Der Daten-Jongleur

Der Schweiz-Amerikaner Greg Niemeyer macht die abstrakte Welt von Messwerten visuell und akustisch erlebbar. Sein neustes Projekt: 800'000 Jahre Klima als Musikstück.

«Es muss ein allgemein nützliches Projekt bleiben»: Greg Niemeyer will bei Google ein Wörtchen mitreden. Foto: Elizabeth D Herman («The New York Times», Laif)

«Es muss ein allgemein nützliches Projekt bleiben»: Greg Niemeyer will bei Google ein Wörtchen mitreden. Foto: Elizabeth D Herman («The New York Times», Laif)

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Das Haus St. Pauli stand im Jahr 2009 gerade leer. Das Bordell, mitten im Zürcher Rotlichtmilieu, hatte seinen Betrieb eingestellt. «So konnten wir die Wohnung für eine Woche völlig umändern und daraus eine begehbare ‹Luftausstellung› machen», erinnert sich Greg Niemeyer. In einem der Zimmer habe es stark nach Käsefondue gerochen, in einem anderen nach viel Haarspray oder nach Zigarettenrauch. Und überall gab es kleine Messstationen, die mit 25 LED-Lämpchen die Luftqualität an dem jeweiligen Ort visualisierten. «Ich wollte damit das Unsichtbare sichtbar machen», sagt er.

Damals waren Niemeyers mobile Luftmessstationen Teil einer originellen, in verschiedenen Ländern vorgeführten Kunstaktion. Doch dabei blieb es nicht: Seit zwei Jahren fahren nun Google-Street-View-Autos mit der inzwischen weiterentwickelten, vernetzten Sensortechnik herum, für die er ein weltweites Patent besitzt. Mithilfe von Hightechsensoren, künstlicher Intelligenz und Cloud-Computing liess sich jetzt im Rahmen einer Studie herausfinden, wo und wann die Luft in der kalifornischen Stadt Oakland am besten ist. Gemessen wurden unter anderem Stickoxide und Russpartikel.

Google-Autos messen auch Schadstoffe. Foto: PD

Der 50-jährige Schweizer ist aber kein Chemiker, der sich in den Kopf gesetzt hat, auch noch die kleinste Menge von Luftschadstoffen aufzuspüren. Nein, er ist Medienkünstler, Gamedesigner und leidenschaftlicher Tüftler. Sein grosses Anliegen ist es, dass wir mehr von unserer Welt mitbekommen und sie auch mit anderen Sinnen entdecken können. «Weil mein Luftmesssystem relativ günstig war, haben andere Experten ihr Know-how da auch reingesteckt und es markttauglich gemacht», sagt der Direktor des Zentrums für Neue Medien an der University of California in Berkeley und Teilhaber der Firma Aclima.

Der Parkzettel 464

Sein Büro hat er im dritten Stock der Kroeber Hall. Von dort blickt er auf die Tennisplätze des Campus und in der Ferne auf die Golden Gate Bridge in San Francisco. Sein Arbeitsplatz sieht aus wie ein kleiner Ausstellungsraum. Schlicht und aufgeräumt. Keine Bücherberge, keine Papierstapel, dafür aber ein aufgeklappter Laptop.

Alle Objekte haben hier ihre eigene Geschichte. Den grossen Holzstehtisch baute er aus Strandgut, das er an der Pazifikküste fand. Die weiss gestrichene Lampe beim Lesesessel ist aus einer ehemaligen Holzkiste aus dem Anthropologischen Institut, in der die Knochen von Ureinwohnern Nordamerikas aufbewahrt worden waren. Auf Wunsch der Nachfahren löste man die Sammlung auf, und die Skelette wurden traditionsgemäss begraben oder kremiert.

«Damit die geschichtsträchtigen Kisten nicht sorglos auf dem Müll landeten, habe ich aus dem Holz Möbel, Uhren und Lampen gemacht», sagt Niemeyer. Als Gedenken an die damalige Entmenschlichung der Ureinwohner. Und das Bild an der Wand mit der Nummer 464 war früher ein Parkzettel, der im Regen auf der Strasse lag. Vergrössert wirkt es wie eine Mondlandschaft.

Niemeyer ging in Zürich ins Gymnasium und in Vevey an die Fotoschule, studierte 1992 dann an der Universität Stanford und lebt seither in Kalifornien. Sein Vater habe damals als Professor an der Augenklinik im Universitätsspital gearbeitet, wo er Messgeräte zur Erforschung der Netzhaut gebaut habe. Seine Mutter sei Keramikerin gewesen, erzählt Niemeyer, der selbst drei Kinder hat und inzwischen längst auch Amerikaner geworden ist. Es fasziniert ihn, spezielle Werkzeuge etwa zum Messen von Luft zu entwickeln, um unsere Wahrnehmung zu erweitern. «So können wir besser Entscheidungen treffen», sagt er.

«Wir dürfen den Maschinen nicht alles überlassen.»

Geplant ist, dass die Google-Street-View-Autos bis 2018 sogar die Luftqualität von ganz Kalifornien messen. Doch was passiert mit all den Daten? Wem gehören sie? «Es muss ein allgemein nützliches Projekt bleiben», sagt Niemeyer. Bewohner aus den untersuchten Gebieten müssen Zugang zu ihnen haben. Doch wie überall im Datenbereich liegen Nutzen und Missbrauch sehr nah beieinander. Firmen versuchen, aus den gesammelten Daten Profit zu schlagen und damit Geld zu verdienen. Deshalb findet Niemeyer es wichtig, auch bei den ganz Grossen wie Google mit dabei zu sein und kritisch teilzunehmen. Denn nur so könne man Einfluss nehmen und noch etwas steuern.

Wo Goethe recht hatte

Niemeyer visualisiert und vertont die sich allerorts anhäufenden Datenberge – Big Data – aus ganz verschiedenen Disziplinen und jongliert dabei selbst geschickt mit Algorithmen. Dennoch lässt er sich keineswegs vom Hype des digitalen Zeitalters blenden. «Wir dürfen den Maschinen nicht alles überlassen, zum Beispiel unsere grundlegend menschliche Fähigkeit, soziale Gemeinschaften zu organisieren», warnt er. Facebook, Linkedin und Twitter hätten diese Rolle bereits jetzt schon zu fest übernommen. Sie hätten mithilfe künstlicher Intelligenz diesen Prozess automatisiert und perfektioniert, sodass sie uns ständig Datendoppelgänger präsentieren und uns mit ihnen verknüpfen wollen.

Kann uns dies nicht egal sein? «Es kommt ganz darauf an, welches Ausmass es annimmt», sagt Niemeyer und zitiert Johann Wolfgang Goethe. Es sei vergleichbar mit der berühmten Ballade «Der Zauberlehrling», obwohl diese schon 190 Jahre alt sei. Grundsätzlich sei sie aber auf die heutige Situation durchaus übertragbar. Auf einmal sei das zuvor Gute schlecht geworden, habe überhandgenommen und bedrohe unsere Existenz. Wir seien verzweifelt und wüssten nicht mehr, wie wir da jemals wieder rauskommen könnten. «Es ist die Ausgeburt der Hölle!», sagt er. «Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.»

So klingen Eiszeiten

Durch das Erleben der abstrakten Datenwelt wie etwa bei der Zürcher Luftausstellung im Haus St. Pauli sollen wir unsere Umwelt stärker wahrnehmen, uns aber auch der globalen Verantwortung für die Zukunft der Erde bewusst werden. Sein neues Projekt dreht sich um den Klimawandel und den Wostok-Rekord-Eisbohrkern aus der Antarktis, der ein 800'000 Jahre altes Klimaarchiv darstellt. Zusammen mit Kollegen hat er alle ermittelten Temperatur- und CO2-Werte vertont und daraus ein Musikstück konzipiert.

Statt sich wie sonst üblich die Peaks in einer Grafik anzusehen, kann man jetzt irgendwo auf der Welt bei einem Spaziergang hören, wann die letzten acht Eiszeiten kamen, wann James Watt die Dampfmaschine erfand oder wie alarmierend die jetzige Situation ist. Die Töne klettern am Schluss immer weiter hoch und heben geradezu ab. «Dies macht einen nervös und nachdenklich», sagt Niemeyer, bevor er vor dem Campus auf sein Rennvelo steigt. «Wir können nicht nur messen, wir müssen auch handeln!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 17:55 Uhr

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