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Nimmersatte Rothirsche

Das Rotwild breitet sich im Mittelland immer stärker aus. Die Hirsche hinterlassen dabei grosse Schäden in den Wäldern.

In die Fotofalle getappt: Rothirsche fressen die Rinde von Eibenstämmen im Wald am Albis. Foto: O. Odermatt, WSL
In die Fotofalle getappt: Rothirsche fressen die Rinde von Eibenstämmen im Wald am Albis. Foto: O. Odermatt, WSL

Die beiden kräftigen Zwölfender bewegen sich elegant durch den Eibenwald. Dann bleiben sie stehen, beäugen einen Baum und beginnen am Stammfuss in aller Ruhe die Rinde zu fressen – als ob sie eine Delikatesse vor sich hätten.

Es war eine Wildkamera des Forschungsinstituts WSL in Birmensdorf, welche die Tiere an einem Sommertag im August des letzten Jahres oberhalb von Langnau am Albis filmte. Seit drei Jahren gibt es in den Wäldern zwischen Langnau am Albis und der Albispasshöhe wieder Rothirsche. Es sind nicht viele, vier oder fünf. Aber sie hinterlassen sichtbare Spuren. Sie entrinden Eibenstämme vollständig bis zwei Meter über dem Boden.

Die Verletzungen sind so stark, dass der kürzlich erschienene Newsletter «Waldschutz aktuell» der WSL auf die Schälungen aufmerksam machte. Der ausgedehnte Eibenwald im Gebiet des Albis ist europaweit einzigartig. Das Landesforstinventar zählt etwa 700'000 Eiben auf der Alpennordseite, ein Zehntel davon im Albisgebiet. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern wachsen in der Schweiz relativ grosse Bestände. Es gibt hier mehr Eiben als in Deutschland, Italien und Österreich zusammengerechnet. In Deutschland steht der Nadelbaum unter Schutz.

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«Die Schäden durch die Rothirsche am Albis spielen mehr ideell als ökonomisch eine Rolle», sagt Oswald Odermatt. Der Forstingenieur beschäftigt sich an der WSL mit der Waldgesundheit und dem Waldschutz in der Schweiz. Junge Eiben müssten schon lange vor Verbissschäden durch Rehe geschützt werden, nun seien durch die Schälungen auch noch alte Bäume betroffen. Seit über 80 Jahren konnte sich der Eibenbestand am Albis wegen des Wildverbisses praktisch nicht mehr verjüngen, wie ältere Studien zeigen. Die Eibe gehört deshalb auch zu den gefährdeten Baumarten. So wurden Schwerpunkt­regionen ausgesucht, darunter der Albis, Gebiete im Jura, im Berner Oberland und in der Ostschweiz.

Rätselhaftes Verhalten

WSL-Forscher Oswald Odermatt will die Situation am Albis nicht überbewerten, aber ein Problem für das Förderprogramm der Stadt könne es schon werden, «wenn es so weitergeht». Das Verhalten der Rothirsche überrascht den Forstingenieur. Bekannt sind Schälschäden an Fichten und Eschen in den traditionellen Rotwildgebieten in der Ostschweiz, aber Eiben kämen in der Literatur kaum zur Sprache. Vor den Beobachtungen am Albis ist das Phänomen bereits im Gebiet des Tössstocks im Kanton Zürich entdeckt worden. «Aber nie in dem Ausmass wie am Albis», sagt Odermatt.

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Hinzu kommt, dass sich die Rothirsche in den wärmsten Monaten, im Juli und August, an den Eiben gütlich tun. In traditionellen Rotwildgebieten stellte man bisher Schälschäden hauptsächlich im Winter fest. Aber im Hochsommer? Odermatt weiss keine Antwort. «Die ­abgeschälte Rinde ist im Winter eine ­zusätzliche Nahrungsquelle», sagt er. Der Nahrungsbedarf eines Rothirschs beträgt im Winter immerhin im ­Durchschnitt über 23'000 Nadelholztriebe. Aber im Sommer ist für die Tiere das Angebot gross genug. Der Fachmann kann über das Verhalten der Hirsche nur spekulieren: Langeweile? Ein bestimmter Geschmacksstoff in der Eibenrinde?

Die Schäden stehen im Zusammenhang mit den Wanderbewegungen des Rothirschs in den letzten zehn Jahren. Die Tiere breiten sich im Schweizer ­Mittelland immer stärker aus. Im Kanton Zürich hat sich der Bestand in den ­letzten zehn Jahren vervierfacht. In den angrenzenden Kantonen St. Gallen, Schwyz und teilweise Thurgau und Zug leben heute grössere Bestände. Im Aargau hingegen kommt der Rothirsch nur vereinzelt vor, in Schaffhausen bisher gar nicht. «Es gab schon früher Wellenbewegungen in den Bestandeszahlen, doch jetzt scheint sich ein Trend zu höheren Zahlen im Mittelland abzuzeichnen», sagt Odermatt. Der Rothirsch hat sich offensichtlich an die heutige Kulturlandschaft angepasst.

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Anderseits ziehen sich die Tiere in den Wald zurück, wenn sie beim Äsen «an Waldrändern, in der Flur und auf Freihalteflächen innerhalb des Waldes» gestört werden. So heisst es im letzten November erschienenen «Rotwildkonzept des Kantons Zürich». In diesem Fall treten vermehrt Verbisse und Schälungen auf. Es gibt gemäss der Publikation «Wald & Wild» bereits starke Schälschäden durch Hirsche bei verschiedenen Baumarten im Zürcher Wald.

Geschützte Tierart

Die Entwicklung der Rothirsche im ­Mittelland wird je nach Interessenlage unterschiedlich akzeptiert. Jäger und Naturschützer freuen sich über die ­Zunahme. Die Umweltorganisation Pro Natura hat den Hirsch 2017 zum Tier des Jahres erkoren. Die Naturschützer wollten damit ein Zeichen setzen, dem Wild in der Schweiz vermehrt «Brücken» zu bauen, damit es sich ausbreiten kann. Der Rothirsch ist ein Wanderer, doch er wird oft daran gehindert, zum Beispiel durch Strassen und Autobahnen.

Waldschützer hingegen achten darauf, den Hirschbestand in Grenzen zu halten. Im Kanton Graubünden war das Ziel, die Zahl der Tiere auf 10'000 zu reduzieren. Der Bestand liegt heute bei rund 16'500. Im Kanton Zürich ist der Rothirsch eine geschützte Tierart. Der Bestand kann aber per Verfügung reguliert werden, um «die Population lokal nicht ansteigen zu lassen», heisst es im Rotwildkonzept. Verbisse und Schälungen können auch durch Schutznetze oder chemische Anstriche am Stamm reduziert werden. «Noch haben wir kein Rezept, vermutlich braucht es beides, Regulierung und technische Mass­nahmen», sagt Kantonsforstingenieur Konrad Nötzli.

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