«Mit Biolandbau lassen sich die Erträge vervierfachen»

Der Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren kämpft gegen Malariamücken – und die Agrarindustrie.

Hans Rudolf Herren: «Die Agrarindustrie will die Bauern kontrollieren.»

Hans Rudolf Herren: «Die Agrarindustrie will die Bauern kontrollieren.»

Martin Läubli@tagesanzeiger

Sie versuchen seit Jahrzehnten Regierungen und Bauern vor allem in Entwicklungsländern davon zu überzeugen, dass nur der biologische Landbau für die Landwirtschaft gut ist. Warum zieht die Agrarindustrie bis heute nicht richtig mit?
Es gibt nach wie vor eine grosse Lobby, die behauptet, Biolandbau könne die Welt nicht ernähren. Obwohl wir genügend Versuche in Afrika gemacht haben, die zeigen, dass wir mit Biolandbau die landwirtschaftlichen Erträge vervierfachen können.

Ohne neue, leistungsstarke Kulturpflanzen einzuführen?
Ja. Die Bauern kennen ja bereits Samen für leistungsstärkere Züchtungen. Aber das Potenzial dieser Pflanzen wird nie erreicht. Unter anderem, weil der Boden dafür nicht geeignet ist. Wenn wir die Böden mit Pflanzenresten, Kompost und Mist anreichern, damit sie wieder ihre Fruchtbarkeit zurückerhalten, kann man deutlich mehr produzieren.

Trotzdem sehen Konzerne wie Syngenta oder Monsanto darin generell eine unrealistische Sicht der modernen Landwirtschaft.
Die Agrarindustrie will einfach den Samenvertrieb monopolisieren, und damit den Bauern kontrollieren und letztlich auch den Konsumenten. Längerfristig hat die heutige Agrarindustrie in einer nachhaltigen und sozial gerechten Landwirtschaft wenig zu suchen. Die grossen Unternehmen müssen sich andere Nischen suchen – zum Beispiel die Herstellung von Biodünger, von Biopflanzen, die ohne synthetischen Dünger auskommen, und von Tiergesundheitsprodukten.

Das ist nicht das grosse Geschäft.
Die Margen sind natürlich grösser, sobald man beispielsweise ein Patent auf Herbizide hat. Auf nützliche Insekten kann man kein Patent lösen und hat deshalb keine Kontrolle über das Produkt. Mithilfe der modernen Biotechnologie könnte man wohl kurzfristig genügend Nahrung produzieren, doch sie ist nicht umweltschonend, nachhaltig und sozial gerecht. Diese Technologie will vor allem die Produktionskosten senken. Entscheidend ist, die Landwirtschaft endlich als gesamtes Nahrungsmittel-System anzuschauen. Es geht darum, den Boden zu schonen, die Bodenerosion zu verhindern, die Gewässer vor Düngemittel und Pestiziden zu schützen, und auch bei der Verarbeitung und Vermarktung der Nahrungsmittel beträchtliche Verluste zu vermeiden.

Heute spricht man bereits von der zweiten grünen Revolution, weil das künftige Bevölkerungswachstum von der Landwirtschaft eine deutliche Mehrproduktion verlangt. Als Sie in den 60er-Jahren studierten, waren Sie vom Konzept des Amerikaners Norman Borlaug fasziniert, der die erste grüne Revolution in leistungsstarken Kulturpflanzen sah . . .
Das war aber nur am Anfang so. Borlaug bekam immerhin den Friedensnobelpreis für seine grüne Revolution. Man dachte etwa, mit neuem, leistungsstarkem Weizen die Lösung gefunden zu haben. Später hat man dann erkannt, dass man zwar mehr Menschen ernährt, aber gleichzeitig auch eine Vielzahl neuer Probleme kreiert hat: Es brauchte mehr Dünger und mehr Pestizide, der Nährwert der neuen Produkte wurde geringer, Kleinbauern wurden verdrängt, und die Anzahl der Hungernden stieg bis auf über eine Milliarde.

Bereits während des Studiums haben Sie sich für den biologischen Landbau entschieden. Sie arbeiteten bei Robert van den Bosch an der University of California in Berkeley, einem Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung. Er war auch ein Ökoaktivist. Hat das auf Sie abgefärbt?
Ich habe bei ihm viel über Politik gelernt. Aber ich hatte nie eine solche Position wie er als Universitätsprofessor. Mit seiner ungestümen Art hat er sich viele Probleme geschaffen. Ich setzte lieber in Afrika um, was ich gelernt hatte.

Den Erfolg mussten Sie sich mit dem Maniok-Programm erkämpfen.
Das stimmt. Das Internationale Institut für Tropische Landwirtschaft in Nigeria stellte mich an, um eine Lösung gegen den verheerenden Schädling des Maniok, die Schmierlaus, zu finden. Maniok ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel im tropischen Afrika. Es war ein täglicher Kampf mit dem Leiter des Maniok-Programms, der einfach Pflanzen züchten wollte, die resistent gegen den Schädling waren. Er dachte, es sei zu gefährlich, Nützlinge flächendeckend einzusetzen. Obwohl wir einwandfrei zeigen konnten, dass die Schlupfwespe exklusiv nur Schmierläuse befällt und keinen Einfluss auf andere Organismen hat.

Letztlich gründeten Sie eine neue Forschungsstation, bauten ein Flugzeug um, damit Sie die Schlupfwespen versprühen konnten. Sie bekämpften zehn Jahre lang in 30 afrikanischen Ländern erfolgreich den Maniok-Schädling. Das war in den 80er-Jahren, dauert der Erfolg bis heute an?
Eine Studie hat vor drei Jahren den Erfolg des Maniok-Programms untersucht. Das Resultat: Wir haben damals Millionen für die Bekämpfung investiert und heute Milliarden zurückbekommen, indem wir weitere Schäden verhinderten. Pro Franken gab es nach 20 Jahren eine Rendite von rund 240 Franken.

Den Glauben an Pestizide konnten Sie aber nicht ausrotten. Selbst die WHO empfiehlt sie nach wie vor wie den Einsatz von gefährlichem DDT gegen Malariamücken. Ist das frustrierend für Sie?
Es ist ärgerlich. Man kommt mit Fakten, sei es beim Biolandbau oder bei der Malariabekämpfung, und es wird einfach gesagt: Es geht nicht. Die WHO und die Regierungen wollen nicht verstehen, dass man die Malaria nur erfolgreich bekämpfen kann, wenn man die Mücken kontrolliert. Mit DDT tötet man die erwachsenen Mücken, das ist zu spät. Man muss bei den Larven beginnen, die sich zu 90 Prozent in Tümpeln, in alten mit Regenwasser gefüllten Autoreifen oder stehenden Gewässern rund um die Häuser vermehren. Es ist jedenfalls reine Symptombekämpfung, mit Netzen und vielleicht irgendwann einmal mit Impfstoffen vorzugehen. Diese Mittel braucht es zwar auch, jedoch im Rahmen einer integrierten Strategie.

Sie haben als Leiter des angesehenen Instituts ICIPE in Nairobi jahrelang im Gebiet der Malariaforschung gearbeitet. Welche Lösung schlagen Sie vor?
Das ICIPE hat zum Beispiel ein Insektizid vom Neem-Baum entwickelt, sprich Sägemehl und Hobelspäne, die heute in zahlreichen Malariagebieten zur Tümpelbehandlung eingesetzt werden. Doch wirksamer gegen Malariamückenlarven ist ein Protein des Bacillus thurgingiensis israelis, BTI. In den USA braucht man es gegen Stechmücken. Diese Produkte sind aber auf dem Weltmarkt sehr teuer. Deshalb wollten wir selbst eine Fabrik bauen. China hat uns vor zehn Jahren eine Fabrik als Demonstrationsanlage geschenkt. Leider ist sie bis heute nicht in Betrieb. Die kenianischen Behörden verlangen einen Nachweis, dass dieser Bakterienstamm nicht toxisch ist. Solche Studien kosten viel. Ein solcher Tests ist in diesem Fall unnötig, weil seit Jahrzehnten bekannt ist, dass diese Bakterien unbedenklich sind. Mit diesem biologischen Insektizid wäre Kenia schon lange frei von Malaria.

Sie investierten einen Teil Ihres Preisgelds für den Welternährungspreis 1995 in die Produktion des Neem-Insektizids und fielen dabei trotz Ihrer grossen Erfahrung auf die Nase. Waren Sie ungeduldig geworden?
Das kann durchaus sein. Ich wollte einfach zeigen, dass man mit Neem-Insektiziden Malaria bekämpfen kann. Dazu habe ich ein kleines Projekt mit einem Teil meines Preisgelds nebenbei unterstützt, um Neem-Samen zur Verarbeitung in verschiedenen Naturprodukten zur Schädlingsbekämpfung zu kaufen. Leider war auf einmal das Geld aufgebraucht, und nur wenig Samen fanden den Weg ins Lager. Das war mir eine Lehre. Die Folge war die Gründung der Stiftung Biovision, um solche und andere ökologische Entwicklungsprojekte professionell durchzuführen.

Tages-Anzeiger

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