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Zurück in der Zivilisation

New York, New York! Wenn die Freiheitsstatue am Horizont auftaucht, ist der Kulturschock nicht weit. Abschluss der Serie «Grüsse aus dem Golfstrom».

Willkommen in New York: Die Freiheitsstatue empfängt die MS Tûranor Planet Solar. (17. Juni 2013)
Willkommen in New York: Die Freiheitsstatue empfängt die MS Tûranor Planet Solar. (17. Juni 2013)
Stefanie Pfändler
Raumschiff vor Skyline: Manhattan bietet eine Kulisse ...
Raumschiff vor Skyline: Manhattan bietet eine Kulisse ...
Stefanie Pfändler
«Die Seeleute haben ihre helle Freude an uns»: Stefanie Pfändler berichtet für  von Bord.
«Die Seeleute haben ihre helle Freude an uns»: Stefanie Pfändler berichtet für von Bord.
zvg
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Inmitten der viel befahrenen New York Bay blitzte am Montagvormittag endlich die Freiheitsstatue zwischen den grossen Tankern hervor. Kurz darauf tauchte dann auch die Skyline Manhattans auf – und nun waren wir es, die die Münder nicht mehr zubrachten. Vergessen waren die Touristen, deren Linsen sich mehr auf unsere MS Tûranor als auf New York konzentrierten, vergessen war unser Raumschiff. Welch Kulisse!

Zeit, um das grossstädtische Spektakel zu bewundern, hatten wir genug. Kapitän Gérard hatte ausgerechnet, dass der Hudson River um 13 Uhr die geringste Tidenströmung aufweisen würde. Nur dann würden wir unser Schiff in die enge North Cove Marina hineinmanövrieren können. Wir kurvten also vergnügt in der Bucht herum und spielten eine Weile lang Touristen.

Ankunft mitten in Manhattan

Dann wurde es ernst. Andrew übernahm das Steuer, Gérard stand an Deck und kommandierte ihn in den Hafen. Plötzlich wirkte unser Boot viel zu gross für den engen Platz. Zuerst schien alles gut zu gehen, doch dann wurden wir um ein paar wenige Grad über den richtigen Winkel hinausgetragen – und steckten fest. Mitten in der Einfahrt der luxuriösen Marina in Lower Manhattan, umringt von blank polierten Segelschiffen, blitzenden Hochhäusern und unzähligen Zuschauern und Journalisten.

Unsere sichtlich gut betuchten Nachbarn wurden nervös: «Ihr wollt wirklich da rein?» Wir zeigten uns optimistisch und bemühten uns, das Boot in die richtige Position zu bringen. Am Quai standen bereits die Zollbeamten mit gezückten Kugelschreibern und starrten uns grimmig an. Nicht nur sie mussten sich nun in Geduld üben: Nach vierstündiger Millimeterarbeit standen wir endlich an unserem Platz. Wir und unsere Nachbarn atmeten auf, alles war gut gegangen.

Der Kulturschock

Einmal mehr zeigte sich: Die präzise Navigation ist für unser Solarboot keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Innerlich applaudierten wir einander für das vollbrachte Kunstwerk und hatten endlich Zeit, uns umzublicken: Mitten in Manhattan waren wir gelandet, überall glänzende Fassaden, eine Strasse weiter befindet sich der Ground Zero, dort vorne beginnt der Broadway und hier hinten die Wall Street.

In mir machte sich ein kleiner Kulturschock breit. Plötzlich spürte ich die einsamen Stunden auf dem Meer, erinnerte mich an das endlose Blau um uns herum, die Stille der See und die langen Sonnenuntergänge auf den Solarpanels. Nun wurden wir plötzlich in die Zivilisation hineingeschleudert, so laut, wie sie nur in Amerikas Grossstädten sein kann. Ein wenig wünschte ich mich zurück in das friedliche Deltaville in den Wäldern Virginias, aufs offene Meer hinaus, zu den langen Nächten ohne Musik und Radau.

Wie weiter?

Während für mich die Expedition Deepwater in New York zu Ende geht – ich kehre in die Schweiz zurück und überlasse meinen Platz einer Kollegin der Universität Genf –, geht das Abenteuer für die MS Tûranor und ihre Crew schon bald weiter. In Boston warten wichtige Konferenzen mit wissenschaftlichen Partnern, und dann geht es weiter in den Norden.

Die Details der Reise werden im Moment allerdings neu geplant: Der Tornado bei North Carolina hat den Katamaran an seine Grenzen gebracht. Obwohl bisher alles gut gegangen ist, machen wir uns Gedanken: Zwischen dem kanadischen St. John's und Reykjavik gibt es keine schützende Bucht, wie wir sie hatten. Die See ist unberechenbarer und die Sonne schwächer. Werden sich die Energiereserven selbst bei längeren Schlechtwetterphasen wieder schnell genug aufladen können? Noch fehlen Planet Solar Erfahrungswerte für den hohen Norden.

Die unanfechtbaren Gesetze der Natur

Derzeit wird gerechnet und kalkuliert, es werden Strömungen analysiert und Wettersituationen studiert. Und wissenschaftliche Fragestellungen evaluiert. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, wo der Kompromiss zwischen dem Wollen und dem Können liegt. Möglich ist, dass am Ende eine leicht südlichere Route die sicherere Variante sein wird. Zwar müssten wir dabei auf die Vermessung der kalten Regionen verzichten, dafür würden wir exakt den Weg des Golfstroms nachverfolgen.

Wir werden sehen. Das Schöne an unserem Boot ist, dass es uns immer wieder an unseren Platz zurückweist und an die unanfechtbaren Gesetze der Natur erinnert. Neben unserer wissenschaftlichen Arbeit ist auch dies eine wichtige Lektion, die es zu lernen gilt.

Dieser Blog wird mit der Heimkehr von Stefanie Pfändler nicht mehr weitergeführt. Die aktuelle Position des Schiffs, News und ein Blog vom Team an Bord finden Sie hier.

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