Als das Atom elektrisierte

Die Hoffnung auf eine neue Energiequelle löste kurz nach der Atombomben-Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eine Debatte aus, welche die Schweiz bis heute prägt.

Illustrierte Wochenbeilage «Zeitbilder» vom 27. Juli 1946: Atomforscher als verwegene Bändiger unvorstellbarer Energien. Reproduktion: Raisa Durandi

Illustrierte Wochenbeilage «Zeitbilder» vom 27. Juli 1946: Atomforscher als verwegene Bändiger unvorstellbarer Energien. Reproduktion: Raisa Durandi

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«Die bangende Menschheit hat freilich erst die zerstörende Wirkung jener Kräfte kennen gelernt, deren friedliche Anwendung das Gesicht der Welt umgestalten könnte.»

Wie ein Menetekel und Orakel zugleich tönt der Satz heute, der die Ende Juli 1946 erschienene Reportage über die Atomforschung einleitet. Die Bilder zeigen die Arbeit der «besten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Atomphysik und -chemie» in den unterirdischen Räumen eines Forschungslaboratoriums bei Chicago. Der Schock der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki nicht einmal ein Jahr zuvor war einer Wachstumseuphorie gewichen.

Es war der Startschuss zu einer Technologiedebatte, welche die Schweizer Gesellschaft bis heute prägt. Sie formte die Forschungslandschaft, machte die grüne Protestbewegung zu einer politischen Kraft und fand selbst in der Alltagssprache Eingang. Auch wenn die Katastrophe von Fukushima von 2011 das Ende des Atomzeitalters gefühlsmässig eingeläutet hat, ist die Debatte noch lange nicht zu Ende. Noch heute besteht der Strommix zu knapp einem Drittel aus Atomstrom, und weltweit sind Dutzende neue Kraftwerke geplant.

Kurz nach dem Krieg löste das Thema Atom Schaudern und Faszination zugleich aus. Die Presse skizzierte Utopien über atomgetriebene Autos, Lokomotiven, Flugzeuge. Die Atomwissenschaftler erschienen als verwegene Bändiger göttlicher Energie. Die Amerikaner waren bestrebt, den 100'000 Wissenschaftlern und Mitarbeitern des Manhattan-Projektes, unter dem die amerikanische Bombe entwickelt wurde, neue Perspektiven zu eröffnen.

Militärdepartement trieb Atomforschung an

Auch in der Schweiz trieb der Staat die Atomforschung an, in erster Linie das Militärdepartement. Der Bundesrat äusserte bereits einen Monat nach dem Atombombenabwurf den Willen, die Entwicklung solcher Waffen aktiv zu verfolgen. Er rief die Studienkommission für Atomenergie (SKA) unter dem Präsidium des damals prominenten ETH-Physikers Paul Scherrer ins Leben, dem Namensgeber des heutigen Paul-Scherrer-Instituts (PSI, siehe Kasten). Die SKA sollte die zivile Nutzung der Atomenergie untersuchen, insgeheim aber auch die Schaffung der Bombe vorantreiben. Damit verbunden war ein Forschungskredit von 18 Millionen Franken. Noch nie hatte der Bund so viel Geld für Forschung in die Hand genommen und lieferte damit so etwas wie die Blaupause für eine nationale Forschungs­förderung, die dann acht Jahre später mit der Gründung des Nationalfonds institutionalisiert wurde.

Am PSI im aargauischen Villigen erinnert derzeit nur noch wenig an den Forschungsreaktor Saphir, der bis 1993 in Betrieb war. Heute ist er fast vollständig abgebaut. Doch Saphir war der erste Atomreaktor in der Schweiz. Die Amerikaner hatten ihn als Demo-Objekt an die erste UNO-Konferenz «Atome für den Frieden» gebracht, die im Sommer 1955 in Genf stattfand. Die Leute standen Schlange, um den in einer Ausstellungshalle präsentierten Reaktor zu sehen. Seine Brennstäbe leuchteten im offenen Wasserbecken geheimnisvoll blau auf, was ihm den Namen Saphir verlieh. 62 000 Besucher wurden während der knapp zwei Wochen dauernden Forschungskonferenz gezählt.

Atomkraftwerk mitten in Zürich

Die Konferenz läutete auch die Öffnung der amerikanischen Atompolitik ein, die nun die friedliche Nutzung förderte. Die USA propagierten ihre günstigeren und weit ausgereiften Reaktoren. Doch die Schweiz beharrte auf der Entwicklung eines eigenen Reaktors – einerseits sollte eine vom Ausland unabhängige Energieversorgung gewährleistet werden, andererseits funktionierte der in der Schweiz anvisierte Reaktortyp mit einem prinzipiell waffenfähigen Brennstoff. Bis Ende der 1950er-Jahre arbeiteten drei Konsortien aus Unternehmen der Maschinenindustrie und Energiebranche im Auftrag der bundesrätlichen Atomkommission SKA drei Projekte aus. Eines davon war mitten in Zürich unter den Gebäuden der ETH geplant, ein zweites im Aargau bei Villigen. In Angriff genommen wurde schliesslich das dritte Projekt, ein Versuchsatomkraftwerk in einer Kaverne bei Lucens im waadtländischen Broyetal, auf halbem Weg zwischen Payerne und Lausanne.

Heute sind von der Strasse aus immer noch die Betriebsgebäude am Rande des verbunkerten Werkes sichtbar. Doch im Berg dahinter sind die Reste einer 100-Millionen-Reaktorruine zubetoniert, ein stummer Zeuge eines fast zum Super-GAU ausgearteten Atomunfalls. Trotz Widerständen der beteiligten Industrieunternehmen wurde der Schweizer Reaktor ab 1962 nämlich in die sanfte Hügellandschaft des Waadtlands gebaut. Doch als der Reaktor am 21. Januar 1969 morgens um vier Uhr wieder aufstarten sollte, blockierten unerkannte Korrosionsschäden das Kühlsystem, die Brennstäbe schmolzen wie Kerzen dahin, und der Druckreaktor explodierte. Der Traum eines Atomkraftwerks schweizerischer Bauart war jäh geplatzt. Nur ein Monat später ging Beznau mit einem Reaktor «ab Stange» ans Netz.

Der Atomunfall erregte erstaunlicherweise wenig Aufsehen, Proteste blieben aus. Restrisiko, Endlagerproblematik und Super-GAU waren Begriffe, die in der öffentlichen Auseinandersetzung noch kaum stattfanden. Selbst das Wort «Atom» hatte noch nichts von dem negativen Beigeschmack, der erst mit dem Aufkommen der Protestbewegung um Kaiseraugst in den 1970er-Jahren in die Umgangssprache Eingang fand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 16:46 Uhr

Paul-Scherrer-Institut

Forschung auf der grünen Wiese

Rund 2100 Wissenschaftler und Mitarbeiter sind heute am Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen AG tätig, davon 210 auf dem Fachgebiet der nuklearen Energie und Sicherheit. Das zum ETH-Bereich gehörende Institut entstand vor genau 30 Jahren aus der Fusion des Eidgenössischen Instituts für Reaktorforschung (EIR) und des Schweizerischen Instituts für Nuklearforschung (SIN). Doch die Wurzeln reichen bis in die Anfangszeit der Atomforschung zurück. 1955 gründeten unter der Führung der Brown Boveri (BBC) 125 Schweizer Industrieunternehmen die Reaktor AG.

Walter Boveri höchstpersönlich erwarb dazu 60'000 Quadratmeter unverbautes Land an der Aare. Erstmals wurde ein Forschungszentrum mitten auf die grüne Wiese gestellt. Boveri orientierte sich an amerikanischen Forschungsinstituten, die nach dem Krieg aus dem Boden schossen. Schon früh spannte die Reaktor AG auch mit der ETH Zürich zusammen. Doch bald waren die beteiligten Firmen nicht mehr bereit, die hohen Kosten der Atomforschung zu tragen. Bereits 1960 wurde das Institut dem Bund übertragen und als EIR weitergeführt. (mma)

Serie Zeitbilder (6)

Bis 1963 gab der «Tages-Anzeiger» die «Zeitbilder» heraus, einen Vorgänger des heutigen «Magazins». Die Bildreportagen aus der Nachkriegszeit widerspiegeln die Ereignisse einer Welt, die aus einem Albtraum erwachte. In einer losen Folge zeigen wir, was die Menschen damals bewegte und worüber sie staunten. (mma)

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