Und vielleicht sind sie doch Pioniere

Bertrand Piccard und André Borschberg mussten lange warten auf den grössten Erfolg ihres Abenteuers. Die Pazifiküberquerung im Solarflugzeug machte selbst einen Skeptiker schwach.

Piccard (l.) und Borschberg feiern ihren Erfolg: Den längsten Nonstop-Flug eines Solarflugzeugs. Foto: Reuters

Piccard (l.) und Borschberg feiern ihren Erfolg: Den längsten Nonstop-Flug eines Solarflugzeugs. Foto: Reuters

Martin Läubli@tagesanzeiger

Es war Häme dabei, seit Wochen. Vom Schauspiel war die Rede, das sich in die Länge zieht. Vom Zweifel, ob das Solarflugzeug von Bertrand Piccard und André Borschberg der richtige Werbeträger für die Energiewende ist. Ein Flieger, der nur bei absolut optimalen meteorologischen Bedingungen starten kann. Gelästert wurde über die schlechte Ökobilanz der Inszenierung, über die Reisen Piccards zwischen den Flugetappen zum Kontrollzentrum nach Monaco. Mit dem Finger wurde auf die beiden Piloten gezeigt, die biedere Umwelttechnologie verkaufen und Gutes für die Welt tun wollen, aber eigentlich nur das Abenteuer suchen. Ein Spektakel für das Ego. Den Pioniergeist eines Walter Mittelholzer wollte man den beiden Schweizern nicht zugestehen.

Emotionaler Augenblick

Ich habe das mitgetragen, die Kritik geteilt. Darüber geschrieben. Und ertappte mich nun, wie ich mitfieberte. Fast so, wie 1969, als ich als Siebenjähriger die erste Mondlandung am Fernseher verfolgte. Mit den vaterländischen Emotionen, die jeweils aufkommen, wenn die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft spielt. So war das gestern gegen 18 Uhr Schweizer Zeit, als sich die Positionslichter der Solar Impulse 2 langsam der Landepiste auf Hawaii näherten. Der Blick hing an der Live-Übertragung im Internet. Eine Kamera schickte Bilder von Borschberg aus dem Cockpit. Erstaunlich frisch sah er aus, nach den Strapazen. Die Grafiken auf dem Bildschirm zeigten: Die Batterien haben nur noch Strom für eine gute Stunde, die Solarzellen produzieren in den Morgenstunden keine Energie. Die Spannung war gross, die letzte Viertelstunde. Dann die Landung, wie im Bilderbuch. ­André Borschberg hatte es geschafft, nach fünf Tagen und fünf Nächten im engen Cockpit, nach 8300 Kilometern Flug über den Pazifik, mit intensiven Yogaübungen und wenig Schlaf. Es war die schwierigste der dreizehn Etappen. Piccard umarmt seinen Freund Borschberg. Es muss die grosse Genugtuung gewesen sein nach zwölf Jahren Entwicklung und Vorbereitung. Borschberg brach dabei zwei Weltrekorde: Noch nie war jemand so lange und so weit mit einem Solarflugzeug unterwegs. Zudem war es der längste Soloflug überhaupt. So werden Heldengeschichten geschrieben.

Der Superlativ «Historischer Flug eines Solarfliegers» ist eben doch mehr als nur Marketing. Ist mein Meinungsumschwung nur die Folge der Emotionen?

Auf jeden Fall hat sich das Blatt wieder gewendet. Seit gestern können Bertrand Piccard und André Borschberg in meinen Augen wieder glaubwürdig Product-Placement für eine Zukunft mit erneuerbarer Energie und intelligenter Technik betreiben. Was die beiden bei der Feier gestern auch gleich wieder taten.

Kein Platz für Abenteurer

Nach der erfolgreich abgeschlossenen Königsetappe lässt sich mit dem Abenteuer nun wieder Kampagne machen. 160 Organisationen, darunter auch das UNO-Umweltprogramm Unep folgen inzwischen der Bewegung «Future­isclean». Die Aktion sollen Hunderttausende unterschreiben, um die Regierungen im Dezember an der nächsten Klimakonferenz aufzurütteln. In Paris geht es um einen neuen Klimavertrag, der alle Staaten der Welt verpflichten soll, mehr gegen die steigenden Treibhausgase zu unternehmen.

Das Marketing von Solar Impulse 2 funktioniert dank Emotionen und zwei charismatischen Piloten und Abenteurern. Dank der Kunst der Ingenieure, die gute Werbung für moderne Umwelttechnologie machen.

In der Interessenpolitik haben jedoch erfahrungsgemäss Helden und Abenteurer keinen Platz. Und wenn doch – dann wären Piccard und Borschberg zumindest in dieser Hinsicht tatsächlich Pioniere.

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