Wegweisende Brückenbauer

Die Ingenieure Ernst und Albert Schmidt konstruierten die Schweiz, über die wir täglich rollen.

Hält der Beton? Belastungsprobe am Treppenabgang. Foto: PD/Archiv Schmidt+Partner

Hält der Beton? Belastungsprobe am Treppenabgang. Foto: PD/Archiv Schmidt+Partner

Gelbe Ungetüme schweben über dem Gleismeer und schieben sich in die Luft hinaus. Die Brücken der Durchmesser­linie in Zürich wären ohne Freivorbau nicht konstruierbar, zu wenig Platz ist zwischen den Schienen darunter. Mit der Technik wird eine Brücke Meter für Meter ins Nichts vorgebaut, ohne stützendes Gerüst. Massgeblich beeinflusst haben das Verfahren die beiden Brüder Ernst und Albert Schmidt. Die Ingenieure waren Pioniere des Brückenbaus, blieben aber weitgehend unbekannt. Ernst Schmidt starb 1990, 2007 sein Bruder Albert. Sein Sohn Wendelin, der die Firma übernahm, hat ihre Geschichte nun in einem Buch nacherzählt.

Ein Schub an Infrastruktur

1948 gründete Ernst in Basel ein Ingenieurbüro, vier Jahre danach stieg der Bruder mit ein. Die beiden berechneten unter anderem das 7,5 cm dünne Hängedach der Sporthalle St. Jakob, ihr Fokus aber waren Brücken. Die Brüder planten die Schweiz, die wir täglich überrollen. Nicht spektakuläre Hängebrücken in den Bergen, sondern auf den ersten Blick unscheinbare Autobahnbrücken im Mittelland. Es war die Zeit, als die ­Autoschweiz gebaut wurde. Als sich gewöhnliche Strassen in leitbeplankte Korridore für die ungehinderte Fortbewegung verwandelten. Zwischen 1965 und 1985 entstanden über 1400 Brücken und Viadukte. Dieser Schub an Infrastruktur verlangte nach neuen Methoden. Ernst Schmidt erforschte neues Material und konstruierte 1952 die erste vorgespannte Betonbrücke der Schweiz. Dabei wird der Beton mit Spannkabeln unter Druck gesetzt, um Risse zu verhindern, was grössere Spannweiten und kleinere Querschnitte erlaubt.

Die Vorspannung war die Voraussetzung für einen zweiten Durchbruch im Brückenbau: den Freivorbau. Die Breitebrücke in Basel hätte Anfang der 50er-Jahre die erste Konstruktion dieser Art in der Schweiz werden sollen. Doch Experten warnten. Auch ein Besuch in Deutschland, wo mit der Technik schon gebaut wurde, überzeugte den Regierungsrat nicht. Zehn Jahre später, als die Brüder Schmidt die Johanniterbrücke in Basel umbauten, war die Zeit gekommen. Auf den alten Pfeilern errichteten sie neue Träger im Freivorbau und bewiesen, dass die Technik reif war. Nachdem das Patent dafür in Deutschland abgelaufen war, konstruierten sie auch dort Brücken mit dem Verfahren.

Eine weitere Möglichkeit, um möglichst stützenfrei zu überbrücken, sind Querrippen – insbesondere bei breiten Autobahnbrücken. Die Rippen der Birsbrücke in Basel kragen neun Meter weit über Bahn und Strasse aus und zeigen: Bereits 1969 war es verkehrstechnisch eng in der Schweiz.

Eine technische Schulstunde

Wenige Stützen und grosse Spannweiten sind auch gefragt, wenn der Boden unberührt bleiben soll. Etwa beim Viadukt entlang des Greyerzersees, fertiggestellt 1979. Die Strasse ist flach, die Spannweite konstant: Im Rhythmus von 60 Metern stossen die Pfeiler gleichmässig ins Terrain. Das Bauwerk dominiert die Natur nicht, aber es zeigt, wie der Mensch sie überwindet. Was es dazu braucht, erklärt das Buch akribisch. Es berichtet über Scheitelgelenke oder Spreizkräfte und erteilt dem Leser eine arg technische Schulstunde. Zugänglicher sind die vielen historischen Fotos aus dem Bauprozess, auf denen man eindrücklich sieht, wie sich das Vorbaugerüst über den Abgrund schiebt oder wie die Spannkabel sich krümmen.

Tages-Anzeiger

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