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Seine Formeln werden weiterleben

Mit Stephen Hawking ist einer der populärsten Physiker gestorben. Trotz seiner Erkrankung hat er Grossartiges geleistet.

Der Erklärer der Zeit: Stephen Hawking auf dem Gelände vor seinem Büro in der Universität Cambridge, England. Foto: Muir Vidler (13 Photo)
Der Erklärer der Zeit: Stephen Hawking auf dem Gelände vor seinem Büro in der Universität Cambridge, England. Foto: Muir Vidler (13 Photo)

Stephen Hawking, der weltbekannte theoretische Physiker, war selten um eine Antwort verlegen. Äusserte er sich zu Zeitreisen, zu Gott oder zum baldigen Untergang der Menschheit, spitzte die Welt die Ohren. Als Genie im Rollstuhl, das dem Tod jahrzehntelang von der Schippe sprang, umwehte ihn eine Magie, wie sie kaum ein anderer Wissenschaftler innehatte. Bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit durch sein 1988 veröffentlichtes Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit». Darin berichtete er über die moderne Kosmologie und philosophierte über das Wesen der Zeit. Am 14. März, im Alter von 76 Jahren, lief seine Lebenszeit ab.

Was er in dieser alles leisten konnte, wie er überhaupt eine solche Karriere hinlegen konnte, grenzt fast an ein Wunder. Als Student erfuhr er im Alter von 21 Jahren, dass er unter Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet, einer unheilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems. Es hiess, er habe noch weniger als drei Jahre zu leben – eine enorme psychische Belastung für den jungen Wissenschaftler. Doch er hatte Glück im Unglück: Er gehörte zu den ­wenigen, bei denen ALS einen sehr langsamen Krankheitsverlauf nimmt.

Genuschel kaum zu verstehen

Trotzdem wurde der Alltag für Hawking bald unendlich mühsam, wie Norbert Straumann berichtet, emeritierter Physikprofessor der Universität Zürich. Er erinnert sich an eine Begegnung auf einer Tagung in Kanada, wie dort zwei Doktoranden Hawking auf die Toilette schleppen mussten. Reden konnte Hawking damals, Mitte der 70er-Jahre, noch. «Aber seine Worte waren kaum noch zu verstehen. Wenn Hawking einen Witz machte, lachten nur die Leute aus Cambridge. Sie konnten seinem Genuschel noch folgen.»

Bald teilte sich Hawking nur noch ­mittels Sprachcomputer mit, den er mit einem Finger bediente. «Die Kommunikation ging daher sehr langsam vonstatten», sagt Ruth Durrer, Professorin für Theoretische Physik an der Uni Genf, die 1988 und 1989 nach ihrer Doktorarbeit bei Hawking an der Universität Cambridge in England forschte. «Man hat ihm nur dann eine Frage gestellt, wenn man auch wirklich eine Antwort haben wollte.»

Durrer erlebte Hawking als sehr zugänglichen Menschen. «Nach Fachvorträgen hat er jedes Mal eine spannende, weiterführende Frage gestellt. Er war immer aktiv dabei und hat sich von seiner Krankheit überhaupt nicht unterkriegen lassen. Als Mensch kann man ihn nur ­bewundern, wie er trotz oder vielleicht auch wegen seiner Krankheit so viel ­geleistet hat. Das war ein Willensakt ­sondergleichen.» Diese Kombination aus kreativem Geist, gefangen in einem Körper, der ihm kaum noch gehorchte, hat sicher zu seiner Popularität beigetragen.

Auch ausserhalb der Wissenschaft wollte Hawking Spass haben. Den 60.Geburtstag feierte er mit einer Ballonfahrt. Im April 2007, wenige Monate nach seinem 65., nahm er an einem Parabelflug teil, während dem mehrmals für einige Sekunden Schwerelosigkeit herrscht. Gefragt, warum er solche Risiken auf sich nehme, antwortete er der New York Times: «Ich möchte zeigen, dass Menschen sich durch ihre physischen Gebrechen nicht einschränken lassen müssen, solange sie geistig nicht behindert sind.»

Sorgte als Physiker für Furore: Stephen Hawking. (19. September 2013)
Sorgte als Physiker für Furore: Stephen Hawking. (19. September 2013)
Andrew Cowie, AFP
Stephen Hawking wird in London mit einer Friedensmedaille ausgezeichnet. (6. März 2017)
Stephen Hawking wird in London mit einer Friedensmedaille ausgezeichnet. (6. März 2017)
Matt Dunham, Keystone
Dass er den Nobelpreis nicht gewonnen hat, fand er schade: Stephen Hawking auf dem Weg zu einer Veranstaltung in London. (30. März 2015)
Dass er den Nobelpreis nicht gewonnen hat, fand er schade: Stephen Hawking auf dem Weg zu einer Veranstaltung in London. (30. März 2015)
Joel Ryan, Keystone
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Seine grössten wissenschaftlichen Leistungen vollbrachte er in den 60er- und 70er-Jahren. Zum Beispiel hat er durch die mathematische Untersuchung von Schwarzen Löchern und dem Urknall erkannt, dass Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie dort definitiv an ihre Grenzen kommt. «Das waren Pionier­taten», sagt Straumann.

Später wandte sich Hawking der Erweiterung von Einsteins Relativitätstheorie zu. In einem Punkt ist ihm das gelungen: Er hat Schwarze Löcher quantenphysikalisch betrachtet und erkannt, dass sie gar nicht wirklich schwarz sind. Vielmehr strahlen Schwarze Löcher durch quantenmechanische Effekte Teilchen und Licht ab, die sogenannte Hawking-Strahlung. «Das ist aus meiner Sicht sein wichtigster Beitrag zur Physik», sagt Durrer. Denn das strahlt bis heute aus und könnte der Schlüssel sein zu einer Vereinheitlichung von Quantenphysik und Relativitätstheorie.

Warnung vor dem Untergang

Für seine Leistungen hat Hawking viele Preise gewonnen, etwa die Albert-Einstein-Medaille der Schweizerischen Albert-Einstein-Gesellschaft. Nur der Nobelpreis blieb ihm versagt. Wohl zu Recht: Seine theoretischen Betrachtungen liessen sich experimentell nicht belegen. Die Hawking-Strahlung wurde bis heute nicht entdeckt. So ist Hawking letztlich trotz seiner beachtlichen Leistungen nicht ganz auf dem Olymp der Physik angekommen. «So gross wie Einstein war Hawking nicht», so Straumann.

In seinen letzten Lebensjahren liess sich Hawking vermehrt zu Aussagen jenseits seines Fachgebiets hinreissen. Er warnte die Menschheit vor dem Untergang, etwa durch die Erderwärmung. Auch in der künstlichen Intelligenz sah er eine grosse Gefahr – sie könnte eines Tages klüger werden als ihre Schöpfer.

Hawking wurde am 8. Januar 1942 in Oxford geboren – auf den Tag genau 300 Jahre nach dem Tod des Astro­nomen und Mathematikers Galileo Galilei, worauf Hawking gerne hinwies. An ein Leben nach dem Tod glaubte er nicht. Nur seine Formeln sollen weiterleben. 2002 sagte Hawking, er möchte, dass seine Gleichung für die Hawking-Strahlung auf seinem Grabstein eingraviert wird.

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