So trocken wie fast nie in den letzten 40 Jahren

Die Schweiz trocknet aus, Gewitter bringen kaum Entspannung. Erinnerungen an den Jahrhundertsommer 2003 werden wach.

Wegen Wasserknappheit abgeschaltet: Ein trockengelegter Brunnen im Dorf Malans, Kanton Graubünden.

Wegen Wasserknappheit abgeschaltet: Ein trockengelegter Brunnen im Dorf Malans, Kanton Graubünden. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Tropennächte, aufgeheizte Gewässer, gelb und braun gefärbte Wiesen: Seit Wochen setzt der Schweiz das heisse Wetter zu. Der Juni war einer der wärmsten seit Messbeginn 1864 und der dritte Monat in Folge mit weit überdurchschnittlichen Temperaturen. «Allgemein war es in dieser Zeitspanne etwa 2 bis 3 Grad zu warm. An dieser Situation hat sich auch im Juli bislang noch nicht viel geändert», sagt Thomas Schlegel von Meteo Schweiz. Noch bis mindestens Anfang August werden überdurchschnittliche Temperaturen prognostiziert.

Zudem bleibt der Niederschlag seit Monaten aus. Von April bis Juni erreichten die Regensummen im landesweiten Mittel nur 71 Prozent der Norm. Im Juni fielen je nach Region sogar nur 20 bis 40 Prozent der sonst üblichen Mengen. Lokal war es der trockenste Juni seit über 100 Jahren. Und auch im Juli setzt sich die extreme Trockenperiode fort.

Messungen von Meteo Schweiz bei der Station Zürich/Fluntern zeigen, wie stark die Niederschlagsmenge in den vergangenen drei Monaten vom langjährigen Mittel abgewichen ist. Seit April gab es mehrere Phasen, in denen leicht bis mässig trockene (helles braun), zum Teil sogar stark bis extrem trockene Verhältnisse (dunklere Brauntöne) herrschten. Am 13. und 14. Juli beispielsweise lag die Regenmenge mehr als 1,6 Punkte unter dem langjährigen Mittel. Eine solch enorme Trockenheit kommt im Schnitt nur ein- bis zweimal in 40 Jahren vor.

Es ist praktisch eine Spiegelung der ersten drei Monate 2018. Von Januar bis März fiel deutlich mehr Niederschlag als im langjährigen Vergleich. Es war denn auch der schneereichste Winter seit langem. Im April wurde dann aus diesem Überschuss ein Defizit an Regen.

Nicht nur Zürich/Fluntern, sondern auch andere ausgewählten Stationen des Messnetzes von Meteo Schweiz wiesen in den letzten drei Monaten ein Niederschlagsdefizit auf. In Genf-Cointrin fiel es mit –0,2 noch am geringsten aus. Altdorf hingegen weist wie Zürich/Fluntern ein Minus von 1,6 aus, Samedan sogar eins von 2,3.

Lokal gibt es erhebliche Unterschiede. Die grössten Abweichungen zu den sonst üblichen Niederschlägen weist aber die Nordostschweiz auf. Im Mittelland, von St. Gallen über Schaffhausen bis Luzern, fielen von April bis Juni nur etwa 40 bis 60 Prozent der gewöhnlichen Mengen. Die zentrale und östliche Alpennordseite sowie der Kanton Graubünden sind ebenfalls stark von Regenmangel betroffen.

Wenn es regnete, dann meist punktuell in Form von Schauern und Gewittern. Diese bringen nur lokal Entlastung und sorgen kurzfristig für Abhilfe. «Zum Teil kann der trockene Boden das Wasser nicht einmal aufnehmen, weil viel auf einmal kommt. Ein Teil des Regens fliesst deshalb direkt ab in Flüsse oder Gewässer», erklärt Schlegel.

Damit sich die Situation in der Schweiz entspannen würde, müsste es laut dem Meteorologen einen ganzen Tag lang sehr stark regnen, 40 bis 50 Millimeter, oder zwei bis drei Tage verbreitet Niederschlag geben. Die Gewitter, die für das kommende Wochenende vielerorts angekündigt sind, dürften deshalb nur lokal zu Entspannung führen. Gleichzeitig trocknen die Böden aufgrund der beständig hohen Temperaturen und der damit verbundenen hohen Verdunstung aus. Ein Ende der Trockenperiode ist deshalb nicht in Sicht.

Kantone ergreifen Massnahmen

Besonders prekär ist die Situation derzeit in der Ostschweiz, wo die ausbleibenden Niederschläge sich negativ auf die Pegelstände einiger Gewässer auswirken. Derjenige des Bodensees liegt 60 Zentimeter unter der Norm. Im Kanton Thurgau musste die Jagd- und Fischereiverwaltung mehrere Bäche und Flüsse abfischen. Seit Freitag ist es zudem verboten, Wasser aus Seen, Flüssen und Bächen zu entnehmen. Dasselbe gilt für kleine Bäche im Kanton St. Gallen, der die Bevölkerung aufgefordert hat, grundsätzlich sorgsam mit Wasser umzugehen.


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Im Kanton Luzern gab es in den vergangenen Wochen ebenfalls Notabfischungen. Die Gemeinde Hittnau im Zürcher Oberland hat wegen des anhaltend trockenen Wetters seine Bürger zum Wassersparen aufgerufen. Auf dem Greifensee wurde die Schiffahrt eingeschränkt. Weil der Wasserpegel so tief ist, können nicht mehr alle Anlegestellen angefahren werden. Und in Bündner Dörfern wie Malans wurden wegen Wasserknappheit Brunnen trockengelegt.

Seit einer Woche gilt in Graubünden ausserdem ein absolutes Feuerverbot im Wald. Auch im Tessin ist es wegen der Trockenheit untersagt, im Freien ein Feuer zu entfachen. Grosse Waldbrandgefahr herrscht zudem im Wallis sowie in Teilen des Kantons St. Gallen, wie das Naturgefahrenportal des Bundes zeigt. In weiten Teilen der Schweiz wird die Gefahr als erheblich eingestuft. Fällt in den nächsten zwei Wochen nur wenig Regen, könnte es verbreitet zum Verbot von 1.-August-Feuerwerk kommen.

Es wird in der Schweiz künftig längere Trockenperioden geben.»Thomas Schlegel, Meteo Schweiz

Viele fühlen sich aktuell an den Jahrhundertsommer 2003 erinnert, der über Monate Hitze, Sonne und Dürre brachte. Der Frühling 2003 war allerdings viel niederschlagsärmer als dieses Jahr; damit waren die Vorbedingungen noch trockener als aktuell. «Es ist momentan sehr warm. Aber lange Hitzewellen und solche Temperaturen wie damals hatten wir noch keine», sagt Schlegel. Auch Manfred Stähli von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) findet die Situation noch nicht so schlimm wie 2003. Die Austrocknung sei im Vergleich mit dem Hitzesommer 2015 aber bereits «sehr hoch», sagte er gegenüber «20 Minuten».

Laut Stähli haben viele Kantone schon Anfang Monat tiefe Grundwasserspiegel gemeldet, und seither hat sich die Lage noch verschärft. Auch Bauern in gewissen Regionen haben demnach bereits Schwierigkeiten, ihre Felder genügend zu bewässern. «Wenn es mit dem Wassermangel bis Ende August so weitergehen würde, dann hätten wir wirklich ein Problem», sagt Schlegel.

In Zukunft dürften solche Situationen noch häufiger auftreten. Denn aufgrund der aktuellen Klimaszenarien wird davon ausgegangen, dass das Trockenheitsrisiko in der Schweiz steigt. «Die Sommerniederschläge nehmen ab. Es wird künftig weniger Tage mit Regen und längere Trockenperioden geben», erklärt Schlegel. «Zudem wird die allgemeine Temperaturzunahme für eine grössere Verdunstung sorgen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2018, 14:36 Uhr

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