«Es gibt Fluglinien, die jeden Tag über Afghanistan fliegen»

Die Auswahl der richtigen Flugroute ist ein Abwägen zwischen Wirtschaftlichkeit und Sicherheit. Der Abschuss der Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine könnte zum Umdenken führen.

Die Ukraine wird umflogen: Ein Ausschnitt aus der Webseite Flightradar24.com, auf der aktuelle Flugzeugbewegungen nachverfolgt werden können.

Die Ukraine wird umflogen: Ein Ausschnitt aus der Webseite Flightradar24.com, auf der aktuelle Flugzeugbewegungen nachverfolgt werden können.

Wieso flog die über der Ostukraine abgeschossene Passagiermaschine der Malaysia Airlines über das seit Monaten immer härter umkämpfte Krisengebiet? Diese Frage stellen sich Experten seit Bekanntwerden des Unglücks. «Ich finde es bemerkenswert, dass eine zivile Airline ihren Flug über ein solches Gebiet plant», sagt Robert Francis, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der US-Behörde für Transportsicherheit.

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Die Gründe sind rein wirtschaftlicher Natur: Die Route ist kürzer und damit kostensparender als andere. Malaysia Airlines argumentiert zudem, die Route sei von der Internationalen Organisation für zivile Luftfahrt als sicher bezeichnet worden.

Doch das Unglück, bei dem fast 300 Menschen ums Leben kamen, könnte internationale Airlines zum Umdenken zwingen. Wenn aber Flugrouten über Krisengebiete künftig gemieden werden, werden die Flüge teurer oder teilweise ganz eingestellt, weil sie sich für die Unternehmen nicht mehr rentieren. Die Airlines müssten mehr Treibstoff einplanen und benötigten mehr Piloten, wenn Flüge länger würden, erklärt Greg Raiff, Luftfahrtberater in New Hampshire.

Auf dem Weg nach Kiew umgedreht

Die Fluggesellschaften reagierten schnell auf den tragischen Abschuss. Bilder der Flugsicherung zeigten am Freitag sehr wenige Flugzeuge über der Ukraine, dafür aber dichten Luftverkehr auf anderen Routen.

Die Lufthansa änderte nach der Katastrophe alle Flugrouten, die normalerweise die Ostukraine passieren würden. Air India und die indische Jet Airways leiteten ihre Flüge ebenfalls um. Emirates teilte mit, ein Flug nach Kiew sei umgekehrt und nach Dubai zurückgeflogen, alle Flüge nach Kiew seien auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Sämtliche Flüge in die USA und nach Europa flögen nicht über das Gebiet, wo die Malaysia-Airlines-Maschine abgestürzt sei.

Auch die chinesische Behörde für zivile Luftfahrt erklärte am Freitag, man habe die dortigen Fluglinien angewiesen, nicht mehr über die Ukraine zu fliegen. Die zuständige Behörde in Hongkong betonte ebenfalls, die örtlichen Fluglinien nutzten den Luftraum über der Ukraine nicht.

Letztlich entscheiden die Airlines

Einige andere Fluggesellschaften hatten allerdings schon vor Monaten entschieden, das Kampfgebiet im Osten der Ukraine nicht mehr zu überfliegen. Die Gesellschaft Asiana lässt nach Angaben einer Sprecherin schon seit März ihre wöchentliche Cargo-Maschine nicht mehr queren. Auch die Korean Air Line meidet die Route nach Angaben eines Sprechers seit der Krimkrise vom März. Die australische Quantas fliegt ebenfalls seit Monaten nicht mehr über das Gebiet, wie eine Sprecherin sagte.

Emirates meidet überdies seit längerem Teile Syriens, andere Airlines nutzen den Luftraum über dem Irak nur noch beschränkt. Die US-Behörden warnen vor den Lufträumen über dem Iran, Jemen, der Halbinsel Sinai und Nordkorea.

Solche Warnungen spielen für Fluggesellschaften eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Lage. Es wäre ungewöhnlich, würden sie entsprechende Hinweise ignorieren, sagt Thomas Routh, ein auf den Luftverkehr spezialisierter Anwalt in Chicago. Letztlich sei es aber die Entscheidung der Airlines, ob geflogen wird oder nicht. «Es gibt Fluglinien, die jeden Tag über Afghanistan fliegen», sagt Routh.

fko/sda

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