Warum der Bund den Biber zum Abschuss freigibt

In der Schweiz dürfen ab sofort auch die geschützten Biber gejagt werden. Der Zweck der Jagd ist die «regionale Regulierung».

Starke Vermehrung: Ein Biber in der Aare zwischen Bern und Thun.

Starke Vermehrung: Ein Biber in der Aare zwischen Bern und Thun.

(Bild: Urs Troesch/zvg)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Der Biber vermehrt sich rasend schnell: Vor 60 Jahren waren die Tiere in der Schweiz ausgerottet. Dann, ab den 1950er-Jahren, wurden sie wieder angesiedelt. Und heute leben hierzulande um die 2000 Tiere.

Doch die putzigen Nager erfreuen nicht alle. Probleme verursachen sie im Kanton Bern vor allem im Seeland, wo sie im Grossen Moos Böschungen untergraben und sogar Strassen einstürzen lassen können. Bis heute dürften die Schäden an der Infrastruktur die Millionengrenze erreicht haben. Im Jahr 2009 zumindest hatte der Kanton Bern allein den «bautechnischen Schaden» der Biber am Kanalsystem auf eine halbe Million Franken beziffert.

Die vermehrten Schäden sind mit ein Grund, warum die Biber jetzt sogar auf der Abschlussliste gelandet sind: Die revidierte Jagdverordnung des Bundes, die seit gestern Montag gilt, erlaubt es unter gewissen Umständen, die Tiere zu töten. Der Zweck der Jagd ist die «regionale Regulierung», wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) kürzlich mitgeteilt hat. Erlaubt werden soll eine solche «Regulierung» der geschützten Tiere allerdings nur, wenn Infrastrukturanlagen «erheblich gefährdet» werden.

Das Seeland, «ein Eldorado»

Im Seeland leben um die 100 Biber – die Kanäle und die Gemüsefelder sind «ein Eldorado für die Tiere». Das sagt Peter Thomet. Er ist Gemeinderat von Ins und gleichzeitig Präsident der Bauern-Vereinigung IG Pro Agricultura Seeland. Thomet hat nichts «gegen den Biber», wie er betont, aber er ist trotzdem glücklich über die neue Jagdverordnung. So könnten die Bestände endlich reguliert werden, sagt er. Thomet möchte die Biber vor allem dort beseitigen, wo sie grossen Schaden anrichten – beim Pumpwerk in Gampelen etwa, das sie mit ihren Holzhaufen blockierten. Oder bei einer Strasse in Siselen, die wegen der zahlreichen Biberbauten im Untergrund immer wieder einbricht.

Weniger glücklich über die neue Verordnung des Bundes ist hingegen das kantonale Jagdinspektorat. Bei Konflikten mit dem Biber handle es sich immer um Einzelfälle, die meist vor Ort gelöst werden könnten, sagt Karin Thüler, Fachbereichsleiterin Wildtiere. «Das ist der bessere Weg als eine Regulierung.» Letztere sei nur sinnvoll, wenn danach der Lebensraum für die Biber unattraktiv gemacht werde – mit Verbauungen oder Gittern. Thüler rechnet denn auch nicht mit Anträgen für die Jagd auf Biber. Ein solcher Antrag könne erst gestellt werden, wenn vorher versucht worden sei, die Schäden zu verhindern, sagt Thüler. Und aktuell gebe es im Kanton Bern keinen solchen Fall.

Zweifel beim Bund

Ob die Jagd erlaubt ist, entscheidet letztlich der Bund. Doch selbst beim Bafu ist man nicht restlos überzeugt von der eigenen Verordnung. Die Jagd sei «keine nachhaltige Lösung», sagt Nicole Imesch, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bafu, sondern «eine situationsbedingte Notlösung». Der Grund: Eine Biberfamilie lebe in einem fixen Revier. Wenn die Tiere verschwinden, kämen bald die nächsten. Trotzdem geht Imesch davon aus, dass nun Anträge zur Jagd auf die Biber gestellt werden.

Das glaubt auch Pro-Agricultura-Präsident Thomet: Es werde jetzt Anträge für die Jagd geben. Im Seeland lebten seiner Meinung nach drei bis vier Biberpaare zu viel. Doch so ganz traut er den Behörden nicht. Es koste viel Geld, Biber zu jagen und zu töten. Ob der Kanton dieses Geld ausgeben wolle, werde sich zeigen. Thomet redet denn auch erst von einer «Teillösung». Für ihn ist so oder so klar, dass es jetzt zusätzliche Mittel gegen die Biber braucht. Thomet denkt zum Beispiel an Elektrozäune bei den Zuckerrübenfeldern.

Dass auf eine eliminierte Biberfamilie bald einmal die nächste folgt, weiss auch Thomet. Für ihn ist das allerdings nur eine «Zweckbehauptung der Tierfreunde». In Bayern würden regelmässig Hunderte von Bibern gejagt.

Berner Zeitung

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