Wie sauber sind Elektroautos wirklich?

Eine grosse Schweizer Studie zeigt: Elektroautos sind besser als Benzinautos – doch sie haben auch ihre Nachteile.

Wie umweltfreundlich ist ein Elektroauto wirklich? Eine Lebenszyklusanalyse gibt die Antwort. (Zum Vergrössern Grafik anklicken.)

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Elektroautos gelten als Hoffnungsträger für eine weniger umweltbelastende Mobilität. Doch in der aktuellen Euphorie über die im Betrieb emissionsfreien Elektromobile geht oft vergessen, dass deren Produktion die Umwelt durchaus belastet, und zwar stärker als ein vergleichbares Auto mit Verbrennungs­motor. Insbesondere der Rohstoffabbau und die Batterieherstellung sind mit Umweltbelastungen verknüpft. Auch die Stromerzeugung belastet die Umwelt, und zwar mehr oder weniger, je nachdem, mit welchem Strom die Batterie geladen wird. Sind Elektroautos also wirklich umweltschonender als herkömmliche Fahrzeuge, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Eine Antwort auf diese Frage liefert eine sogenannte Lebenszyklusanalyse. Sie beziffert die Schäden an Umwelt, Gesundheit und Klima für den gesamten Werdegang eines Produkts, vom Rohstoffabbau über die Herstellung und Nutzung bis zur Entsorgung aller Komponenten. Im Auftrag des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) haben die Eidgenössische Mate­rialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und die Beratungsfirma Ernst Basler + Partner (EBP) bereits 2013 eine solche Analyse für die Elektromobilität der Schweiz durchgeführt.

Infografik: Einfluss des Strommixes auf die Treibhausgas-Emission

Die Resultate zeigen klar, dass ein Elektroauto zunächst mit einem Malus an den Start geht. So entstehen bei der Produktion eines batteriebetriebenen Fahrzeuges bis zu 50 Prozent mehr Treibhausgasemissionen als bei einem Auto mit Verbrennungsmotor. Im Betrieb auf der Strasse kann das Elektroauto dann seinen anfänglichen Malus allmählich in einen Bonus gegenüber einem konventionellen Auto ummünzen. Wie schnell das im Laufe von insgesamt 150 000 gefahrenen Kilometern geht, hängt entscheidend vom Strommix ab, mit dem das Elektroauto geladen wird. Ein weiterer Pluspunkt der Elektroautos sind die Reduktion der Luftschadstoffe in den Städten und eine geringere Lärmemission.

«Bezüglich der Umweltbilanz von Elektroautos werden leider oft irreführende Informationen verbreitet», sagt Marcel Gauch von der Empa, Co-Autor der Studie. Es sei zwar korrekt, dass ein rein mit Kohlestrom geladenes Elektroauto eine schlechtere Klimabilanz aufweise als ein vergleichbares Auto mit Verbrennungsmotor. «Aber fast nirgends auf der Welt gibt es reinen Kohlestrom. Daher ist das ein rein hypothetischer Vergleich.» Schon mit dem Strommix der EU, in dem neben Kohlestrom auch Elektrizität aus anderen Quellen enthalten ist, schneiden Elektromobile besser ab als Autos mit Verbrennungsmotor. Deutlich besser sieht es natürlich aus, wenn das Elektroauto mit Strom aus erneuerbaren Quellen geladen wird.

Das zweite Leben der Batterie

Insbesondere der Schweizer Energiemix mit seinem hohen Anteil an Wasserkraft bietet äusserst günstige Voraussetzungen für einen nachhaltigen Betrieb der Stromer. Und selbst wenn die Schweiz nach dem Ausstieg aus der Atomkraft mehr Strom aus der EU importieren müsste, hätten Elektroautos laut Gauch immer noch die bessere Umweltbilanz. «Man kann es drehen und wenden, wie man will», sagt Gauch. «Das Elektroauto gewinnt bei der Umweltbilanz immer.» Das gilt gemäss Studie übrigens auch in Zukunft, selbst wenn effizientere Verbrennungsmotoren entwickelt werden, die weniger CO2 freisetzen.

Auch das gängige Vorurteil, Elektroautos würden wegen der Batterie die Umwelt vergiften, stimme nicht. «Niemand wirft eine Batterie weg», sagt Gauch. «Die ist viel zu wertvoll. Das Recycling von Batterien ist heute im Wesentlichen gelöst und in die Praxis umgesetzt.» Zudem könnten Batterien nach dem Einsatz im Auto ein zweites Leben erhalten, etwa in einem stationären Speicher zur Stabilisierung des Stromnetzes. Wenn eine Batterie rund zehn Jahre im Elektroauto steckt und dann nochmals einige Jahre in einem stationären Speicher, würde deren Umweltbelastung auch nur zum Teil dem Elektroauto angerechnet.

«Es ist aber wichtig, auch hier den Blick fürs grosse Ganze im Auge zu behalten», sagt Gauch. Was kein schlechtes Gewissen weckt, wird bekanntlich gerne konsumiert. Es wäre jedoch kontraproduktiv, wenn ein weniger umweltschädliches Elektroauto als Vorwand dafür diente, mehr Auto zu fahren. Das würde die gesamte Umweltbilanz des Verkehrs trüben. Und die hinlänglich bekannten Probleme mit verstopften Strassen oder belegten Parkplätzen werden auch durch Elektroautos nicht gelöst, wenn nicht gar verschärft. «Wir schlagen daher vor, diese negativen Rückkopplungseffekte durch gezielte Massnahmen abzuwenden», sagt Gauch, «etwa durch eine kilometerabhängige Besteuerung aller Autos, egal, ob mit Batterie oder fossilem Treibstoff betrieben.» Für die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Mobilität ist also auch die Politik gefragt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2016, 20:33 Uhr

Vorurteile

Wie viel kostet ein Elektroauto tatsächlich?

Geht es um Elektroautos, sind Vorurteile nach wie vor weit verbreitet. Zu teuer, ungenügende Reichweite, fehlende Ladestationen. Die Fachorganisation E’mobile hat unter anderem mit Unterstützung des Bundesamts für Energie und des grössten Schweizer Autounternehmens Amag die Behauptungen überprüft. 199 Fahrzeuge waren am Projekt «Korrelation» beteiligt, darunter 177 reine Elektroautos, 18 mit Range Extender und 4 Plug-in-Hybride. Mitgemacht haben private und rein geschäftliche Nutzer, die befragt wurden und rapportieren mussten über besondere Kosten etwa bei Reparaturen. Zusätzlich wurde der Stromverbrauch während 30 aufeinanderfolgenden Tagen gemessen. Das Projekt dauerte von 2013 bis 2014, zugelassen waren Fahrzeuge der neusten Generation, die seit 2011 auf den Schweizer Strassen fahren. Verschiedene Behauptungen müssen laut Studie heute revidiert werden.

Kaufhindernis Kosten. Die im Vergleich zu einem Benzin- oder Dieselauto höheren Anschaffungskosten sprachen bei den Teilnehmern erst gegen den Kauf eines Elektroautos. Die Erfahrung zeigte aber, dass die Besitzer der untersuchten Fahrzeuge jährlich im Durchschnitt 840 Franken pro Auto einsparten. Es wurde dabei im Durchschnitt von hochgerechnet 11 500 Kilometer Jahresfahrleistung ausgegangen. Die Unterhaltskosten sind zudem geringer als bei Benzinmodellen.

Ungenügende Reichweite. Bei vielen Nutzern genügte die Reichweite im Alltag. Heute fahren Elektroautos im Mittel mit einer Ladung mehr als 150 Kilometer. Es zeigte sich, dass geübte Fahrer den Energieverbrauch selbst im Winter massiv drosseln konnten. Fehlende Ladestationen. Die Besitzer waren selten auf öffentliche Ladestationen angewiesen. Wer das Elektroauto geschäftlich benutzte, war mit der geschäftseigenen Ladestation meistens bedient. Es sind vor allem Privatpersonen, die ein Bedürfnis nach Schnellladestationen haben.

Trotz der positiven Entwicklung der Elektromobilität gibt es einen Wermutstropfen. Die meisten der Privatnutzer der Studie fuhren ihr Elektroauto als Zweitwagen. Für weniger Verkehr ist damit nicht gesorgt.

Martin Läubli

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Elektroautos

Die Entwicklung der Elektroautos schreitet schneller voran als erwartet. Das zeigen die jüngsten Zahlen zur Marktentwicklung.

Was uns punkto Elektromobilität in nächster Zukunft erwartet, dokumentieren wir in einer losen Serie.

Bisher sind folgende Beiträge erschienen: «Offensive gegen Tesla» (27. 9.); «Jetzt tut sich Entscheidendes» (30. 9.); «Ohne Strategie zum Erfolg» (14. 10.).

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