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Wenn gefährliche Passagiere im Schiffsbauch reisen

Jeden Tag kreuzen unzählige Frachtschiffe durch die Weltmeere – oft mit ungebetenen tierischen Gästen an Bord. Einmal in ihrer neuen Heimat angekommen, können diese verheerende Schäden anrichten.

Blinder Passagier an Bord? Schiffscontainer am Hamburger Hafen. (14. Oktober 2014)
Blinder Passagier an Bord? Schiffscontainer am Hamburger Hafen. (14. Oktober 2014)
Reuters

Tierarten, die im Ballastwasser grosser Schiffe als blinde Passagiere um die halbe Welt reisen, können in ihrer neuen Heimat verheerende Schäden anrichten. Doch eine vor zehn Jahren beschlossene internationale Ballastwasser-Konvention ist noch immer nicht in Kraft getreten.

In den Ballasttanks von Frachtschiffen machte sich die an der nordamerikanischen Atlantikküste beheimatete Rippenqualle Anfang der achtziger Jahre auf eine grosse Reise. Zehn Jahre später war sie im Schwarzen Meer eine tödliche Plage: Sie dezimierte die Sardellen-Bestände und brachte das gesamte Ökosystem durcheinander.

Sogenannte invasive Arten seien heute eine der «grössten Bedrohungen» für das Leben in den Ozeanen, betont der Generalsekretär der Internationalen Schifffahrts-Organisation (IMO), Koji Sekimezu. Die Eindringlinge werden auch für das Sterben vieler Süsswassertiere in Flüssen und Seen mitverantwortlich gemacht, deren Zahl nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF zwischen 1970 und 2010 um 76 Prozent zurückgegangen ist.

«Ist eine invasive Art erst einmal da, gibt es kaum Mittel, sie wieder loszuwerden», sagt Simon Walmsey, der beim WWF für den Gewässerschutz zuständig ist. In ihrer neuen Heimat hätten die Eindringlinge oft keine natürlichen Feinde und vermehrten sich ungestört. Das bedrohe das gesamte Ökosystem - mit «enormen Kosten» für die Umwelt, aber auch für die Wirtschaft, etwa die Fischerei.

Wasser fürs Gleichgewicht

Zumal es in der globalisierten Welt um riesige Mengen geht. Jeden Tag kreuzen unzählige Frachtschiffe durch die Meere. Sie nehmen beispielsweise in Shanghai oder Tanger Ballastwasser auf, das für das Gleichgewicht der Schiffe notwendig ist. Anschliessend leeren sie die Behälter in weit entfernten Häfen wie Rotterdam oder Hamburg, wenn das Schiff neu beladen wird.

Der Seetransport sichert rund 80 Prozent des weltweiten Handels, jährlich werden mit den Schiffen rund zehn Milliarden Tonnen Ballastwasser transportiert. Und mit dem Wasser reisen lauf WWF täglich 7000 verschiedene Arten als unerwünschte Passagiere mit - Fischlarven, Algen und Schalentiere, aber auch Viren und Bakterien.

In deutschen Flüssen tummeln sich laut einer kürzlich vorgelegten Studie schon 21 «gebietsferne» Fischarten. Und in den USA wurde die Zebramuschel, die ursprünglich vor allem im Schwarzen Meer lebte, zur Plage. Die Muscheln saugen sich in grossen Klumpen an Wasserrohren fest und können so Kraftwerke beeinträchtigen, die Wasserzufuhr benötigen. Sie blockieren Schiffsmotoren und verschmutzen Strände. Die Schäden werden allein in den USA auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt.

Eine Million Euro pro Schiff

Besonders betroffene Staaten, neben den USA auch Australien und Kanada, dringen auf ein rasches Inkrafttreten der Ballastwasser-Konvention der IMO von 2004. Das Abkommen legt unter anderem Standards zur Behandlung des Wassers in den Tanks fest.

Damit sie in Kraft treten kann, muss die Übereinkunft von mindestens 30 Ländern ratifiziert werden, die zusammen für 35 Prozent des Seetransports stehen. Zwar haben 40 Staaten den Text ratifiziert, doch auf sie entfallen nur 30 Prozent der Seefracht. Denn ausgerechnet Länder wie China, Griechenland und Panama, untere deren Flagge besonders viele Schiffe fahren, sträuben sich, dem Abkommen beizutreten.

Es gebe sicher Druck von der Reeder-Lobby, meint Damien Chevalier vom französischen Aufsichtsamt für die Schifffahrts-Sicherheit. Denn laut Abkommen sollen die Schiffe mit teuren Geräten, etwa UV-Lampen und Elektrolyse-Anlagen ausgerüstet werden. Dies koste pro Schiff rund eine Million Euro.

Weil Staaten mit kleinen Flotten beitreten, könnte die Konvention trotzdem in zwei Jahren in Kraft treten, schätzen Experten. Aber selbst das wird das Eindringen fremder Arten nicht sofort beenden. Denn das Nachrüsten aller Schiffe dürfte gut zehn Jahre dauern.

SDA/ajk

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