Ein Flugzeug wie eine Droge

Der Blériot XI wirkt neben den Fliegerformationen an der Flugschau Air14 zerbrechlich. Ein Pilot erklärt die Faszination der Maschine, die für abenteuerliche Premieren verantwortlich ist.

Hat das Flugzeug zerlegt in einer Scheune gefunden: Blériot-Pilot Mikael Carlson kümmert sich leidenschaftlich um sein legendäres Flugzeug. (Video: Anja Metzger)
Pia Wertheimer@Wertli

Sie sind schnell, wendig und donnern – die Jets, die an der Air14 in Payerne die Massen zum Staunen bringen. Die Technik und die waghalsigen Manöver faszinieren. Still, langsam und bescheiden hebt indes jenes Flugzeug ab, welches die meisten Rekorde des gesamten Aufgebots des Flugmeetings auf sich vereint. Nahezu zerbrechlich wirkt er – kaum 100 Meter über dem Boden: Der Blériot XI ist eine Legende der Luftfahrt. An seinem Steuerknüppel sitzt der Schwede Mikael Carlson. Er hat in den 1980er-Jahren das Flugzeug aus der Anfangszeit der Aviatik «gefunden»: In Stücke zerlegt in einer Scheune. Der Boeing 737-Kapitän investierte zahlreiche Arbeitsstunden und machte den «Urvogel» wieder flügge.

Der filigrane Eindecker stammt aus der Feder des Franzosen Louis Blériot und krönte dessen hartnäckige Tüftelei. Der Pionier brauchte mehr als zehn Anläufe, bis seine Konstruktion aus Eschenholz 1908 unfallfrei abhob – und eine Flughöhe von zwei Metern erreichte. Keiner ahnte in diesem Augenblick, dass dieses Flugzeug mit den beiden grossen Fahrradrädern gleich mehrmals Luftfahrtgeschichte schreiben würde.

Rekord mit dem Tod bezahlt

Die erste Bestmarke brach der Franzose mit seinem Gerät am 26. Juni 1909: Er stellte den damaligen europäischen Flugdauerrekord von 36 Minuten und 55 Sekunden auf. In seinem Einsitzer überquerte der Ingenieur im Juli 1909 als erster Mensch den Ärmelkanal mit einem Flugzeug. Er legte die Strecke von Calais nach Dover in 36 Minuten und 30 Sekunden auf einer Flughöhe von 100 Metern zurück – und stieg damit in die Reihen der internationalen Flugpioniere auf. Die 35 Kilometer brachten ihm 1000 britische Pfund ein. Der damals 37-Jährige investierte das Vermögen in die Weiterentwicklung seines Fluggerätes, das seit der Kanalüberquerung das Interesse der Öffentlichkeit geweckt hatte.

Das nächste Ausrufezeichen in der Geschichte des Fliegers liess nicht lange auf sich warten: knapp einen Monat später stellte Blériot mit 74,3 km/h den Geschwindigkeitsweltrekord auf. Der Franzose schickte sich daraufhin an, seine Maschine nachzubauen und auszuliefern. Ein Jahr später machte das Flugzeug wieder auf sich aufmerksam – wenn auch mit einem anderen Piloten. Es war Jorge Chavez, der Sohn eines in Frankreich eingewanderten peruanischen Millionärs, der am Steuerknüppel sass, als die Maschine in Brig abhob und Kurs auf die Alpen nahm.

Chavez überflog als erster Mensch die Alpen – zahlte dafür aber mit seinem Leben. Er war in Brig gestartet und schaffte es über die Walliser Bergkette. Sein Blériot brach nach einem Sturzflug vor der Landung in Domodossola aber auseinander und stürzte ab. Chavez erlag einige Tage später seinen Verletzungen. Der Flughafen der peruanischen Hauptstadt Lima trägt zu Ehren des Pioniers heute noch seinen Namen.

Immer höher und weiter

Auch bei der ersten Überquerung der Pyrenäen war der Blériot XI beteiligt. Am Steuer sass der Schweizer Pionier Oskar Bider. Er überquerte am 24. Januar 1913 als erster Pilot auf dem Weg von Pau nach Madrid die Bergkette. Einen regelrechten Kraftakt verlangte Bider dem Flugzeug 1913 ab: Er startete zu einer Alpenüberquerung. Anders als Chavez genügte er sich nicht damit, im Wallis zu starten, sondern hob in Bern ab und nahm Kurs auf Mailand. Der 22-Jährige forderte von dem 70-PS-Motor des Blériots das Äusserste. Mühsam schraubte sich der Flieger in der dünnen Luft hinauf auf knapp 3600 Meter, um mit nur rund 100 Meter Distanz zum Jungfraujoch ins Wallis und von da auf die Alpensüdseite zu gelangen.

Das 317 Kilogramm schwere Flugzeug war aber nicht nur bei den Abenteurern der Lüfte beliebt: Es war auch das erste Flugzeug im Besitz der Schweizer Luftwaffe. Ende 1913 zählte Louis Blériot rund 800 ausgelieferte Maschinen an verschiedene Armeen und Private. Er hatte zudem Baulizenzen in verschiedene Länder vergeben – unter anderem an den schwedischen Flugzeughersteller Enoch Thulin. Er war es, der um 1914 jenen Blériot baute, den Mikael Carlson in Payerne präsentiert.

DerBund.ch/Newsnet

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