Führt der Atomausstieg zum Bau von Gaskraftwerken?

Die Tiefengeothermie soll dereinst einen Teil des wegfallenden Atomstroms liefern. Doch es harzt. Nun beginnt bereits der Streit um Alternativen.

Das stillgelegte Wärmekraftwerk Chavalon im Kanton Wallis galt als möglicher Standort für ein Gaskombikraftwerk – bis das Vorhaben im letzten Sommer aus wirtschaftlichen Gründen fallen gelassen wurde.

Das stillgelegte Wärmekraftwerk Chavalon im Kanton Wallis galt als möglicher Standort für ein Gaskombikraftwerk – bis das Vorhaben im letzten Sommer aus wirtschaftlichen Gründen fallen gelassen wurde. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Die Debatte wurde vor der Abstimmung über die Energiestrategie 2050 mit Vehemenz geführt, nun erhält sie neue Nahrung – früher als erwartet: Wie lässt sich der Atomausstieg bewältigen, ohne dass die Stromversorgung der Schweiz leidet? Die Mitte-Links-Allianz argumentierte unter anderem mit dem Potenzial der einheimischen neuen erneuerbaren Energien.

Inzwischen ist klar: Zumindest bei der Tiefengeothermie ist ungewiss, ob sie in der Schweiz eine Zukunft hat. Noch ist es nicht gelungen, Strom aus dem heissen Erdinnern zu gewinnen; ein Projekt im Kanton Jura ist zur – zumindest vorläufig – letzten Hoffnung geworden.

Die Tiefengeothermie soll 2050 bis zu acht Prozent des Schweizer Stroms liefern. Der Bundesrat veranschlagt das Potenzial bei 4,4 Terawattstunden. Was aber, wenn das reines Wunschdenken bleibt?


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Die Meinungen sind geteilt. Nationalrat Roger Nordmann (SP) plädiert für einen umso intensiveren Ausbau der Fotovoltaik. Auch Stefan Müller-Altermatt (CVP) sagt: «Wir werden in diesem Fall einfach noch mehr Fotovoltaik haben.» Und damit Energie, die aus Witterungsgründen nicht regelmässig anfällt. «Die beste Alternative ist also mehr Speicher, intelligentere Netze und mehr Energieeffizienz», sagt Müller-Altermatt.

Ein Gaskombikraftwerk bis 2020

Die Ausstiegsgegner sehen das anders. SVP und FDP haben von Beginn an von unrealistischen Annahmen gesprochen, die der Bundesrat der Energiestrategie 2050 zugrunde gelegt habe – einzig zum Zweck, den Atomausstieg als leicht machbar darzustellen. Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP) sieht sich nun bestätigt: «Die Energiestrategie 2050 ist eine Importstrategie.» Sie schmälere die Bandenergie – also jene Energie, deren Produktion sich wie etwa bei Atomkraftwerken planen lässt.

Als kurzfristige Alternative sieht Wasserfallen nur den Bau von Gaskraftwerken. «Leider», sagt er. Denn das an sich grösste Potenzial sieht der FDP-Politiker bei der Wasserkraft. Hier brauche es Mut und Wille, die Projekte wie den grösseren Grimselsee oder das Projekt am Triftsee zu realisieren und den Wasserzins deutlich zu senken. Beides aber ist umstritten.

Führt der Atomausstieg zum Bau von Gaskombikraftwerken – also Stromfabriken, die viel C02 ausstossen und damit den Klimawandel befeuern? Im Abstimmungskampf hat es die Ausstiegsallianz tunlichst vermieden, diese Frage zu thematisieren.

Doch es finden sich klare Aussagen dazu. Sie stehen in der Botschaft des Bundesrats zum ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050. Es «dürfte in der Schweiz bis im Jahr 2020 ein Gaskombikraftwerk notwendig werden», schreibt der Bundesrat. Der weitere Bedarf hänge von der Entwicklung der Wirtschaft und des Stromverbrauchs, der Akzeptanz in der Gesellschaft sowie dem Ausbau der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien ab. Je nachdem, so der Bundesrat, brauche es weitere Gaskombikraftwerke und/oder zusätzliche Stromimporte.

Wasserkraft «wichtiger als Geothermie»

Hat das Bundesamt für Energie (BFE) also einen Plan B in der Schublade? Geschäftsleitungsmitglied Marianne Zünd verneint: «Planung und Bau des schweizerischen Kraftwerksparks ist und bleibt Sache der Stromwirtschaft.» Zünd betont, für den Zubau einzelner erneuerbarer Energien gebe es keine planwirtschaftlichen Grössen, die Energiestrategie 2050 zeige lediglich die vorhandenen Potenziale. Auch gelte es, nicht einseitig nur die Produktion anzuschauen: Mit technischen Effizienzgewinnen und Sparanstrengungen könne die Stromnachfrage wesentlich reduziert werden, sagt Zünd. «So braucht es letztlich weniger Zubau an Kraftwerken.»

Durch den Einsatz neuer, digitaler Technologien und Innovationen können sich nach Einschätzung des BFE Stromangebot und -nachfrage massiv ändern. Aus diesem Grund hält das Bundesamt die Forschung und Innovation für so wichtig. Es ist zudem überzeugt: Falls die Tiefengeothermie nur halb so viel oder noch weniger liefern kann als angenommen, so werden höchstwahrscheinlich andere Technologien «in die Bresche springen».

Marianne Zünd relativiert zudem die Bedeutung der Tiefengeothermie: Diese sei eine gute Option, aber mit Blick auf das grosse Ganze sei sie für die Schweiz nicht so wichtig wie die Wasserkraft. «Dennoch gilt es, die Option der Tiefengeothermie zu erschliessen und nicht bereits heute totzureden.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2018, 15:39 Uhr

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