Gefrorener Boden soll Atomruine schützen

Für die Sanierung des AKW in Fukushima verspricht die japanische Regierung Hilfe. Um das Eintreten von Grundwasser in den Reaktor zu verhindern, zeigen sich die Reparaturtrupps erfinderisch.

Ewige Baustelle: Mitarbeiter von Tepco vor dem AKW in Fukushima.

Ewige Baustelle: Mitarbeiter von Tepco vor dem AKW in Fukushima. Bild: Keystone

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Radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem japanischen Fukushima-Reaktor fliesst seit der Katastrophe vor bald zweieinhalb Jahren ständig ins Meer. Dem will die japanische Regierung nun ein Ende setzen. Ministerpräsident Shinzo Abe hat sich eingeschaltet und dem Betreiber Tepco vorgeworfen, mit der Lage überfordert zu sein.

«Statt uns auf Tepco zu verlassen, wird die Regierung selbst Massnahmen ergreifen», sagte Abe. Die Sache sei dringend. Die Atomaufsichtsbehörde will zwei Arbeitsgruppen in das Krisengebiet schicken, um das Grundwasser zu untersuchen. Bereits seit zwei Jahren sickerten schätzungsweise 300 Tonnen verseuchtes Wasser pro Tag aus dem Komplex in den Pazifik, sagte ein Vertreter des Industrieministeriums in Tokio. Damit könnte in einer Woche ein 50-Meter-Schwimmbadbecken gefüllt werden. Zunächst soll das ausströmende verseuchte Wasser auf 60 Tonnen pro Tag eingedämmt werden.

Ein Tepco-Sprecher sagte, man wisse nicht, wie viel derzeit in den Pazifik laufe. Der Konzern hatte zuvor Probleme mit einer Wassersperre eingeräumt. Im Atomkraftwerk Fukushima, das gut 200 Kilometer nördlich von Tokio steht, gab es im März 2011 nach einem verheerenden Tsunami eine Kernschmelze, weil die Kühlsysteme der Anlage versagten.

Gefrorene Erde als Sperre

Von den Bergen oberhalb der strahlenden Ruine läuft Grundwasser in den Komplex, vermischt sich mit dem verseuchten Kühlwasser und sucht sich dann den Weg ins Meer. Tepco hat versucht, das Wasser aus den Bergen umzuleiten. Doch nachdem das Unternehmen lange bestritten hatte, dass Wasser ins Meer fliesst, räumte es später die Verseuchung des Meeres ein.

Derzeit wird diskutiert, eine Sperre mit in den Boden gepresster tiefgefrorener Erde zu errichten, wie es etwa beim Bau von U-Bahnen gegen Grundwassereinbrüche üblich ist. Rohre sollen mit chemischen Kühlmitteln um die Gebäude der Reaktoren 1 bis 4 im Erdreich verlegt werden. Der auf diese Weise entstehende Schutzwall aus gefrorenem Boden werde voraussichtlich eine Länge von 1,4 Kilometern haben.

Allerdings ist dieses Verfahren im grossen Stil noch nicht erprobt. Schon bislang wurde geschätzt, dass die Sanierungsarbeiten rund 40 Jahre dauern und umgerechnet wohl über zehn Milliarden Franken kosten werden.

Rückkehr zum Atomstrom

Ungeachtet der Dauerprobleme mit dem Reaktor plant die Regierung den Wiedereinstieg in die Produktion von Atomstrom. Derzeit laufen noch zwei der 50 Reaktoren, die aber auch im September für eine Modernisierung und Aufrüstung der Sicherheitssysteme abgeschaltet werden.

Die ersten vier modernisierten Meiler sollen nach den Plänen im Sommer 2014 wieder ans Netz. Japan erzeugte vor dem Fukushima-Desaster etwa ein Drittel seines Strombedarfs in AKW und ist jetzt fast vollständig auf den Import von Kohle und Gas angewiesen.

Förderung von Solarenergie

Parallel zum Wiedereinstieg in die Atomkraft treibt Japan den Ausbau von Wind- und vor allem Solarenergie voran. Analysten erwarten, dass Japan 2013 so zum weltgrössten Markt für Solaranlagen wird. Allerdings kann in den nächsten Jahren damit der Ausfall der Atomkraft nicht annähernd ausgeglichen werden.

In Fukushima ereignete sich die folgenschwerste Atomkatastrophe seit den Vorgängen im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986. (mrs/sda)

Erstellt: 07.08.2013, 17:02 Uhr

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