen Faktor: Studentin an der Universität Zürich.

Technologietransfer wird zu einem wichtigen Faktor: Studentin an der Universität Zürich. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wissenschaft ist ein Geschäft, das Ausdauer braucht. Es kann Jahre dauern, bis sich die wissenschaftlichen Anstrengungen wirtschaftlich lohnen. Aber manchmal geht es auch schnell. Im Mai 2011 wandten sich Forscher des Biochemischen Instituts der Universität Zürich an die Technologietransferstelle Unitectra der Universitäten Zürich, Bern und Basel. Sie hatten eine Methode erfunden, um Wirkstoffe zu generieren, die gegen viele Krankheiten helfen. Im Januar 2012 meldete Unitectra die Erfindung zum Patent an, 2013 wurde die Spin-off-Firma G7 Therapeutics in Schlieren gegründet, 2016 wurde diese für 12 Millionen Franken von der britischen Entwicklungssparte des japanischen Pharmakonzerns Sosei übernommen.

Der Vorgang ist typisch. Die grossen Pharmaunternehmen konzentrieren sich zunehmend aufs Marketing, reduzieren ihre Forschungsabteilungen und kaufen dafür Lizenzen oder gleich ganze Firmen, welche die gewünschten Fähigkeiten mitbringen. Das Wissen, das in der Universität laufend erweitert wird, findet seinen Weg jedoch nicht von alleine in die Wirtschaft.

Anforderungen steigen

Neben den traditionellen Bereichen Lehre und Forschung ist Technologietransfer für die Universität heute eine wichtige Aufgabe. «Es genügt nicht mehr, möglichst gute Publikationen zu veröffentlichen, man muss die Ergebnisse auch nach aussen bringen», sagt Herbert Reutimann, Leiter von Unitectra. Potenzielle Anwender erwarten heute gerade im biomedizinischen Bereich viel weiter gehende Forschungsresultate als früher. «Am liebsten hat die Industrie Neuheiten, für die bereits klinische Tests vorliegen», weiss Herbert Reutimann.

Eine Voraussetzung dafür, dass aus Forschungsresultaten schliesslich Produkte werden, ist meistens die Patentierung. Nur ein durch Patente geschützter Wirkstoff ist beispielsweise der Pharmaindustrie Investitionen wert, die schnell in die Millionen gehen. Hat ein Mitarbeiter der Universität oder einer Universitätsklinik eine Erfindung gemacht, kommt Unitectra ins Spiel. Zuerst wird geprüft, ob überhaupt eine Erfindung im Sinne des Patentrechts vorliegt und ob ein wirtschaftliches Potenzial besteht. Dazu gehört, dass die Erfindung neu ist. Viele Forscher befürchten, ein Patentverfahren verhindere eine rechtzeitige, möglichst schnelle Publikation ihrer Erkenntnisse in den Fachmedien. Herbert Reutimann kann sie beruhigen: «Eine Patentanmeldung kann innerhalb weniger Wochen gemacht werden und behindert die Publikation in einer Fachzeitschrift nicht.» Nach dem Publikationstermin allerdings ist eine Patentanmeldung nicht mehr möglich.

Bereits 100 Produkte auf dem Markt

Ob überhaupt ein Patent angemeldet werden kann, hängt auch davon ab, welche Patente oder Publikationen zum betreffenden Thema bereits bestehen. Für die Abklärung der Neuheit einer Erfindung können professionell geführte Recherchen beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum hilfreich sein. «Gemeinsam mit dem Erfinder, der sein Thema ganz genau kennt, und einem Patentanwalt arbeiten wir von Unitectra dann die Anmeldung aus», erklärt Herbert Reutimann. Der Patentanwalt stellt sicher, dass die formellen Anforderungen erfüllt sind, und formuliert insbesondere die sogenannten Patentansprüche. Es kommt regelmässig vor, das Unitectra am Ende von einer Patentanmeldung absieht, weil die Erfindung nicht mehr neu ist oder weil kein genügendes wirtschaftliches Potenzial absehbar ist.

In der Patenturkunde wird der Erfinder als solcher namentlich genannt. Als Patentinhaber gilt jedoch die Universität Zürich – analog die Universität Bern oder Basel, für die Unitectra ebenfalls arbeitet. Wenn es dann um die Nutzung des Patents geht, also um Lizenzverträge und die entsprechenden Einnahmen, gibt es drei Beteiligte. In der Regel fliesst von den Lizenzeinnahmen je ein Drittel an den Erfinder, an seine Forschungsgruppe und an die Universität. In den 17 Jahren seit der Gründung von Unitectra hat die Technologietransferstelle 1650 Erfindungen evaluiert. Rund 100 Produkte, die auf Patenten aus den Universitäten Zürich, Bern und Basel beruhen, sind auf dem Markt. Auch Forschungsverträge mehrerer Fakultäten mit externen Partnern werden durch Unitectra abgeschlossen. In den 17 Jahren flossen dank solcher Verträge mehr als 1,5 Milliarden Franken an die Universitäten.

Gewinner und Verlierer

Auch für etliche Erfinder, welche die kostenlosen Dienste von Unitectra in Anspruch genommen haben, hat sich dies ausbezahlt. Der Traum vom grossen Geld sei jedoch kaum die Triebfeder für universitäre Geniestreiche. «Wissenschaftler träumen eher vom Nobelpreis als vom grossen Geld», sagt Herbert Reutimann. Die Einstellung der Wissenschaftler zum Technologietransfer hat sich in den letzten Jahren jedoch stark verändert. War die Gründung einer Spin-off-Firma früher kaum ein Thema, kommen jetzt immer mehr Forscherinnen und Forscher mit der Frage zu Unitectra, wie ein solcher Ableger möglich wäre. «Früher kam die Anregung für ein Spin-off häufig von uns, inzwischen sind so viele erfolgreiche Gründungen bekannt geworden, dass der Gedanke, es zu wagen, naheliegt», sagt Herbert Reutimann.

Die Gründung von Spin-off-Unternehmen  gewinnt immer mehr an Bedeutung unter den Wissenschaftlern. 

Nicht alle Spin-offs können Millionen ernten. Pharma und Biotech sind Branchen mit Risiken. Es gibt Rückschläge und Pleiten, und es gibt vor allem Sparten, in denen mit einem sehr langen Atem gerechnet werden muss. «Ein Medikament, das auf einem durch uns patentierten Wirkstoff basiert, ist noch nicht auf dem Markt», räumt Herbert Reutimann ein, der schon seit mehr als 20 Jahren im Technologietransfer tätig ist. Immerhin sind mehrere Pharmaprodukte jetzt in einem fortgeschrittenen Stadium der klinischen Entwicklung.

Am kürzesten ist der Weg von der Erfindung zum Markt bei Software. Ebenfalls relativ schnell realisierbar sind oft Neuheiten der Medizintechnik. Erfolg hat etwa ein System für die robotergestützte Bewegungstherapie, das an der Universitätsklinik Balgrist entwickelt wurde. Ein am Universitätsspital Zürich entwickeltes Infusionssystem, das für Untersuchungen mit speziellen Computertomografen eingesetzt wird, oder ein synthetisches Produkt für die dichte Verschliessung der Hirnhaut nach Schädeloperationen haben ebenfalls den Weg auf den Markt gefunden.

Zahlreiche Innovationswettbewerbe

Der Schwerpunkt der Erfindungen, die an der Universität Zürich gemacht werden, liegt bei den Naturwissenschaften und der Medizin. In diesen Bereichen seien die Forscher und Spin-off-Gründer der Uni ebenso produktiv wie diejenigen der ETH, betont Herbert Reutimann. An der eigentlichen Gründung einer Firma ist Unitectra nicht beteiligt. Erfinder mit Lust auf ein eigenes Unternehmen werden in einer frühen Phase zwar beraten, dann aber meistens an die inzwischen zahlreichen Förderprogramme und Innovationswettbewerbe verwiesen. Bisweilen werden in der Frühphase Studierende in Wirtschaftswissenschaften beigezogen. «Sie können zwar keinen professionellen Businessplan ausarbeiten, aber wichtige Marktinformationen und andere Entscheidungsgrundlagen beschaffen», sagt Herbert Reutimann.

Die schweizerischen Hochschulen haben vor einigen Jahren begonnen, Lizenzangebote gemeinsam im Web zu veröffentlichen, um so ein Schaufenster für die Industrie zu bieten. Dass man auf diesem Weg einen Partner finde, sei nicht gerade häufig, sagt Herbert Reutimann selber. Der beste Weg sei der direkte Kontakt. «Gemeinsam mit den Erfindern erstellen wir eine Liste von potenziell interessierten Firmen. Oft weckt es dann mehr Interesse, wenn das entscheidende Mail vom Erfinder persönlich verschickt wird.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2017, 17:56 Uhr

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