Rettet die letzte Königin

Der Frauenschuh ist in der Schweiz streng geschützt, doch Wilderer gefährden seinen Fortbestand. Jetzt haben Naturfreunde 3000 Jungpflanzen hochgezogen.

Begehrt: Gelber Frauenschuh (Cypripedium calceolus). Foto: Keystone

Begehrt: Gelber Frauenschuh (Cypripedium calceolus). Foto: Keystone

Matthias Meili@MatthiasMeili

Die Aktion ist generalstabsmässig vorbereitet. Morgen Montag verlässt ein holländischer Camion mit wertvoller Fracht eine grosse Blumengärtnerei in der Nähe von Rotterdam. Alle nötigen Papiere sind vorhanden, doch das Endziel der Ladung muss geheim bleiben. Einen Tag später fährt der Laster in den Hof der Bürgerspitalgärtnerei Basel. Hier wird die Ladung gelöscht und zwischengelagert, es sind 3000 in Töpfen gelieferte Orchideen. Doch sie bleiben nicht lange, am nächsten Tag holen die Naturschutzverantwortlichen aus neun Kantonen ihren Anteil ab.

Die Aktion ist Teil einer gross angelegten Rettungsübung für die Königin der heimischen Wildblumen, den Frauenschuh. Orchestriert von der Schweizerischen Orchideenstiftung am Herbarium Jany Renz in Basel, wurden in der spezialisierten Gärtnerei in Rotterdam aus Frauenschuh-Samen, die vor knapp fünf Jahren an verschiedenen gefährdeten Standorten in der Schweiz gesammelt wurden, überlebensfähige Pflanzen gezogen. Jetzt werden die ­Orchideen dort wieder eingepflanzt. «Unser Hauptziel ist», sagt Projektleiter Samuel Sprunger, «die natürlichen Standorte so zu stärken, dass sie wieder eine überlebensfähige Population haben.»

Der Frauenschuh ist viel mehr als die begehrteste aller einheimischen ­Orchideen, er gehört auch zu unserem Kulturgut. Das zeigt allein die Tatsache, dass laut dem Standardwerk «Die Orchideen der Schweiz» für die Schöne mit der schuhartig geformten knallgelben Lippe allein in der Deutschschweiz 22 Namen existieren: Marienschuh, Pfaffeschüeli, aber auch Seckelblume (weil die Lippe im Entfernten auch an einen Hodensack erinnert) und viele mehr.

«Falsche» Orchideenfreunde plünderten Standort in Scuol

Wie alle Orchideen ist auch der Frauenschuh streng geschützt, das Pflücken verboten. Ausfuhr und Import sind nur mit vorgeschriebenen Papieren gestattet. Doch der Schutz ist löchrig: Nicht nur Klimawandel und Einschränkung des Lebensraums gefährden die prächtige Blume, sondern auch «falsche» Orchideenfreunde. Diese graben die Pflanzen an ihren natürlichen Standorten heimlich aus, um ihren Garten damit zu schmücken. Der Frevel hat verheerende Folgen. «Sinkt der Bestand an einem Standort unter 20 Pflanzen, ist er dem Untergang geweiht», sagt Sprunger. «Die Bestäuberinsekten kommen nicht mehr, die übrig gebliebenen Blumen bilden keine Samenkapseln mehr, die Population kann sich nicht mehr regenerieren.»

Kommt hinzu, dass der einheimische Frauenschuh eine Diva ist. Sie lässt sich nur schwer im Gewächshaus züchten. Die künstliche Vermehrung aus Samen, die nur keimen, wenn sie von einem bestimmten Pilz infiziert werden, war lange Zeit nahezu unmöglich. In der Natur dauert es zehn Jahre und mehr, bis ein Keimling zum Blühen kommt. So bildete sich ein regelrechter Schwarzmarkt: Wilderer plünderten in der freien Natur ganze Stand­orte. Sprunger weiss von Gebieten am Creux du Van oder in Scuol im Unterengadin, wo in einer Nacht bis zu 2000 Pflanzen geräubert wurden. Diese gelangten ins nahe Ausland, wo sie eine Weile gehegt und gepflegt wurden und dann mit den «richtigen» Papieren ausgestattet zurück in die Schweiz kamen. Derart «weissgewaschen» wurden sie in Gärtnereien für 60 bis 120 Franken angeboten. Man rechne! «Die Wilderer verdienten sich damit eine goldene Nase», sagt Sprunger, «und die Käufer werden betrogen, weil die aus der Wildnis stammenden Orchideen im Garten meistens nicht lange überleben.»

Doch dank Fortschritten in der In-­vitro-Kultur und bei der Vermehrungstechnik können heute aus einer Samenkapsel Tausende Pflanzen gezogen ­werden. Dies hat sich das Projekt «Rettet den Frauenschuh» zunutze gemacht und in der holländischen Grossgärtnerei Anthura einen Partner gefunden, der eigene Laborbetriebe hat und das nötige Know-how mitbringt. Die Gärtnerei ist auf die Zucht von Orchideen und Flamingoblumen, sogenannten Anthurien, spezialisiert. Der Plan war gesetzt: Samenkapseln aus gefährdeten Standorten in der Schweiz werden nach Holland ­gebracht und dort von den Experten zu überlebensfähigen Pflanzen gezüchtet.

Dass dies klappen könnte, hat Samuel Sprunger in einem früheren Kleinversuch mit derselben Firma schon gezeigt. Alle Pflanzen wurden dokumentiert und genetisch analysiert, sodass von jedem Topf bekannt ist, wo er herkommt und hingehört. «Die Analyse zeigte auch», sagt Sprunger, «dass es in der Schweiz nur eine Frauenschuh-Art gibt. Genetisch unterscheiden sie sich nur wenig.»

Neue Züchtungen für den Gartenmarkt

Aus der Rettungsaktion resultierten 28'000 Jungpflanzen. Die Kosten des Projekts von rund 40'000 Franken hat die holländische Gärtnerei übernommen. Im Gegenzug erhält das Unternehmen das Recht, aus den Pflanzen, die nicht repatriiert werden, kom­merziell verwertbare Gartenorchideen heranzuzüchten. «Geeignete Nachkommen sollen für unter 20 Franken verkauft werden, und zwar auch in Blumenabteilungen der Supermärkte», sagt Sprunger. So möchten die Orchideenfreunde ihr zweites Ziel erreichen, nämlich dem Frauenschuh-Schwarzmarkt den Wind aus den Segeln nehmen.

Erst mal ernten jetzt die Naturschützer in den Kantonen die Früchte der Anstrengungen. Obwalden, Aargau und Baselland, die selber Samenkapseln nach Holland geliefert haben, erhalten je 500 Jungpflanzen zugeteilt. Mittlerweile beteiligen sich mit Zürich, Bern, St. Gallen, Basel-Stadt, Jura und Neuenburg sechs weitere Kantone am ­Projekt. Der Zeitpunkt der Auspflanzaktion ist bewusst gewählt, denn kurz nach der Blüte im Mai bilden Orchideen die stärksten Wurzeln und Triebe. Auch die äusseren Bedingungen versprechen Erfolg, weil die Böden genügend feucht sind. Die Auspflanzungen in den ­Kantonen werden von 15 holländischen Experten unterstützt, die eigens in die Schweiz anreisen.

Während zweier Jahre werden die Verantwortlichen nun jede einzelne Pflanze überwachen und der Projektleitung in Basel über deren Gedeihen Bericht erstatten. Um die jungen Hoffnungsträger vor weiterem Frevel zu schützen, bleiben alle Standorte geheim. Mit Ausnahme der Älggialp im Kanton Obwalden. Hier am geografischen Mittelpunkt der Schweiz entsteht eine Art Frauenschuh-Schaugarten, an dem das Projekt auch der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

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