Zum Hauptinhalt springen

Rätselhafte Haustierwerdung

In einer langjährigen Studie mit Mäusen zeigen Biologen aus der Schweiz erstmals, wie wilde Tiere ohne menschliches Zutun zahm werden.

In dem Stall mitten im Wald leben über 300 Mäuse und können gehen und kommen wann sie wollen. Gegen die Räuber des Waldes sind sie jedoch geschützt.
In dem Stall mitten im Wald leben über 300 Mäuse und können gehen und kommen wann sie wollen. Gegen die Räuber des Waldes sind sie jedoch geschützt.
Urs Jaudas
Die Forscherinnen gründeten die Kolonie im Jahr 2002 mit zwölf wilden Mäusen, die sie in der Umgebung gefangen hatten.
Die Forscherinnen gründeten die Kolonie im Jahr 2002 mit zwölf wilden Mäusen, die sie in der Umgebung gefangen hatten.
Urs Jaudas
Anna Lindholm arbeitet gern mit Mäusen, weil sie viel mit uns Menschen gemeinsam hätten.
Anna Lindholm arbeitet gern mit Mäusen, weil sie viel mit uns Menschen gemeinsam hätten.
Urs Jaudas
1 / 9

«Mäuse gelten bei vielen als Schädlinge», sagt Anna Lindholm, «aber ich arbeite gerne mit ihnen zusammen.» Die Biologin der Uni Zürich öffnet die Tür zu einem Geräteschuppen an einem Waldweg im Zürcher Oberland. Über 300 Mäuse leben heute in diesem Stall, aufgeteilt in Gemeinschaften von bis zu 30 Männchen, Weibchen und Jungtieren, die jeweils in festen Gruppen und um eine Nestbox herum zusammenleben.

Seit 2002 erforschen die Wissenschaftlerinnen des Departementes für evolutionäre Biologie und Umweltwissenschaften hier das Verhalten von Mäusen – ihr Familienleben, ihre Gruppendynamik, auch die Ausbreitung von Krankheiten. «Mäuse haben viel mit uns gemeinsam», sagt Lindholm. «Meine Tochter hält sie sogar als Haustiere.»

Jetzt beantworten ihre Nager möglicherweise eine Grundfrage der Beziehungsgeschichte von Mensch und Tier: Wie ist es gelungen, Wildtiere an den Menschen zu gewöhnen, sie zu domestizieren? Wie Anna Lindholm und ihre Mitarbeiter in einer im Fachblatt «Royal Society Open Science» veröffentlichten Arbeit schreiben, zeigen ihre Mäuse Anzeichen einer Selbstdomestikation. Das heisst: Die Tiere sind über mehrere Generationen hinweg ohne Zutun des Menschen zahm geworden.

Trend zu kleinerem Gehirn

Die Geschichte der Domestikation begann vor mindestens 15 000 Jahren. Die Menschen lernten mit Wölfen zu leben und domestizierten diese durch die Auswahl von zahmen, willigeren Tieren, die sie weiterzüchteten. Dass der Hund des Menschen bester Freund wurde, erstaunt nicht, denn das treue Sozialverhalten ist in der Natur des Wolfes als Rudeltier festgelegt, das auch gerne einer strengen Hierarchie folgt. Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft kamen weitere Haustiere mit unterschiedlichen Funktionen dazu: Rinder (Fleisch- und Milchlieferant, Arbeitstiere), Schafe (Fleisch- und Milchlieferant, Wolle), Schweine (Fleischlieferant) oder auch Katzen (Bekämpferin von getreidefressenden Nagern).

Doch nicht nur das Verhalten der Haustiere hat sich gewandelt, auch ihr Äusseres hat sich verändert. Gezähmte Tiere sind in der Regel kleiner als ihre Vorfahren, sie haben ein geringeres Hirngewicht und eine kürzere Schnauze. «Und die meisten haben im Gegensatz zu ihren wilden Vettern Schlappohren und ein fleckiges Fell», sagt Marcelo Sánchez, Direktor des Paläontologischen Instituts der Universität Zürich und Mit­autor der Mäuse-Studie. Über dieses von Fachleuten Domestikationssyndrom genannte Körperbild hatte schon Darwin gerätselt. Doch ist es möglich, dass sich diese Eigenschaften entwickelten, ohne dass sie der Mensch durch bewusste Auswahl beeinflusste?

Bis 2016 hat sich der Anteil der gefleckten Tiere verdoppelt.

Hier kommen die Zürcher Mäuse wieder ins Spiel. Die Kolonie wurde 2002 mit 12 Tieren gestartet, welche die Forscherinnen in Rinder- und Schafställen aus der Umgebung eingefangen hatten. Die Mäuse vermehrten sich, die Kolonie gedieh stetig, aber nicht explosionsartig. Viele Jungtiere verliessen auch den Stall, der für die Mäuse offen gehalten wurde. Vor Raubtieren waren sie geschützt. Die Ritzen und Spalten im Stall waren zu klein für Füchse, Katzen und Eulen.

Diejenigen, die geblieben sind, gewöhnten sich allmählich an die Forscher, die ihnen alle paar Tage Nahrung und Wasser hinstellten. «Manche hüpften über unsere Schuhe, wenn wir stillhielten», sagt Anna Lindholm. Seit 2007 wurden die Tiere alle zwei Monate gewogen und inspiziert. Jungtiere, die zwei Monate alt wurden, kriegten einen Sender mit eigener ID-Nummer unter das Fell transplantiert, damit die Forscherinnen die Gewohnheiten der Tiere studieren konnten.

Dann plötzlich, ab 2009, stellte Anna Lindholm bei einigen Tieren weisse Flecken im rotbraunen Fell fest. «Zuerst waren es nur sehr wenige Tiere», sagt Lindholm. «Und die Flecken bestanden manchmal aus nicht mehr als acht Haaren.» Doch die Färbungen nahmen mit jeder Generation zu. Die Sache begann die Forscherin zu interessieren. Ab 2010 untersuchte sie die weissen Flecken systematisch, insgesamt 2700 Tiere hat sie bisher darauf geprüft. Bis 2016 hat sich der Anteil der Mäuse mit Flecken verdoppelt. Heute sind es fünf Prozent der Tiere. Gleichzeitig wurden die Mäuse kleiner, auch ihre Köpfchen schrumpften – im Durchschnitt um 3,5 Prozent.

Nebeneffekt der Anpassung

Der letzte Mosaikstein ergab sich mehr aus Zufall. An einem Fakultätsanlass kam Lindholm neben Marcelo Sánchez zu sitzen und erzählte dem Domestikationsexperten vom Paläontologischen Institut von ihren Beobachtungen. Der Fall war klar: Die körperlichen Veränderungen waren ein Anzeichen des Domestikationssyndroms.

Sánchez erinnerte sich an eine sibirische Studie aus den 50er-Jahren. Als die Forscher damals unter wilden Silberfüchsen die zahmsten Tiere weiterzüchteten, entwickelten die Füchse ebenfalls hundeähnliche Eigenschaften wie Schlappohren, einen kürzeren Kopf und eine gedrungene Schnauze. Der Versuch zeigte, dass die körperlichen Veränderungen tatsächlich mit der Domestikation zusammenhängen.

Wie kommt es aber, dass die unterschiedlichsten Tierarten ähnliche Veränderungen durchmachen? «Der Punkt ist», sagt Marcelo Sánchez, «dass die Domestikation von Hormonen gesteuert wird, und diese werden von Zellen ausgeschüttet, die zum Beispiel auch für die Pigmentierung und die Form der Schnauze verantwortlich sind.»

«Wir haben noch kein Mass für Zahmheit.»

Anna Lindholm, Biologin

Der Evolutionsbiologe W. Tecumseh Fitch von der Universität Wien erklärt im Fachblatt «Science», dass die Zürcher Forscher erstmals gezeigt hätten, dass auch selbstdomestizierte Tiere dieselben Eigenschaften entwickeln wie gezüchtete Haustiere. Fitch selber hat unlängst eine Hypothese vorgeschlagen, wie das gehen könnte. Involviert sind demnach Zellen der Neuralleiste – em­bryonale Zellen, die alle Wirbeltiere haben und die sich im Verlaufe des Wachstums über den ganzen Körper verteilen. Einige dieser Zellen kontrollieren die Pigmentbildung, andere wiederum wandern ins Ohr, wo sie die Knorpelbildung beeinflussen, und die letzten schliesslich bilden die Nebennierendrüse, welche Stresshormone ausschüttet, also jene Stoffe, welche den Tieren bei Gefahr Flucht oder Kampf signalisieren. Je weniger ein Tier davon hat, umso zahmer ist es. Die Veränderung des Körperbildes, so die Hypothese, ist also nur ein Nebeneffekt der evolutionären Anpassung an den Menschen.

Auch wenn die Hinweise aus der Mäusestudie klar sind, fehlt der endgültige Beweis. «Es sind bisher nur Korrelationen», sagt Anna Lindholm. Inzucht, welche auch eine Rolle spielen könnte, haben die Forscher in der Mäusekolonie nicht festgestellt. Um das Phänomen genauer zu erforschen, möchte Lindholm die beteiligten Gene finden. «Letztlich haben wir auch noch kein Mass für Zahmheit», sagt die Biologin. Vorstellbar wäre, dass man mittels der Sender die durchschnittlichen Abstände misst, welche die Mäuse zu Menschen zulassen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch