Die Datenspur auf der Landkarte

Wir ahnen gar nicht, wer alles wissen will, wo wir uns gerade aufhalten. Die technischen Möglichkeiten, Personen und Dinge zu orten, werden gewaltig unterschätzt. Experten sind beunruhigt.

Foto mit Folgen: Die Kamera speichert nicht nur das Bild, sondern auch, wo und wann es gemacht wurde.

Foto mit Folgen: Die Kamera speichert nicht nur das Bild, sondern auch, wo und wann es gemacht wurde.

Walter Jäggi@tagesanzeiger

Unbemerkt, ungefragt und automatisch lässt sich feststellen, wo wir gerade gehen und stehen. Die Schreckensvorstellung, dass irgendjemand weiss, welche Wege wir gehen, gehört nicht mehr ins Reich der Sciencefiction. Die Informationstechnologie, deren wir uns ausgiebig bedienen, erzeugt massenhaft Datenspuren auf der Landkarte, die sich auswerten lassen.

Für die Wichtigkeit des Passworts und der PINs ist das Publikum sensibilisiert. Doch unter Ortungstechnologie kann sich der Laie noch keine rechte Vorstellung machen. Dabei verläuft die technische Entwicklung hier besonders rasant und die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind sehr lückenhaft.

Das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, kurz TA-Swiss, hat die Auswirkungen dieser dynamischen Technologie jetzt beurteilt. Das Kompetenzzentrum der Akademien der Wissenschaft Schweiz beobachtet im Auftrag des Parlaments kritische Techniktrends. Gestern Dienstag präsentierten die Experten ihren Bericht - und die Feststellungen der Experten sind alarmierend. Die Expertengruppe unter der Leitung des Informatikprofessors Lorenz Hilty richtet deshalb eine Reihe dringender Empfehlungen an die Politik (siehe Kasten).

Verräterische Datenetiketten

Wenn man mit dem Smartphone im Strandcafé eine fröhliche Apérorunde fotografiert, werden ausser dem Bild auch sogenannte Metadaten gespeichert. Neben Zeit und Datum bei immer mehr Geräten automatisch auch die geografischen Koordinaten, die der eingebaute winzige GPS-Empfänger ermittelt hat. Für die Nutzung und Archivierung der Bilder sind Metadaten sehr nützlich. Gelangt der Schnappschuss aber auf einem der vielen zur Verfügung stehenden Wege ins Internet, können andere Personen, erlaubterweise oder nicht, die Daten nutzen. Sie können sehen, wer mit wem wo am Tisch sass. Normalerweise eine harmlose Information, aber nicht unbedingt, wenn der Personalchef so erfährt, in welchen Kreisen der Bewerber für den Spitzenjob verkehrt oder verkehrt hat.

Datenspuren auf der Landkarte, die durchaus eine Weltkarte sein kann, erzeugt der ahnungslose Konsument auf vielerlei Arten. Wer am Geldautomaten Geld bezieht, an der Tankstelle oder bei der Autobahnzahlstelle die Kredit- oder Debitkarte benützt, wer am Flughafen die Passagierschleuse durchschreitet, das Auto ins Parkhaus stellt oder mit seinem Badge daheim oder anderswo Türen und Tore öffnet, wird erkannt. Der Zusammenhang zwischen der Person und dem geografischen Ort ist einfach herzustellen. Am einfachsten geht es bei den Kunden, die in der einen oder anderen Form drahtlos kommunizieren. Funktelefone oder Laptops, die Mobilfunkantennen, Wi-Fi-Systeme oder Ähnliches nutzen, bleiben dem Dienstanbieter nicht unbekannt.

Spuren im Äther hinterlassen auch scheinbar unverdächtige Quellen wie etwa die RFID-Chips, die in manchen Konsumgütern eingebaut sind, sei es als Diebstahlschutz, sei es für die künftige automatische Abrechnung an der Ladenkasse. Erst recht wird die Personenortung ein Thema, wenn Autobahngebühren oder die Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel automatisch verrechnet werden. Der Komfort für die Benützer hat eine Kehrseite: Irgendwo sammeln sich Daten, die sich - zumindest theoretisch und technisch, wenn auch nicht unbedingt legal - zu nahtlosen Rapporten über das Verhalten eines Menschen verarbeiten lassen.

Spam selbst auf der Strasse

Das Publikum geht sorglos mit den Ortsinformationen um. Man nutzt Funktionen, die einem Freunde in der Nähe anzeigen, oder elektronische Reiseführer, die erläutern, was man gerade vor Augen hat. Die ortsbasierte Werbung, bei der ein Restaurant den Vorbeigehenden das Menü aufs Handy schickt, ein Laden Sonderangebote macht oder Besucher eines Sportanlasses gezielt angesprochen werden, könnte nach Meinung einiger Experten stark an Bedeutung gewinnen. Die Spamwelle droht vom Web auf die Strasse überzuschwappen.

Auch wer das Internet über das Fixnetz benützt, ist leicht zu orten. Der Dienstanbieter kennt Nummer und Standort des Computers. Die Autonummernerkennung liefert ebenfalls Daten, ohne dass der Erfasste etwas davon merkt. Ganz abgesehen von den zahlreichen Überwachungskameras, die Myriaden von Porträts aufnehmen und dabei auch den Aufnahmeort registrieren.

In ihrem Bericht, der aufschlussreich und auch für Laien verständlich ist, verschweigen die TA-Swiss-Experten nicht den Nutzen der Ortung. Das System E-Call, das bald für neue Autos obligatorisch wird, kann Leben retten - es sendet bei einem Unfall Standortinformationen an eine Notrufzentrale. Kinder oder verwirrte Menschen lassen sich im Notfall leichter finden. In Fabriken werden einsame Arbeiter und Nachtwächter bei ihrem gefährlichen Job überwacht. Die Fahrzeuge der Blaulichtorganisationen können von den Zentralen, Lastwagenchauffeure von Disponenten verfolgt und dirigiert werden.

Ahnungslose Datenlieferanten

Die Gefahren der Ortungstechnik sind nach Ansicht des interdisziplinären Expertengremiums längst nicht unter Kontrolle. Durch die Verbreitung bisher professionellen Nutzern vorbehaltener Kommunikationstechnik sind zunehmend ahnungslose Konsumenten betroffen.

Der Konsument weiss kaum, welche Datenspuren er auf welchen Landkarten hinterlässt und wer daraus welche Schlüsse ziehen könnte. Die Auswertung der Daten wird automatisiert, sodass für Marketingzwecke, Persönlichkeitsprofile oder auch aus privater Neugier Informationen gesammelt werden können. Die Gesichtserkennung etwa funktioniert selbst auf Publikumsgeräten bereits ganz passabel, sodass man eine Person aus einer Reihe von Bildern schnell herausgesucht hat. Kombiniert man dazu die geografischen Daten, weiss man, wann und wo die Person sich aufgehalten hat. Das kann bis zum Identitätsdiebstahl gehen, wenn Sicherheitsfragen darauf basieren, wo man zu einem bestimmten Zeitpunkt war - in der Meinung, dass das nur die Person selber wissen könne.

Dank geografischer Daten sind schon Verbrecher verfolgt und dingfest gemacht oder Verunfallte im Gebirge gefunden worden. Anonymisierte Informationen über das sogenannte Schwarmverhalten von Autofahrern helfen bei der Verkehrssteuerung. Einige Sicherheitsbehörden versprechen sich von einer Auswertung solcher Daten noch mehr: Hinweise auf Unruhen, Demonstrationen, Vandalismus oder Panikereignisse. Software für das Erkennen auffälligen Verhaltens gibt es schon.

Tages-Anzeiger

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