Zum Hauptinhalt springen

Das geheime Google der Gesetzeshüter

Die von Geheimdiensten benutzte Software Palantir soll Verbrechen aufdecken, bevor sie passieren. Dazu sammelt das Programm massenweise Daten.

Der Milliardenbetrüger Bernie Madoff wurde mithilfe von Palantir verhaftet. Das Programm stellte aus Daten aus 40 Jahren Zusammenhänge her, welche den Betrug deutlich machten.
Der Milliardenbetrüger Bernie Madoff wurde mithilfe von Palantir verhaftet. Das Programm stellte aus Daten aus 40 Jahren Zusammenhänge her, welche den Betrug deutlich machten.
Brendan McDermid, Reuters
Auch der New Yorker Rapper Bobby Shmurda wurde verhaftet, nachdem Palantir aus Daten verschiedener Schiessereien Verbindungen zu ihm und seiner Gang hergestellt hatte.
Auch der New Yorker Rapper Bobby Shmurda wurde verhaftet, nachdem Palantir aus Daten verschiedener Schiessereien Verbindungen zu ihm und seiner Gang hergestellt hatte.
Youtube
1 / 2

Die Schiesserei in einer Konstanzer Disco am Wochenende, die Messerattacke in Hamburg am letzten Freitag oder der Motorsägen-Ausraster in Schaffhausen vor einer Woche. Immer fragt man sich dabei: Hätte das nicht verhindert werden können? Wieso hat die Polizei die Täter nicht aus dem Verkehr gezogen, wieso liefen sie noch frei herum?

Verbrechen verhindern, das war schon vor 15 Jahren ein grosses Thema – im Hollywood-Blockbuster «Minority Report» mit Tom Cruise. Im Film weiss die Polizei in Los Angeles dank den Visionen dreier Mutanten, wer nur schon ein Verbrechen plant.

Tom Cruise schnappt diese, bevor sie aktiv werden können. Weil damit auch Menschen im Gefängnis landen, die nur an ein krummes Ding denken, stellt sich Cruise bald ethische Fragen und gerät damit selber ins Visier der Verbrechensjäger.

Die drei Mutanten mit hellseherischen Fähigkeiten im Film «Minority Report»
Die drei Mutanten mit hellseherischen Fähigkeiten im Film «Minority Report»

Der Film spielt im Jahr 2054 und setzt die drei Mutanten voraus, welche in die Zukunft sehen können. Im Jahr 2017 ist «Minority Report» aber bereits näher, als man sich das vor 15 Jahren vorstellen konnte. Das Schlagwort heisst Palantir, ein von der CIA gestartetes Programm, über das kaum etwas bekannt ist, das aber unser aller Leben bald ebenso beeinflussen könnte wie Google, Apple, Facebook und Co.

Der Name Palantir stammt aus der «Herr der Ringe»-Reihe und ist dort die Bezeichnung für die «sehenden Steine». Zuerst benutzten die Herrscher die Steine, um ihre Untertanen zu überwachen, später konnten auch der grosse Bösewicht Sauron und der Zauberer Saruman mit den Steinen sehen, was ihre Gegenspieler planten und machten.

Geheimdienste von Anfang an mit dabei

Palantir wurde 2004 vom Paypal-Erfinder Peter Thiel gegründet und erhielt das Startgeld von der CIA. Informatiker und Analysten des US-Geheimdienstes entwickelten die Software, welche vorerst darauf abzielte, Wirtschaftsdelikte und betrügerische Geldtransaktionen aufzudecken.

Über die Jahre wuchs Palantir dann zu einem Datenriesen, welcher von der Bundespolizei FBI, Geheimdiensten wie der NSA, Polizeidepartementen und der US-Armee genutzt wird. Seit 2013 erhält das Technologieunternehmen immer mehr Mittel von privaten Investoren, der grösste Anteilseigner bleibt indes Peter Thiel, einer der ersten und grössten Unterstützer von US-Präsident Donald Trump.

Täter mit Palantir schneller fassen

Was die Software alles kann und überwacht, war bisher vor allem Spekulation. Nun zeigt eine investigative Recherche des «Guardian»-Journalisten Jacques Peretti, dass Palantir die Fernsehzukunft zur Realität macht. Wenn in Fernsehserien wie «CSI» oder «NCIS» die Bundesagenten einen Fingerabdruck oder DNA-Spuren am Tatort einscannen und innert Sekunden Resultate erhalten, ist das nicht länger Fiktion, sondern dank Palantir tatsächlich möglich. So gewinnt die Polizei wertvolle Zeit, um die Täter zu fassen.

Palantir kann potenzielle Terroristen überwachen, Pädophile aufspüren und Wirtschaftskriminelle überführen. Im Fall des Anlagebetrügers Bernie Madoff hat das Programm mitgeholfen, die Verstrickungen aufzudecken und den ehemaligen Börsenmakler zu verhaften. Daten aus 40 Jahren sind dabei in die Software eingeflossen, welche die Machenschaften des Betrügers aufzeigen konnte.

Daraus hat sich ein Nebenarm entwickelt: Palantir Metropolis wird heute in der Bankenwelt eingesetzt und zeigt dort Trends, aber auch Anomalien auf. Das Hauptprogramm des Technologiekonzerns heisst mittlerweile Palantir Gotham. Wem diese Namen bekannt vorkommen: Metropolis ist die Hauptstadt in den Superman-Comics, in Gotham ist der Superheld Batman unterwegs.

Palantir und die Vorurteile

Palantir Gotham ist heute eine gigantische Analysemaschine. Sie kommt beispielsweise nach einem verheerenden Unwetter zum Einsatz, um die Hilfe an unzähligen Orten einfach und sinnvoll zu organisieren, so wirbt die Firma selber. Die Fähigkeiten von Palantir werden aber auch für eine Art Zukunftsprognosen gebraucht, wie Jacques Peretti in seinem kürzlich erschienenen Buchschreibt. Algorithmen berechnen dabei aufgrund von bestehenden Daten – Ort, Zeit, Umstände und Details vergangener Taten –, wo und wann die Polizei nach möglichen Verbrechern fahnden sollte.

Nun ist das sogenannte Profiling in der Polizeiarbeit ohnehin verbreitet. Beamte filzen jene Personen, die ihnen aufgrund ihrer Erfahrung auffällig erscheinen. Also auch aufgrund von Vorurteilen. Was dazu führen kann, dass Verbrecher, die nicht in dieses Raster fallen, nicht kontrolliert werden. Der Datenriese Palantir soll diese Lücke schliessen und strikt aufgrund der Daten mögliche Verbrecher finden, nach Wahrscheinlichkeit statt über Vorurteile.

Das könnte in der Praxis aber Unschuldigen zum Verhängnis werden, meint Peretti. Wenn Polizisten am vom Computer berechneten wahrscheinlichsten Tatort eintreffen und eine Person vorfinden, die gemäss der Software möglicherweise ein Verbrechen verüben könnte, wird es für diesen Verdächtigen ziemlich schwierig, wieder aus dem Netz der Beamten zu kommen. Die Daten werden alte Vorurteile festigen oder sogar verstärken, meint Peretti.

Polizeiarbeit vereinfachen

Wenn Polizisten nur aufgrund von Algorithmen gewisse Quartiere oder Personen häufger kontrollieren, kann das auch ohnehin bestehende Spannungen noch verstärken und ein Pulverfass zum Explodieren bringen, warnt der Journalist in seinem Buch.

Die Algorithmen machen manchmal auch nur die Polizeiarbeit einfacher, wie auch «Tech Crunch» beschreibt. So gelang es der Polizei 2015, in New York einen Rapper und Anführer einer Gang festzunehmen, nachdem Palantir Zusammenhänge zwischen verschiedenen Schiessereien und Verdächtigen herstellen konnte – etwas, was die Polizei sonst in aufwendiger, zeitintensiver Kleinstarbeit selber hätte auswerten müssen. Neben dem Rapper wurden neun andere Gang-Mitglieder verhaftet. Die Beschuldigten gestanden und sitzen nun im Gefängnis. Für Palantir war das ein grosser Sieg, auch wenn von der Firma kein Kommentar dazu abgegeben wurde.

Der Datenriese weitet seine Aktivitäten derweil immer weiter aus. Mit Airbus will er das Programm Skywise entwickeln, welches dem Flugzeugbauer zu mehr Effizienz und Zuverlässigkeit verhelfen soll.

Missbrauchsgefahr vorhanden

Peretti vergleicht Palantir deshalb mit Google, einem anderen Datenriesen, welcher kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Und wie bei Google gibt das grosse Sammeln und Analysieren der Daten auch Anlass zu Sorge, denn noch immer ist Palantir vor allem ein grosses Geheimnis. Was und wie genau analysiert wird, welche Daten in den Algorithmen stecken und woher diese kommen, wird nicht öffentlich gemacht, schreibt Peretti. Man vermutet, dass die Firma ihre Fühler längst schon in andere Bereiche ausgestreckt hat und an Projekten arbeitet, von denen die Öffentlichkeit nichts weiss.

So gut Palantir Gotham auch funktioniert, um reale Verbrecher zu jagen oder potenzielle Attentäter aufzuspüren, so schnell könne es auch für andere Zwecke missbraucht werden. Dass Milliardär und Trump-Freund Peter Thiel die Kontrolle über den Datenkraken hat, lässt jene aufhorchen, welche dem Präsidenten ohnehin misstrauen. Die Datenberge und die Analysemöglichkeiten könnten auch für politische Zwecke gebraucht werden.

Peter Thiel hat bereits gezeigt, dass er nicht nur ein spendabler Philantrop und kluger Investor ist – er gründete Paypal mit und investierte als Erster in Facebook –, sondern auch seine persönlichen Interessen verfolgt. 2016 hatte er ein Gerichtsverfahren finanziert, welches in einer Millionenbusse für die Gerüchte-Newssite «Gawker» endete und zu dessen Ruin führte. Obwohl der Seite kaum jemand eine Träne nachgeweint hat, zeigte der Prozess auf, welche Macht die Milliardäre in den USA ausüben können. Thiel wendete sich gegen Gawker, weil dieses ihn zu einem früheren Zeitpunkt gegen seinen Willen als schwul outete. Es gehe ihm nicht um Rache, sagte Thiel danach der «New York Times», sondern um Abschreckung.

Im Film funktionierte es nicht

Palantir hat das Potenzial, künftig mehr Verbrechen und Attentate zu verhindern. Das Programm kann in kurzer Zeit Zusammenhänge herstellen und mögliche Täter erkennen. Vielleicht hätte es bei den Angreifern von Konstanz, Hamburg und Schaffhausen schon vor der Tat Alarmsignale ausgesendet. Es bleibt, wie immer, die Frage nach dem Preis: Wie viel Überwachung erträgt es, welche Daten soll ein solch intransparentes Programm sammeln dürfen, was passiert, wenn die Software plötzlich unbescholtene Bürger ins Visier nimmt, und wie soll überhaupt mit Verdächtigen umgegangen werden, die verhaftet werden, bevor sie wirklich etwas getan haben?

Die Filmindustrie hat eine klare Antwort gegeben: In «Minority Report» scheitert das Projekt, weil vorhergesehene Morde nicht geschehen. So wird klar, dass vielleicht auch andere, die mal ein Verbrechen geplant oder an ein Verbrechen gedacht hatten, dies möglicherweise gar nicht ausgeführt hätten. Alle Inhaftierten werden entlassen, bleiben aber unter der genauen Beobachtung der Polizei.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch