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Im Labor des Imperiums

Coca-Cola beschäftigt in Brüssel 150 Mitarbeiter, die eine Aufgabe haben: neue Produkte entwickeln. Zu Besuch im Innovation-Center.

Die erste Reaktion ist: «Oh!» Und dies entlockt Olivier Enthoven ein zufriedenes Lächeln: «Ein toller Effekt, nicht wahr?» Eben hat der Leiter des europäischen Coca-Cola-Innovation-Centers eine äusserlich ganz normale Sprite-Flasche aus einem äusserlich ganz normalen Kühlautomaten genommen und sie seinem Besucher angeboten. Nach dem Öffnen bilden sich in der Flasche kleine Eisstücke. Und die ersten Schlücke des Eis-Limonaden-Gemisches sind im wahrsten Sinne des Wortes cool.

Beim Getränk, versichert Enthoven, handle es sich um ganz gewöhnliches Sprite. Das Ungewöhnliche am Ganzen sei der Kühlautomat: «Er heisst ‹Super Chill› und ist ein Prototyp, darum kann und will ich seine Funktionsweise nicht genau erklären. Nur so viel: Es ist alles eine Frage des Drucks.» Sobald man die Flasche öffne, entstehe im Innern ein anderer Druck als vorher, was – zusammen mit dem Zucker im Getränk – die Eisbildung bewirke.

Zurzeit wird der ‹Super Chill› in England, Frankreich, Mexiko und in den USA getestet. Enthoven: «Ob und wo er tatsächlich auf den Markt kommt, ist noch nicht entschieden. Ich persönlich finde ihn toll: Ein neuartiger Trinkgenuss, und dank dem Eis bleiben Sprite, Fanta und Co. länger kühl.»

Neuheiten für 110 Länder

Sagt es und lenkt die Aufmerksamkeit seines Besuchs gleich auf weitere Neuheiten, die zum Teil noch in der Testphase sind: hier ein Icetea-Verkaufsautomat mit integriertem Mikrowellengerät, da Cola-Alufläschchen in den unterschiedlichsten Farben, dort Flaschen der vor kurzem neu lancierten Nestea-Marke Vitao und, und, und. Ort des Geschehens ist die belgische Hauptstadt Brüssel, genauer das sogenannte KoLab im Coca-Cola-Innovation-Center. Hier beschäftigt der weltweit grösste Getränkehersteller (siehe Kasten) rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deren Aufgabe: für rund 110 Länder Europas und Afrikas neue Getränke, Verpackungen und Kühlregale zu entwickeln.

Von der eigentlichen Entwicklungsarbeit bekommt man zwar nichts zu sehen. Und das KoLab ist – zumindest für Besucher – weniger ein Labor als vielmehr eine Reihe von Showrooms. Aber interessant ist eine Führung durch die Innovationszentrale des Cola-Imperiums allemal. Schon nur, weil die Mitarbeiter allesamt von einem «Wir-sind-die-Nummer-1-Geist» beseelt und mit Begeisterung bei der Sache zu sein scheinen.

Inhalt und Verpackung

Mike Gamble zum Beispiel, Leiter der Abteilung Design-Innovationen: Der Engländer erzählt voller Inbrunst davon, warum man sich bei Coca-Cola nicht nur Gedanken zu den Getränken, sondern insbesondere auch zur Verpackung derselben mache: «Der Schutz der Umwelt ist uns wichtig, deswegen richten wir unser Augenmerk vermehrt aufs Recycling. Wichtig, weil unter anderem eine Transportkostenfrage, ist auch das Gewicht der Verpackung. Und last but not least: Für den Konsumenten ist immer mehr auch das optische Erscheinungsbild eines Produkts wichtig – eine Flasche ist nicht einfach eine Flasche.» Auf einem Rundgang durch sein «Reich» zeigt er stolz, was er und sein Team sich in dieser Hinsicht in letzter Zeit haben einfallen lassen: eine ergonomisch geformte Flasche für den Sportdrink Powerade etwa, die aus einem fluoreszierenden Material besteht, damit deren Träger beim abendlichen Joggen besser sichtbar ist. Oder kleine, runde Fanta-Flaschen, die zur Betonung ihres fruchtigen Inhalts in Netzen verkauft werden.

Nicht nur den Durst löschen

Viel Enthusiasmus strahlt auch Olivier Enthoven aus: Der smarte Belgier berichtet wortgewandt davon, dass es Coca-Cola mit seinen Getränken nicht nur um das profane Durstlöschen gehe: «Unsere Vision ist es, mit unseren Produkten weltweit alle Bedürfnisse zu befriedigen, die man an nichtalkoholische Getränke haben kann.»

Die einen zum Beispiel suchten in einem Getränk das pure Trinkvergnügen. Anderen gehe es um Entspannung. Wiederum andere tränken, um fit zu sein oder sich nach dem Sport rascher zu erholen. «Und immer mehr Leute, das ist uns wichtig, machen sich Gedanken, mit welchen Getränken sie ihre Gesundheit positiv beeinflussen können», sagt Enthoven – und lässt unerwähnt, dass man gerade in Sachen Gesundheit bei Getränken seines Konzerns durchaus auch das eine oder andere «Aber» anfügen könnte.

So tragen die klassischen Getränke wie Cola, Fanta, Sprite oder Nestea nach wie vor ihren Teil dazu bei, dass viele Leute zu viel Zucker zu sich nehmen. Dafür, betont Flavio Calligaris-Maibach, Geschäftsführer der Coca-Cola AG, habe das Unternehmen auch zuckerfreie Alternativen zu den Klassikern im Angebot: «Speziell für die Schweiz haben wir etwa Fanta zero, Sprite zero, Coca-Cola zero entwickelt. Damit greifen wir den Trend einer ernährungsbewussten Lebensweise auf.»

Interessant ist die Führung durch das Innovation-Center auch, weil sie einen erahnen lässt, was es bedeutet, wenn man als Unternehmen den Anspruch hat, weltweit alle Trinkbedürfnisse zu befriedigen: Während das klassische Coca-Cola überall nach derselben Rezeptur und mit der identischen Art der Wasseraufbereitung hergestellt wird und deshalb weltweit gleich schmeckt, gibt es bei anderen Produkten teils grosse Unterschiede.

Fanta etwa, das Sprudelgetränk mit Orangengeschmack, gibt es laut Enthoven in über 300 Geschmacksrichtungen. Verantwortlich dafür sind verschiedene Faktoren – angefangen von den unterschiedlichen Vorgaben in den einzelnen Ländern bezüglich Fruchtanteilen und Zusätzen bis hin zu regionalen Geschmacksvorlieben. Enthoven: «Diese eruieren wir in aufwändigen Tests. So kommt es etwa, dass Fanta in Skandinavien eher saurer schmeckt und in Nordafrika eher süsser.»

Das Risiko minimieren

Viel Aufwand betreibt Coca-Cola auch, bevor ein neues Produkt überhaupt lanciert wird. «Allerdings», sagt Joachim Stüssi, verantwortlich für sämtliche Produktedeklarationen, «haben wir diesen ganzen Prozess vor einigen Jahren für den ganzen Konzern vereinheitlicht: Er besteht neu aus mehreren Teilschritten – von der Ideensammlung über die Vorabklärungen, die Entwicklungsphase, Markttests bis hin zur eigentlichen Lancierung. Dabei wird jeder Teilschritt nur in Angriff genommen, wenn der vorherige erfolgreich war.» Auf diese Weise laufe der ganze Prozess effizienter ab und könne nicht zuletzt das Risiko minimiert werden.

Neue Produkte, die nach diesem «Stage-Gate-Prozess» und mit Erfolg lanciert wurden, sind zum Beispiel das künstlich gesüsste Cola zero (2007) und die «Wellness»-Teelinie Nestea Vitao (2008), die europaweit als Erstes in der Schweiz getestet und eingeführt wurde. Letzteres hat seinen Grund: In keinem anderen Land wird pro Kopf so viel Eistee getrunken wie in der Schweiz.

Obwohl der «Super Chill»-Automat auch mit Eistee funktioniert?

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