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Und zum Crescendo folgt der tödliche Biss

Die BBC-Dokumentationen «Planet Earth» und «Frozen Planet» sind bekannt für ihre einmaligen Tieraufnahmen. Statt nur im Fernsehen sind sie nun zusammen mit einem Liveorchester auch auf Grossleinwand zu sehen – etwa am 15. April im Hallenstadion.

80 Musiker des City of Prague Philharmonic Orchestra untermalen die atemberaubenden Tieraufnahmen mit Livemusik. Foto: Fred Olivier
80 Musiker des City of Prague Philharmonic Orchestra untermalen die atemberaubenden Tieraufnahmen mit Livemusik. Foto: Fred Olivier

Acht Stunden fast regungslos in einem Tarnzelt sitzen und warten. Warten, bis sich irgendetwas tut, bis ein Tier, vielleicht sogar das richtige Tier, vor der Linse auftaucht. Das ist für Oliver Goetzl Alltag. Der preisgekrönte deutsche Filmemacher dreht Tierfilme. Was für Ungeduldige anstrengend klingt oder wo so mancher nach dreissig Minuten weggenickt wäre, blüht Goetzl auf. «Eigentlich vergeht die Zeit recht schnell», sagt er am Telefon aus Hamburg. Er ist gerade ein paar Tage zu Hause, bevor die nächste Expedition beginnt. Bei den Aufnahmen sei er sowieso meist so aufgeregt, dass er selbst bei stundenlangem Warten nicht müde werde.

Der Trailer zum Live-Event. Quelle: Southbank Centre/Youtube

Auch für die BBC arbeitet der Deutsche. Die BBC-Shows «Planet Earth» und «Frozen Planet» sind bekannt für ihre einmaligen Tieraufnahmen, für die Filmemacher wie Goetzl viel Zeit investieren. Mit grossem Erfolg lief «Planet Earth» mehrere Jahre nicht nur im britischen Fernsehen, sondern auch in rund zwanzig weiteren Ländern. Nun tourt die Produktion mit Live-Orchester-Begleitung im deutschen Sprachraum. Am 15. April kommt «Planet Earth – Live in Concert» ins Zürcher Hallenstadion.

Auf Grossleinwand sieht man dann die BBC-Aufnahmen, darunter sitzt das City of Prague Philharmonic Orchestra und spielt jene Musik, die der englische Komponist George Fenton speziell für «Planet Earth» geschrieben hat. So erklingen beispielsweise die Triangel, während der Zuschauer badende Elefanten am Okavango-Delta in Botswana beobachten kann. Oder die Streicher setzen zu einem Crescendo an, während ein weisser Hai aus dem Wasser schnellt und eine Robbe erwischt.

Zwischen den Stücken erklärt Moderator Max Moor die jeweils nächste Sequenz. Aahs und Oohs gab es vom Publikum bei einer Aufführung in London vor allem für die zahlreich vertretenen Tierbabys, wenn die kleinen Enten hinter der Mama herwatscheln oder die Eisbärjungen über ihre Mutter kullern.

Auf den Spuren der Polarwölfe

Die klassische Musik und der Überlebenskampf der Tiere passen gut zusammen. Sie steigert die Dramatik, wenn die Bergziege über die Hänge des Karakorum-Gebirges hetzt, um dem ihr hinterherjagenden Schneeleoparden zu entkommen. Oder wenn sich Jungfernkranich und Steinadler einen Luftkampf im Himalaja-Gebirge liefern. Manchmal sind die Filmaufnahmen so packend, dass man das Orchester ein bisschen vergisst und die Musik ebenso gut aus der Konserve stammen könnte. Erst wenn der Blick wieder nach unten wandert, erinnert man sich, ach ja, da sitzen 80 Livemusiker, die man bei der Arbeit beobachten kann.

Fünf bis acht Monate ist Goetzl pro Jahr mit der Kamera irgendwo auf der Welt unterwegs. Den letzten Sommer verbrachte er hoch im arktischen Norden auf den Spuren der Polarwölfe. «Ich habe noch nie eine solche Hitze erlebt», sagt er. Der Schweiss sei den ganzen Tag einfach nur gelaufen. Weil die Sonne 24 Stunden vom Himmel brennt und die höchsten Pflanzen nicht einmal bis zum Knie reichen, gibt es kein Entkommen vor ihr. Und irgendwann fielen auch noch die Mücken ein. Drei Tage seien sie zu Beginn mit dem Helikopter über ­Ellesmere Island im hohen Norden Kanadas geflogen, um überhaupt Höhlen des arktischen Wolfes zu finden, erzählt Goetzl. Der arktische Wolf ist mit seinem weissen Fell gut an die Umgebung angepasst. Doch für das Filmteam hiess es Anfang Juni erst einmal drei Wochen warten, bis sich der Matsch in einen einigermassen mit Quadbikes befahrbaren Untergrund verwandelt hatte.

Zweieinhalb Monate verbrachte das Dreierteam in einem nahe der Wolfshöhlen aufgestellten Camp. 11,5 Kilogramm Gewicht verlor Goetzl dort in zwei Monaten. Geschlafen habe er nur zwei bis fünf Stunden pro Nacht. Die restliche Zeit verging mit dem Beobachten der Wölfe und der Jagd nach den besten Bildern. All diese Strapazen sind für den Filmemacher jedoch völlig zweitrangig. «Anstrengend finde ich es eigentlich nur, wenn wir bei Behörden oder am Zoll stundenlang auf die richtigen Papiere warten müssen.» «Planet Earth» lief auf der BBC erstmals im Jahr 2006. Seither hat die Serie verschiedene Preise gewonnen und einen neuen Standard gesetzt, wenn es um Natur- und Tieraufnahmen geht. Für dieses Jahr hat der britische Sender eine zweite Staffel angekündigt. Die Filmemacher setzen immer mehr auch auf Drohnen und ferngesteuerte Kameras, um die Tiere in ihrem Lebensraum möglichst wenig zu stören.

Erstaunt war Goetzl, wie wenig Scheu die Wölfe vor ihren menschlichen Besuchern zeigten. Ellesmere Island ist kaum bewohnt. Die Insel ist fünfmal grösser als die Schweiz, doch nur etwa 100 Menschen wohnen dort. «Die Wölfe hatten vermutlich noch nie Menschen gesehen und deshalb auch keine schlechten Erfahrungen gemacht.»

Naturdrama vor der Linse

Tierfilme zu drehen, ist nicht nur im Tagesgeschäft eine Geduldsprobe, für die «Planet Earth»-Serie drehte die BBC fünf Jahre an über 200 Drehorten. Dabei häuften sich 10 000 Stunden Filmmaterial an. Auch die arktischen Wölfe filmt Goetzl mehrmals zu verschiedenen Jahreszeiten. Nach der Expedition im letzten Sommer reist er nun wieder hin, um Aufnahmen in Schnee und Eis zu machen. Und auch den nächsten Sommer wird er auf Ellesmere Island verbringen. «Im letzten Sommer spielte sich ein Drama vor unseren Augen ab», sagt Goetzl, der einst Biologie studierte.

Eine Wölfin, die sich als Amme einiger Jungen engagierte, verhungerte vor den Augen des Teams, weil der Rest des Rudels die leibliche Mutter, eine ranghöhere Wölfin, mit Nahrung versorgte. Es ist bei den Wölfen üblich, dass sich das Rudel um Mütter mit Jungen kümmert. Das Besondere in diesem Fall war, dass sich die Mutter selbst wenig um die Jungen kümmerte. Sie ging selbst auf Jagd und nahm das Zusatzessen, das das Rudel ihr servierte, trotzdem gerne an, während die Amme leer ausging. «Es war ein Schock für uns, als die Ersatzmutter schliesslich tot zusammenbrach.» Im nächsten Sommer will Goetzl sehen, was aus den jungen Wölfen geworden ist.

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