Vielleicht waren es Aliens

Handelt es sich beim Objekt, das letztes Jahr im All gesichtet wurde, um Raumschiffschrott von Ausserirdischen? Ein Astrophysiker erwägt das in einer Studie.

Und wenn es doch nur ein Asteroid wäre, dann jedenfalls keiner aus unserem Sonnensystem: ’Oumuamua in einer künstlerischen Visualisierung.

Und wenn es doch nur ein Asteroid wäre, dann jedenfalls keiner aus unserem Sonnensystem: ’Oumuamua in einer künstlerischen Visualisierung. Bild: Nasa

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Hat uns letztes Jahr ein durch den Weltraum torkelndes Sonnensegel einer ausserirdischen Zivilisation besucht? Oder war das Objekt namens ’Oumuamua sogar eine voll funktionsfähige und absichtlich von Aliens in Richtung Erde geschickte Weltraumsonde? Werden in einem Fachmagazin solche Fragen gestellt, dürfte viele an der Seriosität der Studienautoren und des Publikationsmediums zweifeln.

Nun aber steht neben Shmuel Bialy, einem Nachwuchsforscher der Harvard University, auch der Name Abraham Loeb auf der entsprechenden Publikation. «Loeb ist einer der am meisten respektierten theoretischen Astrophysiker der Welt», sagt Kevin Heng, Direktor des Center for Space and Habi­ta­bi­lity der Universität Bern. «Er ist Leiter der Astronomieabteilung der Harvard University und Direktor des Instituts für Theorie und Computation.» Die Studie erscheint nächste Woche auch nicht irgendwo, sondern im renommierten Fachblatt «The Astrophysical Journal Letters».

Ein interstellares Objekt

Das Renommee Loebs bedeute zwar nicht automatisch, dass das, was die beiden Forscher in ihrer Veröffentlichung behaupten, auch stimme, sagt Heng. «Es bedeutet aber, dass wir das, was sie vorschlagen, zumindest sorgfältig anschauen sollten.» In ihrer Publikation kümmern sich Loeb und Bialy um die aussergewöhnliche Bahnkurve von ’Ou­muamua (hawaiisch für «Bote aus der fernen Vergangenheit»).

Das Objekt wurde am 19. Oktober 2017 vom Teleskop Pan-Starrs-1 auf Hawaii entdeckt. Zunächst sah es aus wie ein typischer kleiner Asteroid, der sich mit hoher Geschwindigkeit bewegte. Jedoch enthüllte die genauere Beobachtung ohne jeden Zweifel, dass dieser Himmels­körper nicht wie alle anderen zuvor beobachteten aus unserem Sonnensystem stammt, sondern aus dem interstellaren Raum, also von den Sternen.

’Oumuamua hatte aber noch weitere Überraschungen auf Lager. So fand ein Astronomenteam auf Hawaii heraus, dass sich die Helligkeit des Objekts dramatisch um den Faktor zehn ändert, während es sich alle 7,3 Stunden um die eigene Achse dreht. Die starke Helligkeitsänderung wiederum bedeutet, dass ’Oumuamua sehr langgestreckt ist, also die Form einer Zigarre oder vielleicht auch eines Pfannkuchens besitzt. Seine Länge wird auf mindestens 400 Meter geschätzt, und es rast mit einer Geschwindigkeit von rund 300000 Kilometern pro Stunde durchs Sonnensystem.

Kürzlich berichteten Forscher um den italienischen Astronomen Marco Micheli im Fachmagazin «Nature», dass ’Oumuamua auf eine Art beschleunigt wurde, die nicht durch die Gravitationswirkung der Sonne erklärt werden kann. Die Beschleunigung erfolgte so, als ob es sich um einen Kometen handle, der Gas ausstösst. Aber bei ’Oumuamua wurden keine Hinweise auf Gasemissionen entdeckt, wie sie für Kometen üblich sind, wenn sie sich der Sonne nähern.

Wenn nicht die kometare Aktivität, was dann könnte ’Oumuamua beschleunigt haben? Loeb und Bialy zeigen, dass man die Beschleunigung erklären könnte, wenn es sich bei ’Oumuamua um ein extrem dünnes Objekt handelt, das vom Sonnenwind angetrieben wird. Nur etwa 0,3 bis 0,9 Millimeter dick dürfte ’Oumuamua demnach sein.

Um was für ein Objekt könnte es sich also handeln? Bei dieser Frage beginnt der spekulativere Teil der Studie. Wie ­Kevin Heng von der Uni Bern sagt, leitet Loeb auch das Beratungsgremium der «Breakthrough Starshot Initiative», die das Ziel hat, ein Raumschiff zum nächstgelegenen Stern zu schicken.

Dafür müsste das Raumschiff mit einem Sonnensegel ausgestattet und mithilfe des Sonnenwinds angetrieben werden. Folglich überrascht es nicht, dass die Autoren vorschlagen, ’Oumuamua könne ein gigantisches Sonnensegel sein, das als Weltraumschrott einer fernen Zivilisation durch unser Sonnensystem torkelt und vom Sonnenwind angetrieben wird.

Alternativ schlagen die Autoren ein noch exotischeres Szenario vor. Demnach könnte es sich bei ’Oumuamua um eine «voll funktionsfähige Raumsonde handeln, die mit Absicht von einer fremden Zivilisation in die Nähe der Erde geschickt wurde», heisst es in der Publikation.

Vielleicht doch ein Komet

Martin Jutzi von der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie der Universität Bern findet die Studie «durchaus interessant». Allerdings sei es schon sehr spekulativ, nur aufgrund der beobachteten nicht gravitativen Beschleunigung von ’Oumuamua auf ein Sonnensegel oder gar eine geleitete Sonde zu schliessen. «Meiner Meinung nach gibt es, wie fast immer, einfachere und bessere Erklärungen. Diese sind aber natürlich weniger sensationell.»

Ob eine sonnensegelartige Raumsonde die Beobachtungen tatsächlich erklären könne, werde letztlich nicht geklärt, sagt Jutzi. «Ein mögliches Problem ist die Ausrichtung des extrem dünnen Sonnensegels.» Ein weiteres seien Kolli­sionen mit interstellaren Staubteilchen, die das Segel beschädigen würden. Dieses Problem wird in der Veröffentlichung zwar angesprochen, der potenzielle mechanische Schaden durch die Kollisionen aber nicht weiter diskutiert.

Wie Marco Micheli in der erwähnten Studie in «Nature» schreibt, kann es durchaus sein, dass potenzielle Ausgasungen von ’Oumuamua nicht nachweisbar waren, weil sie unterhalb der Detektionsschwelle lagen. «Meiner Meinung nach kann die beobachtete nicht gravitative Beschleunigung daher am einfachsten durch Ausgasen erklärt werden», sagt Jutzi. «Das heisst, es handelt sich wahrscheinlich doch um ein kometenähnliches Objekt.»

Aber auch dieses Szenario sei umstritten, so Jutzi weiter. «Es muss noch im Detail gezeigt werden, dass es funktioniert.» Immerhin würden theoretische Modelle nahelegen, dass interstellare Kometen mit einer gewissen Häufigkeit in unserem Sonnensystem auf­tauchen. «Es braucht also wahrscheinlich gar keine exotische Erklärung, wie sie im Paper von Bialy und Loeb präsentiert wird.»

Leider ist es schon zu spät, ’Oumuamua noch eingehender zu untersuchen. Das Objekt ist bereits wieder zu weit von der Erde entfernt dafür, es mit Teleskopen zu studieren oder mit einer Raumsonde zu besuchen. Daher bleibe nichts anderes übrig, schreiben die Forscher, als nach anderen Objekten dieser Art Ausschau zu halten.

«Das ist eine der wichtigen Botschaften dieser Publikation», sagt Heng. «Wir leben in einer Zeit, in der die Suche nach künstlichen Objekten aus anderen Planetensystemen plausibel und nicht mehr länger Science-Fiction ist.» Bei dieser Suche mag zwar nichts herauskommen. Aber wichtig sei, dass man solche Ideen wie die von Bialy und Loeb nun auch testen könne. «Das ist Teil der wissenschaftlichen Methode.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 07:30 Uhr

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