Google weiss, wo Sie jetzt gerade sind

Selbst das Ausschalten des Standortverlaufs nützt nichts. Kritiker fordern mehr Transparenz.

Google verfolgt die Bewegungen seiner Nutzer, selbst wenn diese den Standortverlauf ausgeschaltet haben.

Google verfolgt die Bewegungen seiner Nutzer, selbst wenn diese den Standortverlauf ausgeschaltet haben. Bild: Florian Kleinschmidt/Keystone

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Alles begann mit einer harmlosen Shoppingtour. Eine Forscherin der University of California, Berkeley, schaute sichim Laden Kohl’s nach neuen Kleidern um. Kaum hatte sie den Laden verlassen, leuchtete eine Meldung auf ihrem Smartphone auf. Sie solle ihre Erfahrungen bei Kohl’s doch bitte bewerten, bat ihr Telefon sie. Doch warum wusste ihr Android-Handy, wo sie gerade shoppen war?, fragte sich die Forscherin. Den Standortverlauf hatte sie nämlich bewusst deaktiviert. Über ihr Unbehagen schrieb sie einen Blogeintrag. Auf diesen Text reagierte ein Journalist von Associated Press (AP) und bat Spezialisten der Princeton University um eine genauere Analyse.

Was die Forscher herausfanden, hat in den letzten Wochen für grosse Aufregung gesorgt: Google verfolgt die Bewegungen seiner Nutzer, selbst wenn diese den Standortverlauf ausgeschaltet haben. Vergangene Woche reichte ein Mann in Kalifornien Klage gegen den Datenmulti ein, weil er seine Privatsphäre deshalb verletzt sieht. Gut möglich, dass sich weitere Nutzer anschliessen und daraus eine Sammelklage wird.

Google weiss inzwischen mehr über einen als man selbst und ­bestimmt mehr, als man Nahestehenden anvertrauen würde. Die Google-Dienste sind gratis, der Nutzer zahlt mit den persönlichen Daten. Google nützt diese Daten für sein Milliardengeschäft mit der Werbung. Zugute kommt dem Unternehmen dabei eine ausgeprägte menschliche Eigenschaft: die Bequemlichkeit. Mit Maps beispielsweise findet noch der Orientierungsloseste von A nach B und erfährt auf dem Weg auch gleich noch von möglichen Hindernissen. Photos erkennt automatisch Gesichter und ordnet sie für den Knipsenden.

Andere Hersteller könnten Daten an Google weiterleiten

Gewisse Dinge wie beispielsweise die Personalisierung der Werbung kann der Nutzer abschalten oder auch bei Google löschen lassen. Kritik bekommt das Unternehmen nun aber, weil die Nutzer ihren eigenen Einstellungen nicht vertrauen können. Und weil wichtige Einstellungen oder Hinweise in verschachtelten Menüfunktionen oder im Kleingedruckten versteckt sind.

Erst nach dem AP-Artikel hat Google den Wortlaut bei der Einstellung «Standortverlauf» verändert. Bisher hiess es dort, dass besuchte Orte bei Deaktivierung der Funktion nicht mehr gespeichert würden. Nun weist Google darauf hin, dass Bewegungsdaten je nach Dienst trotzdem erhoben würden. Wer sich zusätzlich vor Tracking schützen möchte, der muss nicht nur die Standortermittlung ausschalten, sondern auch die «Web- und App-Aktivitäten» im Google-Konto auf «pausieren» stellen.

Doch auch das, so sind Forscher überzeugt, bedeutet nicht, dass Google keine Bewegungsdaten mehr erhebt. «Es ist beispiels­weise auch unklar, ob Apps von anderen Herstellern, die Google-Code enthalten, das Pausieren rückgängig machen können und die gesammelten Informationen an Google schicken», sagt Sean O’Brien, Privatsphäre-Spezialist an der Yale University, der für den AP-Artikel die Datenanalysen übernahm.

O’Brien will diesen Fragen in den nächsten Monaten weiter nachgehen und auch das Software Development Kit für Android-Apps genauer analysieren. Welche Daten tatsächlich bei Google landen, will das Unternehmen auf Anfrage nicht verraten.

Google verdiente 2017 mit Werbung 85 Milliarden Dollar

Google gibt es auf verschiedenen Geräten. Nutzen kann man die Dienste auf dem Computer, Tablet oder Handy. Von den Prob­lemen mit dem Standortverlauf sind vor allem Besitzer von Android-Smartphones betroffen. Das sind allerdings rund 85 Prozent aller Smartphone-Besitzer weltweit. Aber auch wer auf dem iPhone Google Maps nützt, hinterlässt sein Bewegungsprofil bei Google.

Wer sich auf dem Computer nicht in sein Google-Konto einloggt, über den kann die Firma nicht gleich viele Daten sammeln. Google weiss aber trotzdem, welche Websites man besucht, was man auf diesen Seiten aufruft, was man sucht, welchen Browser man verwendet, in welchem Land man sitzt und so weiter. Surfen hinterlässt immer Spuren, es sei denn, man trifft aufwendige Schutzvorkehrungen, die meist die Funktionalität einschränken. «Hingegen ist es kaum möglich, ein Android-Gerät ohne Google-Account zu betreiben», sagt Hannes Lubich, Informatik-Professor und Sicherheitsexperte an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Google sollte den Nutzern einfache und übersichtliche Ein- und Ausschaltfunktionen bieten», fordert Douglas Schmidt, Sicherheitsexperte von der Vanderbilt University.

Google hat ein ökonomisches Interesse daran, möglichst viele Details über seine Nutzer zu erfahren, gerade auch, wo sie sich aufhalten. Damit die Pizzeria um die Ecke auf Google standort­basierte Werbung bezahlt, muss Google ihr Kunden bieten, die solch zielgerichtete Werbung aufs Handy bekommen. Google verdiente im Jahr 2017 mit Werbung rund 85 Milliarden US-Dollar.

Als im Frühjahr viele über ­Facebook diskutierten, weil die Plattform Nutzerinformationen weitergegeben hatte, wunderte sich so mancher Experte, warum niemand von Google spricht, obwohl Google über sehr viel mehr Menschen viel mehr weiss. Und dabei geht es nicht nur um pikante Details aus dem Beziehungs­leben, sondern auch um Dinge, über die viele weniger gern sprechen wie finanzielle Transak­tionen oder gesundheitliche Probleme.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 13:13 Uhr

Was man Google alles anvertraut


  • alles, was man je gesucht hat

  • alle Websites, die man besucht

  • alle je angeschauten Videos

  • alle Orte, an denen man je war

  • alle Kontakte und Freunde

  • wo man wohnt

  • wo man arbeitet

  • wie man aussieht

  • wie man klingt

  • wo man in den Ferien war

  • wie gesund man ist

  • was man gern isst und trinkt

  • wofür man sich interessiert

  • woran man glaubt

  • was einen ärgert

  • die sexuellen Vorlieben

  • alle Termine

  • die Zukunftspläne



Vieles kann man ausschalten. Hilfe finden Sie – ironischerweise – auf google.com

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