Die Macher glauben an ihr Projekt

Das Milliardenprojekt einer Hirnsimulation im Computer der ETH Lausanne sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt – auch von mitbeteiligten Wissenschaftlern. Jetzt hat die Leitung den Mediationsbericht akzeptiert.

Inzwischen schweigt er: Neurowissenschaftler Henry Markram, hier bei der Lancierung des Projekts im Oktober 2013. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Inzwischen schweigt er: Neurowissenschaftler Henry Markram, hier bei der Lancierung des Projekts im Oktober 2013. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Matthias Meili@MatthiasMeili

Die Kritik an dem Human-Brain-Projekt der ETH Lausanne im über 50-seitigen Mediationsbericht ist harsch. Den Machern fehle es an «Selbstreflexion, was zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit des Projekts in der Forschergemeinschaft geführt habe». Die meisten Mitglieder der Mediationsgruppe, der auch am Projekt beteiligte Forscher angehörten, sind sich einig, dass grosse Änderungen nötig seien, damit das Projekt sowohl für die Forschung wie auch für die Öffentlichkeit von Nutzen sein könne. «Eine solche Kritik ist recht aussergewöhnlich», sagt der Neurowissenschaftler Zach Mainen, Direktor des Champalimaud Neuroscience Programm in Lissabon. Mainen ist einer der wichtigsten Kritiker des Projekts.

Das umstrittene Human Brain Project der ETH Lausanne will nun grundlegende Änderungen sowohl in der Leitungsstruktur wie auch in der wissenschaftlichen Ausrichtung vornehmen. Die Verantwortlichen des Projekts haben den Mediationsbericht an einer Sitzung vom Mittwoch in Paris angenommen und wollen die darin abgegebenen Empfehlungen umsetzen. Die angepeilte Simulation des menschlichen Gehirns wurde von der EU-Kommission zu einem Forschungsflaggschiff ernannt und soll über zehn Jahre mit bis zu 1,2 Millarden Euro unterstützt werden. Die Mediation war vom Direktorium selber in Auftrag gegeben worden, nachdem im vergangenen Jahr viel Kritik unter den Neurowissenschaftlern aufgekommen war.

«Es stimmt, dass es in der Aufbauphase Kontroversen gab», sagt Philippe Gillet, als Vizepräsident der ETH Lausanne zuständig für den Forschungsbereich und seit einigen Monaten operativer Leiter des Human-Brain-Projekts. «Jetzt sind wir aber in der Spur und bereit für die operationelle Phase. Die Laune in unserer Gruppe ist exzellent, sogar besser als je zuvor.»

Der Bericht gibt vier Empfehlungen für eine Reform der Leitungsstrukturen und macht fünf Vorschläge für eine Überarbeitung der wissenschaftlichen Ziele. In einem ersten Schritt soll nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden, um die Leitungsfunktionen zu entflechten und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Wie lange die Umsetzung dauern wird und welche Schritte dabei vollzogen werden, konnte Gillet noch nicht präzisieren. «Es ist einfach, Leitungsschemas und Prinzipien aufzustellen, aber wir müssen nun herausfinden, wie diese umzusetzen sind, damit sie auf lange Sicht funktionieren.»

Die Arbeitsgruppe soll aus acht Leuten bestehen, die eine Expertise aus grossen Forschungsnetzwerken mitbringen. Darunter befinden sich etwa ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain oder Fabiola Gianotti, der künftige Direktor des Cern. Geleitet wird die Arbeitsgruppe von Philippe Gillet selber. Gewisse Änderungen in der Leitungsstruktur haben die Verantwortlichen quasi in vorauseilendem Gehorsam bereits Anfang März umgesetzt, als das dreiköpfige Exekutivkomitee um Henry Markram, den Initiator des Projekts, aufgelöst und auf einen 22-köpfigen Vorstand übertragen wurde, dem alle Leiter und Co-Leiter der Unterprojekte angehörten.

Zentrale Rolle für Markram

Für eine Stellungnahme war der schillernde Neurowissenschaftler selber nicht zu erreichen, er gibt im Moment keine Interviews. «Henry Markram wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen, denn er hatte die Vision und das Ziel», sagt Gillet. «Seine Vision hat diese Leute zusammengebracht. Jetzt müssen wir aber noch viele andere Neurowissenschaftler davon überzeugen, sich uns anzuschliessen.»

Auch die wissenschaftlichen Empfehlungen des Mediationsberichts haben die Verantwortlichen des Projekts akzeptiert. Die im vergangenen Sommer aus dem Kernprojekt geworfenen kognitiven Neurowissenschaften sollen wieder reintegriert werden und als Querschnittsprojekt alle wissenschaftlichen Unterprojekte befruchten. «Ich würde das nicht Reintegration nennen, sondern ein ‹reinforcement›, eine Bestärkung der Neurowissenschaften», sagt Gillet. «Die Neurowissenschaftler waren immer Teil des Projekts und sollen verstärkt berücksichtigt werden.»

Laut Zach Mainen ist es noch zu früh, um die Reform zu beurteilen. «Ich bin zufrieden, dass der Mediationsbericht zur Kenntnis genommen und akzeptiert wurde», sagt Mainen. Ob die Empfehlungen aber auch entsprechend umgesetzt werden, müsse man erst noch abwarten. Mainen bleibt skeptisch, aber hoffnungsvoll. «Wenn die Verantwortlichen den Mediationsreport wirklich ernst nehmen und die Empfehlungen richtig umsetzen, dann würde ich mich schon wieder beteiligen.»

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