Die schwarze Walze kommt – wann sie will

Murgänge überraschen uns immer wieder. Lassen sie sich vorhersagen? Experte Reto Baumann über Auslöser, Gefahren und Handyfilmer.

Gefährlich nah: Anwohner filmen die dunkle Masse und flüchten. (Video: Tamedia/Leserreporter/Reuters)

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Eine schwarze Masse wälzt sich am Dienstagabend durch Grugnay im Wallis, reisst Bäume mit, überflutet Brücken und knickt Strassenschilder um. Ein Gewitter hat die Schlammlawine in der Nähe von Chamoson ausgelöst. In Bondo im Kanton Graubünden ging gestern – ebenfalls nach starken Regenfällen – eine SMS-Warnung an die Bevölkerung raus. Der Alarm ist Teil des Hochwasser- und Murgang-Frühwarnsystems. Die Gemeinde rät dringend davon ab, ins Tal Bondasca zu gehen. Letztes Jahr lösten sich dort gegen 3,5 Millionen Kubikmeter Geröll. Ein Strom aus Wasser und Schlamm schwemmte die Steinbrocken ins Dorf und zerstörte mehrere Häuser.

Wie gefährlich sind solche Murgänge, wie oft kommen sie vor und wie kann man sich schützen? Reto Baumann von der Gefahrenprävention des Bundesamts für Umwelt beantwortet die wichtigsten Fragen.

In Chamoson VS donnerte am Dienstagabend nach starken Regenfällen eine Schlammlawine ins Dorf. Wie entsteht ein solcher Murgang?
Als Auslöser für einen Murgang braucht es immer genügend Wasser, das vorhandenes lockeres Bodenmaterial in Bewegung setzt, und eine gewisse Hangneigung. Wenn noch ein Gerinne vorhanden ist, dann kommt der Murgang wie in Chamoson entlang des Bachbetts den Berg runter.

In Bondo GR ging gestern ebenfalls wegen kräftigen Regens eine SMS-Warnung an die Bevölkerung. Wie schätzen Sie die Lage dort ein?
Die Einschätzung der aktuellen Lage ist Aufgabe der lokalen Behörden.

In Bondo ging den Murgängen von letztem Sommer ein Bergsturz am Piz Cengalo voraus. Gibt es weitere Faktoren, die einen Murgang auslösen können?
Die Voraussetzung für einen Murgang ist immer Wasser und lockeres Bodenmaterial. In der Regel ist ein Gewitter der Auslöser mit lokal starkem Niederschlag. Auch lang anhaltender Landregen kann ein solches Ereignis auslösen. Ein Bergsturz alleine reicht nicht. Bondo war ein Spezialfall, weil der Bergsturz Gletschereis verflüssigt hat.

Besteht ein Zusammenhang mit der Hitze?
Physikalisch nicht, die Temperatur an sich spielt keine Rolle. Aber ein wärmeres Klima mit einer höheren Luftfeuchtigkeit und mehr Niederschlägen kann die Situation begünstigen. Das erwarten wir auch. Wenn das Wasserangebot steigt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Murgängen.

Bedeutet also die Klimaerwärmung mehr Naturgefahren?
Ja, gestützt auf wissenschaftliche Studien rechnen wir mit mehr Hochwassern, mehr Murgängen und mehr Rutschungen. Wir gehen auch davon aus, dass Extremereignisse häufiger werden.

Wie häufig sind Murgänge in der Schweiz?
In der Schweiz haben wir jährlich Hunderte von Murgängen, gerade wenn es stark regnet. Oftmals bleiben sie unbemerkt, weil sie keinen Schaden anrichten. Am Einzelort kann es aber sein, dass zwischen Murgängen eines, zwei, zehn, fünfzehn oder mehr Jahre Differenz liegen. Lokal kann das also ein seltenes Ereignis sein.

In einem Video aus Chamoson sieht man eine Frau den Murgang ganz aus der Nähe beobachten. Gehen wir zu sorglos mit solchen Naturgefahren um?
Wer sich so verhält, ist extrem gefährdet. Selbst die Person, die gefilmt hat, befand sich in einer sehr gefährlichen Situation. Meine Empfehlung wäre, sich so schnell und weit weg wie möglich in Sicherheit zu bringen. Als Gesellschaft erkennen wir die Gefahren jedoch durchaus. Das zeigen die vom Bund mitfinanzierten Gefahrenkarten, Warnsysteme und Projekte in gefährdeten Gebieten sowie bauliche Massnahmen.

Auf den Aufnahmen aus Chamoson sieht es so aus, als ob die Schlammlawine relativ unerwartet kam.
Die Gefahr in Chamoson ist bekannt. In den Gefahrenkarten vom Kanton und der Gemeinde ist dargestellt, welche Gebiete gefährdet sind. Es ist auch ein Projekt in Gang, um sie zu sichern. So gesehen war es nicht unerwartet. Aber wann genau ein konkretes Ereignis eintritt, kann man nicht immer vorhersagen. So wie es aussieht, war es dort, wo der Murgang ankam, eher schön und auch bereits trocken. Das Gewitter scheint weiter weg gewesen zu sein.

Die Aufnahmen zeigen auch, wie schnell sich die Schlammlawine vorwärts bewegt. Hat man überhaupt Zeit, sich in Sicherheit zu bringen?
Eine Schlammlawine kann sich schnell oder langsam vorwärts bewegen. Je mehr Wasser sie enthält, umso schneller ist sie. Dann hat man kaum eine Chance, noch zu fliehen. Ein Murgang kommt zum Stillstand, wenn er das Wasser verliert. Versickert oder fliesst es ab, setzt sich die Gesteinsmasse ab und bleibt liegen.

Für heute Abend sind heftige Gewitter angekündigt. Wie kann ich mich über mögliche Gefahren informieren?
Das Problem bei Murgängen oder Hangmuren, bei welchen eine Hangpartie ins Rutschen kommt, ist, dass man eben nicht genau voraussagen kann, wo sie eintreten. Auf den Gefahrenkarten der Gemeinde oder des Kantons ist zwar verzeichnet, in welchen Gebieten die Gefahr besteht. Aber ob der Murgang genau heute Abend genau dort herunterkommt, das kann man nicht sagen. Ich würde mich auf die behördlichen Warnungen verlassen. Zudem gilt, bei einem Gewitter sollte man sich nicht an einem Bach aufhalten, sondern sich in ein Gebäude und dort in höhere Stockwerke zurückziehen.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 14:54 Uhr

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