«Ich bin überzeugt, dass sie die Blackbox finden»

Fast zwei Jahre nach dem Absturz von AF 447 über dem Atlantik haben Tauchroboter Wrackteile und Leichen gefunden. Aviatik-Experte Max Ungricht ordnet den sensationellen Fund ein.

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Jan Knüsel

Der Fund des Air-France-Flugzeugs im Atlantik ist erstaunlich. Was war Ihr erster Gedanke, als sie die Meldung hörten?Ich war überrascht, dass man das Flugzeug in einem solch grossen Gebiet finden konnte. Es ist eine gute Nachricht für die Hinterbliebenen und zuletzt ist es ein ausserordentliches Glück, dass dieser Unfall nun hoffentlich aufgeklärt werden kann.

Was versprechen Sie sich vom Fund?Die Untersuchungsbehörden können aus kleinsten Puzzleteilen Schlüsse über den Unfallhergang ziehen. Durch die grossen Wrackteile, die gefunden wurden, wird die Untersuchung zusätzlich erleichtert. Es ist nun wichtig, dass der Flugdatenschreiber und der Cockpit Voice Recorder (CVR) gefunden werden können. Darin finden sich sämtliche wichtige Daten zum Flug und auf dem CVR ist die Konversation der Piloten aufgezeichnet. Nur schon daraus ergibt sich ein klares Bild, was vor dem Absturz vorgefallen ist.

Die Wrackteile sind relativ gross. Der A330 war bis zum Aufprall nahezu intakt. Was lässt sich daraus schliessen?Die Theorie, dass der A330 durch heftige Winde auseinandergerissen wurde, erübrigt sich damit. Eine andere Vermutung ist ja, dass die vereisten Pitotrohre für die Geschwindigkeitsmessung zum Unfall geführt haben könnten. Airbus hatte bereits vor dem Unfall den Austausch dieser Pitotrohre angeordnet, weil diese fehlerhaft waren. Beim Unglücks-Flugzeug war der Austausch noch nicht durchgeführt worden. Man weiss aber heute noch nicht, ob dies zum Absturz geführt hat.

Was glauben Sie, hat zum Absturz der AF 447 geführt?Es ist schwierig, ein Urteil zu fällen. Bei einem Absturz handelt es sich immer um eine Verkettung verschiedener Ursachen. Bei Vermutungen liegt man ohnehin in drei von vier Fällen daneben.

Wäre der Flugschreiber nach 22 Monaten auf dem Meeresgrund überhaupt noch auswertbar, immerhin liegen die Trümmer in 4000 Meter Tiefe?Die Boxen sind wasserdicht. Ausserdem sind sie für grosse Aufschläge von aussen konstruiert. Es besteht jedoch die Gefahr, dass der Flugschreiber durch das Salzwasser beschädigt wurde. Durch das kalte Wasser in 4000 Meter Tiefe ist der Korrosionseffekt jedoch kleiner. Signale sendet der Flugschreiber schon lange nicht mehr. Die Batterien sind gewöhnlich nach einem Monat leer. Ich bin aber überzeugt, dass die Suchteams die Blackbox nun finden werden. Es wurden bereits so viele Millionen Franken investiert. Da gibt man nicht so schnell auf.

Weshalb wird so ein grosser Aufwand betrieben? Bislang wurden über 28 Millionen Franken ausgegeben.Airbus und Air France sind nur schon wegen Schadenersatzforderungen an einer Klärung des Falles interessiert. Eine Klage der Hinterbliebenen ist hängig. Für die Unternehmen geht es darum, eine Selbstverschuldung auszuschliessen. Eine Klärung liegt im Sinne von Airbus und Air France, denn hier geht es um viel Geld und auch um das Image der verantwortlichen Unternehmen.

Gibt es vergleichbare Fälle in der Aviatikgeschichte, bei denen erst Jahre später Wrackteile im Meer gefunden wurde?Beim Swissair-Absturz von 1998 wurde ein ähnlich grosser Aufwand betrieben. Hier wurde der gesamte Unfallhergang bis ins kleinste Detail rekonstruiert. Der Unterschied war, dass die Wrackteile schnell und ziemlich komplett geortet werden konnten. Es gibt aber allgemein wenig Fälle von Abstürzen aus dieser Höhe. Es ist immer noch so, dass die Start- und Landephase am kritischsten sind. Bei einem Start wird langsam geflogen, die Maschine ist zudem voll betankt. Da sind die Möglichkeiten für Korrekturen wesentlich kleiner.

Wenn ein Flugzeug mitten im Ozean abstürzt, wie gross ist die Chance, dass es gefunden wird?Wenn ein Flugzeug aus 12'000 Meter Höhe abstürzt, ist die Chance einer Lokalisierung äusserst gering. Über dem Atlantik gibt es an vielen Orten zudem keinen Radarkontakt. Es gibt nur vereinzelte Inseln, die einen Radarkontakt gewährleisten. Die Flugzeuge besitzen aber untereinander Kontakt. Eine Maschine ist zudem über GPS zu orten.

DerBund.ch/Newsnet

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