Städte ohne Eigenschaften

Betrübliche Betonbauten, verkehrsreiche Strassenschluchten: Städte-Designer sagen, dass eine monotone Umgebung auf das Gemüt der Passanten schlägt und ihr Verhalten beeinflusst.

Die Umgebung beeinflusst, wie wir uns bewegen und wie wir uns fühlen – Times Square in New York. Foto: Jason Joyce (Gallerystock)

Die Umgebung beeinflusst, wie wir uns bewegen und wie wir uns fühlen – Times Square in New York. Foto: Jason Joyce (Gallerystock)

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Die US-Supermarktkette Whole Foods errichtete vor einigen Jahren an der Lower East Side in New York einen ihrer grössten Stores – einen riesigen Backsteinkomplex mit Glasfronten, der sich nicht so recht in die Architektur des Künstlerviertels einpassen wollte. Die alteingesessenen Bewohner empfanden den Bau als Affront gegen die Kultur des Stadtteils. Was macht dieser Eingriff mit den Bewohnern und Passanten, wenn plötzlich so eine Megastruktur in ein homogenes Stadtviertel mit urigen Jazzbars, Bodegas und kleinen Parks implantiert wird? Welchen Einfluss hat das auf die Psyche der Menschen?

Dieser Frage ging der kanadische Umweltpsychologe und Neurowissenschaftler Colin Ellard nach. In einem Experiment schickte er an der Universität Waterloo zwei Versuchsgruppen vor die Supermarktfiliale und liess die Teilnehmer via Smartphone Fragen über ihren emotionalen Zustand beantworten. Gleichzeitig trugen die Probanden Armbänder, die ihre elektrodermale Aktivität, sprich ihre Hautreaktionen, massen.

Die eine Gruppe postierte sich vor der Fassade des Whole-Foods-Markts, die andere hielt sich nur ein paar Schritte weiter entfernt vor einer belebten Einkaufsmeile mit Geschäften und Restaurants auf. Die Ergebnisse waren eindeutig: Während die Probanden der ersten Gruppe grösstenteils gelangweilt und passiv waren, äusserten sich die Teilnehmer der zweiten Gruppe positiver und glücklicher. Die physiologischen Muster stimmten mit den Gefühlen überein. Daraus schloss Ellard, dass die Umgebung einen signifikanten Einfluss auf den Gemütszustand haben muss.

Suche nach Lebhaftem

Der Befund ist an sich nicht neu. Der dänische Architekt Jan Gehl, der am Bau der Strøget, der damals weltgrössten Fussgängerzone in Kopenhagen beteiligt war, beobachtete schon 2006, dass Fussgänger vor Fassaden schneller gehen, vermutlich, weil sie der monotonen Architektur entfliehen wollen und etwas Interessanteres, Lebhafteres suchen. «Indem man nur das Erscheinungsbild und die physische Struktur der unteren drei Meter eines Gebäudes ändert, kann das einen dramatischen Einfluss auf die Art und Weise haben, wie eine Stadt genutzt wird», schreibt Ellard in einem Essay für das Onlinemagazin «Aeon». «Nicht nur, dass die Leute eher in Stadtgebieten mit offenen und lebhaften Häuserfronten herumlaufen, sondern auch die Dinge, die sie an solchen Orten tun, ändern sich.»

Betrübliche Betonbauten und monolithische Häuserblöcke seien nicht nur ästhetisch eine Katastrophe, sondern auch funktional, weil sie nicht zum Verweilen einladen, sondern zum schnellen Durchlaufen – wie in einer U-Bahn-Passage. Man gehe schnell weiter, weil man woanders hin wolle. «Auf psychologischer Ebene scheitern die Gebäude, da wir biologisch so disponiert sind, Orte zu bevorzugen, die durch Komplexität und Interesse definiert sind», schreibt Ellard weiter. Der Mensch brauche in der urbanen Umgebung Reizpunkte, sonst langweilt er sich.

Vom dänischen Architekten Gehl stammt die Losung, dass sich Städte bei «5 Kilometern pro Stunde und nicht bei 60» fortbewegen sollen. Eine Stadt sollte so konzipiert sein, dass der Fussgänger alle fünf Sekunden etwas Neues sieht. Doch Städte werden heute für Gebäude und Verkehrsmittel und nicht mehr für den Menschen gebaut. «Überall im Westen und immer stärker auch in Entwicklungsländern sind die nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten Stadtbilder auf die Bedürfnisse des Autos und die Doktrin des Kapitalismus skaliert worden», kritisiert Alfredo Brillembourg, Architekturprofessor an der ETH Zürich und Gründer des multidisziplinären Designbüros Urban-Think-Tank (UTT). Weil Autos keine zivilen Bedürfnisse hätten, sondern nur von Tür zu Tür führen, habe das zersiedelte moderne Stadtbild keine Raumhierarchie mehr. Auf psychologischer Ebene kreierten diese Plätze «Nichtorte», die normalen Menschen einen «klaren Sinn sozialer Zugehörigkeit» verwehrten. Shoppingmalls gehören laut Brillembourg zu solchen Plätzen. Dort gebe es keine physische Infrastruktur, die Sozialkontakte einer Gemeinschaft erlaubten. «Die Monotonie und Kälte dieser Nichtorte sowie der Verlust von Sozialkontakten verstärken das Gefühl von Isolation und das Stressniveau», sagt der Architekt. «Die urbane Umgebung hat einen überwältigenden Effekt darauf, wie wir uns bewegen, fühlen und was wir essen.»

Monotonie als Vorteil?

Es geht um ein grundbiologisches Bedürfnis. «Strassenzüge und Gebäude, die unser Verlangen nach sensorischer Vielfalt ignorieren, kappen die Wurzel unserer uralten evolutionären Impulse für Neues», glaubt Umweltpsychologe Ellard. Das werde wohl nicht zu mehr Komfort oder Glücksgefühl in der Bevölkerung führen. Das Problem sei, dass es kaum noch etwas zu entdecken gebe in Städten. Die Logos der Fast-Food-Ketten blinken uns schon aus der Ferne an, das Warensortiment in Shoppingmalls ist überall dasselbe.

Der Architekt Rem Koolhaas stellte in seinem Essay «Die Stadt ohne Eigenschaften» die Frage, ob es nicht vielleicht gewollt ist, dass unsere Städte immer gleicher und gesichtsloser aussehen. In einem Interview mit dem «Spiegel» sagte er: «Eine Stadt wie Dubai hat 80 Prozent Einwanderer, Amsterdam 40 Prozent. Ich glaube, für diese Bevölkerungsgruppen ist es einfacher, durch Dubai, Singapur oder die Hamburger Hafen-City zu laufen als durch schöne mittelalterliche Stadtkerne.»

In einem Zeitalter der massenhaften Immigration müsse es vielleicht auch zu einer massenhaften Ähnlichkeit der Städte kommen. «Diese Städte funktionieren wie Flughäfen. Die immer gleichen Geschäfte sind an den immer gleichen Stellen. Alles ist über die Funktion definiert, nichts über die Geschichte. Das kann auch befreiend sein», so Koolhaas. Vielleicht kann man aus einer fatalistischen, nihilistischen Sichtweise sagen: Auf die Umgebung kommt es gar nicht mehr an. Es ist im Grunde egal, wie die Stadt konstruiert ist, weil wir sie im Dunstkreis von Smartphone-Apps ohnehin nicht wahrnehmen. Solche eigenschaftslosen Zonen, wie sie Rem Koolhaas in seiner «Generic City» entwarf, können auch keine negativen Gefühle wie Langeweile produzieren.

Entmenschlichte Fussgänger

Dieses Argument will der griechische Architektur- und Designtheoretiker Nikos Salingaros nicht gelten lassen: «Die Menschen mögen vielleicht den ganzen Tag mit ihren Smartphones verbringen, aber die Umgebung bestimmt weiterhin unterschwellig ihren emotionalen und physischen Gesundheitszustand.» Deshalb gingen die Leute doch zum Beispiel ins Café Landtmann in Wien, um einen Businessplan oder ein neues Drehbuch zu besprechen. Der Mathematiker begreift die Wahrnehmung der räumlichen Umgebung als eine kognitive Rechenleistung. «Wenn der zusätzliche Stress, eine ungesunde Umgebung zu verarbeiten, weg ist, hat das Gehirn Platz, Probleme zu analysieren.» Salingaros ist wie Ellard der Auffassung, dass Urban Design eine Sache «öffentlicher Gesundheit» ist. «Gesichtslose industrielle Fassaden sind unmenschlich, und sie entmenschlichen die Fussgänger, die sie jeden Tag von Nahem erleben.»

Colin Ellard: Places of the Heart, The Psychogeography of Everyday Life. Bellevue Literary Press, 2015. 256 Seiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2016, 19:44 Uhr

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