«Röhrli aus Plastik zu verbieten, ist nur Symbolpolitik»

Rudolf Koopmans entwickelt neue Kunststoffe, Plastiktüten aus Hühnerfedern zum Beispiel. Auf diesen Weg brachte ihn ein Kinofilm.

Bioplastik sei nicht die Lösung aller Probleme, sagt Rudy Koopmans. Foto: Adrian Moser

Bioplastik sei nicht die Lösung aller Probleme, sagt Rudy Koopmans. Foto: Adrian Moser

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Als die Brauerei Cardinal 1788 gegründet wurde, waren Stoffe wie Polyethylen oder Polystyrol längst noch nicht erfunden. Heute sind derlei Kunststoffe allgegenwärtig, auch dort, wo man sie nicht haben möchte: in Müllstrudeln in den Ozeanen, in Form winziger Plastikpartikel in Seen, in Flüssen, im Kompost und auf den Feldern.

Im alten Cardinal-Gebäude in Freiburg wird kein Bier mehr gebraut. Aber Plastik ist dort jetzt ein grosses Thema. Nachdem die Produktion zu Feldschlösschen nach Rheinfelden verlegt worden war, entstand aus dem Fabrikgelände ein Technologie- und Innovationspark.

Seit rund zwei Jahren leitet Rudy Koopmans das dort angesiedelte Plastics Innovation Competence Center (Picc). Hier entwickelt er mit seinem derzeit 21-köpfigen Team und in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule und der Universität Freiburg neue, teils biobasierte Kunststoffe und sucht nach Konzepten, um Plastik vom heutigen Wegwerfprodukt in einen wiederverwertbaren Rohstoff zu verwandeln.

Der 61 Jahre alte Physiker und Molekularchemiker serviert Wasser – in einem Becher aus wiederverwendbarem Plastik. «Wir sollten Kunststoff trotz der unerwünschten Aspekte nicht verdammen», sagt Koopmans. «Kunststoff ist im Grunde ein fantastisches Material. Aber wenn es zu viel davon gibt und man nicht achtsam damit umgeht, wird es zum Problem.»


Bilder: Die Malediven versinken im Plastik


In der Schweiz fallen pro Jahr und Kopf fast 100 Kilogramm Plastikabfälle an. Das ist mehr als dreimal so viel wie im europäischen Durchschnitt. Nur etwa 25 Prozent werden rezykliert. «Es macht überhaupt keinen Sinn, Kunststoff nur einmal zu verwenden und dann zu verbrennen», sagt Koopmans. «So geht der Rohstoff ein für alle Mal verloren.»

Auf seinem Tisch hat der Forscher einige Verpackungen für Milch aufgereiht, vom Tetrapak bis zu einer Flasche aus High-Density Polyethylen, kurz PE-HD. Rund 200 Milliarden solche Tetrapaks werden jedes Jahr hergestellt. «Tetrapak besteht aus sieben bis zehn unterschiedlichen Schichten, darunter Aluminium», sagt Koopmans. «Daher sind diese Verpackungen sehr schwierig zu recyceln.»

Die Milchflasche aus PE-HD bestehe indes aus nur einem einzigen Material und lasse sich daher viel besser wiederverwerten. Bei einigen Detailhändlern können die PE-HD-Flaschen separat entsorgt werden. «Am besten wäre es, wenn man nur noch solche Flaschen zum Verpacken von Milch verwenden würde.»

Pro Jahr und Kopf fallen in der Schweiz fast 100 Kilogramm Plastikabfälle an. Foto: Getty Images

Generell geht es laut Koopmans darum, Kunststoffe in einen Stoffkreislauf zu führen. Entscheidend dafür sei es, in einem Produkt sortenreinen Kunststoff zu verwenden. Er zeigt ein am Picc entwickeltes Beispiel: einen Spender für Süssstoff. «Heute hat es in diesem Plastikbehälter eine Metallfeder drin», sagt Koopmans. «Wir haben eine Version entwickelt, die zwei Kunststofffedern enthält und ausschliesslich aus Polypropylen besteht.» Nun muss man den Dosierer vor dem Recyceln nicht mehr auseinandernehmen. Das macht es viel einfacher. Natürlich ist ein solcher Süssstoffspender nur ein kleiner Beitrag. Aber das Beispiel zeigt exemplarisch: Viele Kunststoffprodukte liessen sich sortenrein herstellen.

Einen anderen Ansatz präsentiert er in einer Plastiktüte: Hühnerfedern. Es wäre nachhaltiger, Erdöl durch nachwachsende und biologisch abbaubare Stoffe zu ersetzen. «Das Keratin in Hühnerfedern ist ein sehr interessantes Barrierematerial», sagt Koopmans. «Damit könnte man die Alufolie im Tetrapak ersetzen. Ebenso könnte man mit dem daraus gewonnenen Bioplastik Schränke laminieren.»

Natürlich könne es sein, dass Bioplastik in mancher Hinsicht nicht so gut sei wie Aluminium oder erdölbasiertes Plastik. Aber viele Produkte seien überdesignt. Will heissen: Auch ein etwas schlechteres Produkt kann die Anforderungen bestens erfüllen.

Bilder: Eine Plastikfolie für den Kompost

Bioplastik sei aber nicht die Lösung aller Probleme. Diese Stoffe bräuchten zwar nicht viele Jahrhunderte, bis sie abgebaut würden, aber oft immer noch Monate. So würde sich auch Bioplastik in der Umwelt anreichern. Zudem müsse das Ausgangsmaterial in grossen Mengen vorliegen, damit es etwas bringe – 350 bis 400 Millionen Tonnen erdölbasierter Kunststoff pro Jahr lassen sich nicht so leicht ersetzen. «Das kann nur auf Basis eines Rohstoffs geschehen, der in grossen Mengen vorhanden ist», sagt Koopmans. Wie zum Beispiel Hühnerfedern. Oder Milchserum, das bei der Käseproduktion anfällt. Oder Oliventrester. Oder Zitronenschalen.

Von einem Dialogin einem Kinofilm inspiriert

Koopmans ist bei Antwerpen in Belgien aufgewachsen. Sein Vater war in der Chemieindustrie tätig, baute in den 1960er-Jahren Chemiefabriken für grosse Unternehmen. In seiner Jugend sah Koopmans Filme, in denen Kunststoff thematisiert wurde, etwa «Die Reifeprüfung» mit dem bekannten Dialog zwischen dem College-Absolventen Benjamin (Dustin Hoffman) und Mr. McGuire, einem Freund seiner Eltern: «Ich möchte dir nur ein Wort sagen. Nur ein Wort.» – «Ja, Sir.» – «Hörst du mir zu?» – «Ja, ich höre.» – «Plastik.» – «Was genau meinen Sie?» – «Plastik hat eine grossartige Zukunft. Denke darüber nach. Wirst du darüber nachdenken?»

Koopmans hat darüber nachgedacht, Chemie studiert und an der Universität in Antwerpen promoviert. Danach war er 33 Jahre für einen grossen internationalen Chemiekonzern tätig. Seine Frau arbeitet ebenfalls in der chemischen Industrie, allerdings in Deutschland. Die drei erwachsenen Töchter leben und arbeiten in Belgien.

«Man kümmerte sich mehr um den Erhalt der bestehenden Produkte als darum, neue Wege zu gehen.»Rudy Koopmans

Schon vor 20 Jahren war Nachhaltigkeit und Recycling für Koopmans ein wichtiges Thema. Allerdings weniger für seinen Arbeitgeber. «Man kümmerte sich mehr um den Erhalt der bestehenden Produkte als darum, neue Wege zu gehen», sagt Koopmans. Irgendwann musste er sich eingestehen, dass er für seine Innovationen ein anderes Umfeld brauchte. Da kam ihm das Angebot, das Picc zu leiten, gerade recht. Hier könne er mit seinem Team jetzt etwas tun, das viel mehr Sinn ergebe als «make more money».

Das Plastikproblem zu lösen, sei eine gewaltige Aufgabe, die nicht nur technische, sondern auch ökonomische Herausforderungen besitze. Auch die Politik sei gefordert. «Trinkhalme aus Plastik zu verbieten, ist nur Symbolpolitik. Das wird die Problematik nicht fundamental ändern», sagt Koopmans. Stattdessen sollte eine viel bessere Infrastruktur für das Recycling aufgebaut werden, und es sollte viel mehr Geld in die Erforschung nachhaltiger Kunststoffe investiert werden, auch seitens der Industrie.

«Wir versuchen, diese Dinge am Picc voranzutreiben, neue zielführende Lösungsansätze zu entwickeln und diese verschiedenen Playern anzubieten.» Aber letztlich brauche es grundsätzlich viel mehr Forschung und Entwicklung seitens aller Beteiligten. Ein kleines Team in einer alten Brauerei könne das nicht alleine leisten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 18:06 Uhr

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