«Ökologie ist profitabel»

Bertrand Piccard will mit seinem Solarflug die Menschen für einen Wechsel auf saubere Energie gewinnen. Dafür müsse auch die Schweiz ihre Komfortzone verlassen.

«Wollen Sie fortfahren mit der Zerstörung der Umwelt?»: Bertrand Piccard. Foto: Adrian Moser

«Wollen Sie fortfahren mit der Zerstörung der Umwelt?»: Bertrand Piccard. Foto: Adrian Moser

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Sind Sie Forscher, Abenteurer oder Missionar?
Ich bin kein Missionar. Ich bin ein Erforscher neuer Wege des Denkens und Tuns. Bei Solar Impulse ging es nicht darum, einen Weltrekord zu brechen.

Aber für viele war Solar Impulse bloss ein Rekordversuch.
Bis zum pannenbedingten Unterbruch des Fluges in Hawaii im Sommer letzten Jahres war das so. Die Pause bis zum April dieses Jahres hat alles verändert. Die Leute begannen, sich mit der Bedeutung unseres Unterfangens zu beschäftigen.

Wie kam es zu diesem Wechsel in der Wahrnehmung?
Die Leute dachten im ersten Jahr wohl, es gehe einfach um eine Reise um die Welt, bei der es Wetterprobleme gab. Während der Pause haben ich und mein Partner André Borschberg viel unternommen, um das Projekt zu erklären. Wir trafen uns mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, mit dem französischen Präsidenten François Hollande und den Organisatoren der UNO-Weltklimakonferenz in Paris.

«Ich fühle mich nicht als Missionar. Ich bin ein Botschafter.»

Sie wollen sagen, dass die Panne im Pazifik rückblickend ein Glücksfall war?
Absolut. Als wir unseren Flug wieder aufnahmen, hatten wir viele Institutionen, Organisationen und Firmen aus dem Cleantech-Bereich als Follower auf Social Media.

Sie sind eben doch ein Missionar.
Ich fühle mich nicht als Missionar, ­sondern als Botschafter sauberer Technologien.

Aber Sie wollen überzeugen.
Das wollen Politiker auch. Ein Missionar ist jemand, der eine moralische oder religiöse Botschaft propagiert. Und das tue ich nicht.

Aber Sie haben eine moralische Botschaft, nämlich die Energie­verschwendung zu stoppen.
Das ist keine moralische Botschaft, sondern eine logische. In Europa haben wir heute ein Nullwachstum. Es gibt keine Innovationen mehr, und der Konsum geht zurück. Mit dem Wechsel veralteter Infrastrukturen zu Cleantech wird wieder Wachstum erzeugt. Mit konsequenten Gebäudeisolationen, dem Ersatz von Elektroheizungen durch Warmwasserpumpen, Glühlampen durch LED-Lampen und Autos durch elektrische Autos kann der CO2 halbiert und die Wirtschaft gleichzeitig entwickelt werden.

Aber der Ölpreis ist derzeit viel zu tief für eine nachhaltige Energiewende.
Das spielt nun wirklich keine Rolle – im Gegenteil. Um Solarzellen herzustellen, muss man Sand schmelzen. Tut man es mit billigem Erdöl, so ist das eine in meinen Augen intelligente Umwandlung von schmutziger Energie in saubere Energie. Warum ist denn Solarenergie so billig heute? Weil der Erdölpreis tief ist. Heute braucht man nicht besonders ökologisch beseelt zu sein, wenn man sich logisch verhält.

Für viele Investoren sind ­Alternativenergien zu teuer.
Kosten und Investitionen werden heute oft verwechselt. Mit den heutigen tiefen Zinsraten ist alles besser, als das Geld auf der Bank liegen zu lassen. Aber ohne klaren rechtlichen Rahmen ist das Risiko tatsächlich gross. So ist die Politik in Frankreich und Spanien wechselhaft: Zuerst wird in die Solarindustrie investiert, dann wird die Unterstützung wieder gestoppt. In diesen Ländern gab es keine Langzeitvision. Dies gefährdet die Wirtschaft. Tausende von Produzenten alternativer Energien wurden so in den Bankrott getrieben.

Kritiker monierten, dass Solar Impulse viel Energie gekostet habe.
Es war nicht das Ziel von Solar Impulse, jemanden rund um die Welt fliegen zu lassen, ohne die Luft zu verschmutzen. Wir hatten ein Team, das uns begleitete. Das Flugzeug wurde im Jumbojet nach Abu Dhabi geflogen. Wir wollten zeigen, dass es die sauberen Energien von heute ermöglichen, ein Flugzeug Tag und Nacht ohne Brennstoff zu fliegen. Wer schneller und ohne Team um die Welt fliegen will, soll sich ein Airlineticket kaufen. Jedenfalls ­haben wir unseren Treibstoffverbrauch mit Myclimate kompensiert.

In zwanzig Jahren wird aber kaum jemand mit Solarflugzeugen fliegen.
Solarflugzeuge sind nicht sehr praktisch, weil sie ihre eigene Elektrizität produzieren müssen. Aber in zehn Jahren werden elektrische Flugzeuge, die ihre Batterien am Boden aufladen, mit bis zu ­ 50 Personen rumfliegen. Vor drei Jahren hätte ­ ich diese Prophezeiung nicht gewagt. Diese Flugzeuge werden der erste Schritt zum Wechsel auf Solarflugzeuge sein.

Sie glauben doch an Solarflugzeuge?
Ich will nicht die Luftfahrt verändern. Das ist nicht mein Ziel. Mein Ziel ist es, die Mentalität der Leute zu verändern. Dank Solar Impulse spreche ich nun mit Ihnen über Cleantech und Energieeffizienz. Dank Solar Impulse konnte ich live in die UNO-Vollversammlung zugeschaltet werden oder vor den Energieministern der EU sprechen. Solar Impulse ist nur ein Werkzeug. In diesem Sinne war das Projekt sehr erfolgreich. Und es geht weiter.

Haben die Leute die Botschaft verstanden?
Ich muss wohl noch ein paar Interviews geben, ­damit alle es verstanden haben. Einige Leute haben gesagt: «Solar Impulse hat die Technologie nicht verbessert.» Natürlich. Unser Ziel war es nicht, die Technologie zu verändern. Wir wollten die Leute motivieren, sich für Cleantech zu interessieren. Die Welt kommt heute nicht vom Fleck, weil viele Menschen Gefangene alter Denkweisen sind. Ich habe das Wright-Museum im US-amerikanischen Dayton besucht. Als Wilbur und Orville Wright im Jahr 1903 ihren ersten Flugversuch machten, hat sie die ganze Welt ausgelacht. Jemand hat gar gesagt: «Diese zwei sollten anständig arbeiten und ihre Zeit nicht mit einem dummen Spielzeug verbringen.»

Hat das auch Ihnen jemand gesagt?
Ja, und ich bin stolz darauf, weil es bedeutet, dass ich ein Pionier bin.

Sie schreiben, wir könnten einen exzellenten Lebensstandard ­erhalten. Sind Sie da so sicher?
Wenn wir mit den alten Technologien von heute fortfahren, ist die Gefahr gross, dass es zu einer Reduktion des Lebensstandards kommen wird. So werden zum Beispiel Autos in Städten verboten und neue Lenkungsabgaben erhoben werden. Wer aber sein Haus isoliert, reduziert den Energieverbrauch um bis zu 80 Prozent. Eine Wärmepumpe verbraucht 75 Prozent weniger Energie als eine Elektroheizung. Mit Cleantech kann man seine Emissionen und seine Energierechnung stark senken – und trotzdem den Lebensstil fortführen.

Sie möchten Autos mit einem Benzinverbrauch von 20 Litern auf 100 Kilometer verbieten.
Mit einem Hybridauto braucht man bloss 5 Liter auf 100 Kilometer. Ich fahre seit 2004 ein Hybridauto. Die Investition hat sich zigfach gelohnt, wenn ich an all das Benzin denke, das ich damit einsparen konnte.

Sie verlangen Obergrenzen für den Energieverbrauch von Branchen, damit sie in die Umstellung auf erneuerbare Energien investieren.
Man kann nicht den Konsumenten bestrafen. Aber man kann die Produzenten dazu bringen, saubere Produkte zu produzieren.

Politisch ist das ein schwieriges Vorhaben.
Nein. Es ist einfacher, die Implementation von Cleantech zu fördern, als den Lebensstil der Menschen zu reduzieren und sie dazu zu bringen, weniger zu konsumieren. Wenn Restriktionen für alle Produzenten einer Branche gültig sind, wird die Wettbewerbsfähigkeit nicht beeinträchtigt.

Wie sollen die erneuerbaren Energien aber gespeichert und transportiert ­werden? Wer baut die Netze aus?
Was wollen Sie? Wollen Sie fortfahren mit der Zerstörung der Umwelt und dem Klimawandel? Wollen Sie die Freiheit des Einzelnen einschränken und den Lebensstil reduzieren? Oder wollen Sie einen Technologiewandel, um neue Märkte zu eröffnen und neue Jobs zu kreieren? Das ist die Wahl, vor der wir heute stehen. Und wir brauchen intelligente Regierungen, die die Menschen in die richtige Richtung führen. Von sich aus werden die Menschen ihre Gewohnheiten nicht ändern.

Was halten Sie von der Initiative «Grüne Wirtschaft», womit der Energieverbrauch bis 2050 um 65 Prozent gesenkt werden soll?
Vor zehn Jahren war die Wirtschaft gegen erneuerbare Energien. Es wurde befürchtet, dass die Energiepreise steigen und die Industrie zerstört werden könnte. Eingetroffen ist genau das Gegenteil. Die Energiepreise sanken, weil viele Länder in Solarenergie investiert haben. Wenn wir heute Vorschriften erlassen, um die Umstellung auf erneuerbare Energien zu stimulieren, erhält damit auch die Industrie einen wirtschaftlichen Impuls.

Also sind die Ziele der Initiative vernünftig?
Die Ziele der Initiative sind sinnvoll für die Wirtschaft. CO2-Emissionen sind ein Massstab für Ineffizienz. Die Verschwendung von Energie und natürlichen Ressourcen kostet die Wirtschaft alljährlich ein Vermögen. Es ist daher Zeit für moderne Technologien. Können Sie sich vorstellen, wie viele Leute daran verdienen werden? Wenn wir nicht rechtlich zur Nutzung sauberer Technologien gezwungen werden, wird nichts passieren.

Sie plädieren dafür, ökologisches Denken von der Parteifarbe der Grünen zu trennen. Ist das nicht naiv?
Nein. Weil Ökologie profitabel ist. Wenn wir mit dem Streit zwischen Ökologie und Ökonomie fortfahren, verlieren wir das Ziel aus den Augen.

Ihr Grossvater schrieb 1943, dass Solarenergie das Erdöl ersetzen sollte. War er ein Prophet?
Er hat verstanden, dass die Ölreserven beschränkt sind. So kämpfte er für Wärmepumpen und Solarenergie.

Ihre Vorfahren gelten eher als ­Forscher und Abenteurer, nicht unbedingt als ökologische ­Vorkämpfer wie Sie.
Meine Vorfahren hatten dieselben Anliegen wie ich. Als mein Grossvater mit dem Ballon in die Stratosphäre flog, hat er gezeigt, dass die Luftfahrt in dieser Höhe effizienter sein könnte, weil die Luft dünner und der Luftwiderstand geringer ist. Als mein Vater mit dem U-Boot in den pazifischen Marianengraben fuhr, suchte er nicht nur das Abenteuer. Er konnte beweisen, dass es auch am tiefsten Punkt der Weltmeere Leben gibt. Die Pläne damaliger Regierungen, radioaktiven Abfall dort zu deponieren, konnten nicht realisiert werden.

War Ihr familiäres Erbe Belastung oder Stimulation für Sie?
Es war eine grosse Stimulation. Mein Vater hat mich nie gezwungen, ein Forscher oder Pionier zu werden. Im Gegenteil, er war ängstlich, als ich mit dem Drachensegeln begann oder später mit dem Heissluftballon fuhr.

Sie hatten als Kind Angst, auf Bäume zu klettern. Mit 16 flogen Sie aber mit dem Hängegleiter. Das ist doch sehr überraschend.
Das kam nicht überraschend. Ich wollte mich mit dem Fliegen heilen. Das habe ich von meinen Vorfahren gelernt: Wenn man in einer Krise steckt, kann man sie überwinden, indem man sich höhere Ziele steckt. Man kann nicht einfach im Lehnstuhl sitzen und auf ein Wunder warten.

Aber Sie sind beinahe abgestürzt mit dem Hängegleiter. Sie hatten Glück.
Es war nicht bloss Glück. Ich hatte einen Rettungsfallschirm, und ich war dafür ausgebildet, ihn zu benutzen.

Sicherheit ist heute eines der ­höchsten Güter in der Schweiz. Sollte man wie Sie sein Leben ­riskieren, um vorwärtszukommen?
Die Schweiz wurde reich, weil Pioniere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grosse Risiken auf sich genommen haben. Sie haben Tunnel und Brücken gebaut, Banken, Versicherungen und das Rote Kreuz gegründet. Die Schweiz ist innerhalb von ­ 50 Jahren von einem armen Agrarstaat zu einem Zentrum der Welt geworden.

Und heute leben wir in einer ­ähnlichen ­Revolution, wie es die industrielle Revolution war?
Wir leben in der Cleantech-Revolution. Wir können Akteure dieser Revolution sein, oder andere werden dies an unserer Stelle tun. Die Chinesen sind bei den Investitionen in erneuerbare Energien heute die Nummer eins auf der Welt.

Was heisst das für die Schweiz?
Die Schweiz sollte die Komfortzone verlassen. Es geht nicht um Umweltschutz, sondern um den Schutz von Wirtschaft und Industrie. Die Schweiz lebt immer noch in der Vergangenheit. Sie lebt immer in der Illusion, die Welt brauche sie. Die Welt braucht die Schweiz aber nicht mehr. Wenn wir unseren Lebensstandard behalten wollen, müssen wir etwas tun dafür.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2016, 18:02 Uhr

Bertrand Piccard

Der 58-jährige Psychiater Bertrand Piccard stammt aus einer berühmten Familie: Piccards Grossvater Auguste stieg als Erster mit einem Ballon in die Stratosphäre auf. Sein Vater Jacques tauchte mit einem U-Boot an die tiefste Stelle der Weltmeere. In den letzten beiden Jahren hat Bertrand Piccard mit André Borschberg die Welt im Solarflugzeug Solar Impulse umrundet. 1999 ab­solvierte er die erste Nonstop-Weltumrundung in einem Heissluftballon. Piccard ist Vater dreier erwachsener ­Töchter. Er lebt mit seiner Frau am Genfersee.?(TA)

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