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Mit vielen kleinen Setzlingen den Tropenwald retten

Regenwälder zu reparieren, ist knifflig. Auf Borneo sollen aus einer Million Setzlingen neue Urwaldriesen spriessen.

Auf den ersten Blick wähnt man sich in einem intakten Regenwald. Lianen, Schlingpflanzen und Jungbäume mit grossen dunkelgrünen Blättern bilden ein unwegsames Dickicht. Der schlammige Boden ist dicht mit braunem Laub bestreut. Doch die Markenzeichen des Dschungels von Borneo – die alles überschattenden Urwaldriesen – sind rar geworden. Zu Tausenden wurden sie aus dem Wald gezogen; tiefe, schlammige Schleifspuren zeugen von ihrem Abtransport.

Wie vielerorts in Südostasien wurden auch in Sabah, dem malaysischen Teil Borneos, in den 1970er- und 1980er-Jahren die Wälder schonungslos ausgeschlachtet. Hier im Kalabakan Forest Reserve dominieren heute statt stolzer Urwaldriesen schnell wachsende Macaranga-Bäume und Würgepflanzen. «Die Region wurde wirklich leer geräumt», sagt der Forstwirt David Alloysius, der die Zerstörung von Sabahs Wäldern seit seiner Kindheit miterlebt.

Keine Chance ohne menschliche Hilfe

Dieser botanischen Wüste will ein vom Möbelkonzern Ikea finanziertes Projekt neues Leben einhauchen: In Zusammenarbeit mit der hiesigen Holzfirma Innoprise Corporation sollen die verlorenen Baumarten auf 140 Quadratkilometern – das entspricht der Fläche von Liechtenstein – wieder aufgestockt werden. «Es ist unser erklärtes Ziel, der Natur ihre Vielfalt zurückzugeben», sagt Alloysius, der das Projekt leitet. Es begann 1998 mit einem Startkapital von 750'000 US-Dollar, gestiftet von schwedischen Ikea-Kunden.

Ohne menschliche Hilfe haben die Urwaldriesen Borneos kaum eine Chance. Sie bilden die oberste Kronenschicht der Tieflandregenwälder und gehören zumeist den Flügelnussgewächsen (Dipterocarpaceae) an, die bis zu 6 Meter Umfang und 80 Meter Höhe erreichen können. Der Urwald ist das artenreichste Landökosystem Südostasiens, die Heimat der Orang-Utans, aber auch das bedrohteste Ökosystem: Allein in Malaysia wurde bereits über die Hälfte der Regenwälder vernichtet.

Die spezielle Biologie der Flügelnussgewächse erschwert ihre natürliche Regeneration. Sie blühen nur alle zwei bis zehn Jahre in einem sogenannten Mastjahr, wenn synchron Bäume diverser Arten gewaltige Mengen von Samen freisetzen. Die Nüsse keimen innert Tagen aus und verharren als armlange Sprösslinge jahrelang im Schatten. Intensiver Holzschlag, wie er in Sabah betrieben wurde, entfernt darum nicht nur die fortpflanzungsfähigen Bäume, sondern Bulldozer und fallende Bäume zerstören auch die Setzlingsbanken, aus denen die Riesen nachwachsen sollten. «Der Holzschlag löscht die Flügelnussgewächse so gut wie aus», erklärt Glen Reynolds, der die benachbarte Danum-Valley-Forschungsstation leitet.

Das Aufforstungsprojekt leistet Schützenhilfe, indem es die verlorenen Schösslinge ersetzt. «Die Idee ist es, die natürliche Erholung des Regenwalds zu beschleunigen», sagt Jan Falck, Dozent an der schwedischen Landwirtschafts-Universität, der das Projekt wissenschaftlich begleitet. Diese Methode heisst Anreicherungsanpflanzung («Enrichment Planting») und ist den Förstern der Region abgeschaut, die damit seit langem ihre Produktionswälder für einen späteren Holzschlag aufstocken.

Nachwuchs wird in grossen Baumschulen gezüchtet: Nach einem Massenblühen sammeln Arbeiter Tausende von Samen und Keimlinge ein und ziehen sie in Töpfen auf. 100'000 meterhohe Setzlinge warten unter schwarzen Schattennetzen auf ihre Freisetzung. Es sind Flügelnussgewächse, aber auch Fruchtbäume wie wilde Mangos, die Vögel und andere samenverbreitende Tiere anlocken sollen. Dann bringen Forsthelfer die Jungbäume in ihre neue Heimat, die in der Holzkonzession der staatlichen Sabah Foundation liegt, ein Gebiet von einem Viertel der Fläche der Schweiz. «Es soll eine Waldinsel in einer holzwirtschaftlich genutzten Region werden», sagt der Dschungelveteran Alloysius. Die Setzlinge werden zu experimentellen Zwecken auf zwei Arten angepflanzt: entweder in vom Unterholz befreiten, zwei Meter breiten Pflanzlinien oder in naturnahen, künstlichen Lichtungen.

Fläche der Stadt Zürich aufgestockt

Bisher wurden 8200 Hektaren aufgestockt, das entspricht etwa der Fläche der Stadt Zürich. Zehn Jahre lang hegen 130 Forsthelfer die Jungbäume im unwegsamen Dschungel. Einer der hartgesottenen Männer, Jecklis, kappt mit der Machete eine Liane. Sein T-Shirt ist schweissdurchtränkt, seine Egelsocken, die unter dem Knie geschnürt werden, mit Schlamm besudelt. «Man muss sie an zwei Orten schneiden», erklärt er, «sonst wachsen sie wieder zusammen.» Stolz zeigt Jecklis die ersten Meranti-Bäume, ein wertvolles Tropenholz, die nach zehn Jahren bereits rund 15 Meter hoch gewachsen sind.

Das Aufforstungsprojekt ist in verschiedener Hinsicht eine Pioniertat: Zum einen sind langfristige ökologische Rehabilitationsprojekte in grossem Stil immer noch selten. Die bisher zugesicherten Gelder reichen mindestens bis 2023. Ungewöhnlich ist auch, dass eine Naturschutzaktion eines Weltkonzerns und einer Holzschlagfirma wissenschaftlich begleitet wird. «An der wissenschaftlichen Überprüfung der Resultate mangelt es oft bei solchen Projekten», sagt die Aufforstungsexpertin Robin Chazdon von der Universität Connecticut. Das Wildtier-Departement der Provinz Sabah hat vor Ort Bestandesaufnahmen von Hirschen und Nashörnern gemacht.

Doch lässt sich ein Meisterwerk wie ein tropischer Regenwald, einmal zerstört, von Menschenhand wieder aufbauen? «Wenn der Bestand zu sehr kaputt gemacht wurde, wächst auch in 1000 Jahren kein Regenwald mehr nach», sagt Andreas Schulte vom Wald-Zentrum der Universität Münster. «Dann machen Rehabilitationsmassnahmen Sinn.» Die Methoden dazu variieren nach Ort und Zustand des Waldes. Sogar die verteufelten Monokulturen können dabei – richtig eingesetzt – gute Dienste leisten. In Vietnam liess die Regierung entwaldete Berge mit importierten Akazien aufforsten. In ihrem Schatten siedelte sich eine Vielzahl heimischer Urwaldbäume an; der Verkauf des Akazienholzes deckte die Kosten.

Nur ein Abklatsch des Originals

Die von Menschen gepflanzten Wälder seien allerdings nur ein Abklatsch der ursprünglichen Wälder, erklärt Robin Chazdon. Doch immerhin können die gepflanzten Bäume gewisse Funktionen übernehmen – etwa als Futterpflanzen bedrohter Tierarten oder um Klimagase zu absorbieren. «Aber wenn ringsum noch genug Vielfalt vorhanden ist, ist es besser, der Natur ihren Lauf zu lassen», sagt der Münsteraner Schulte. Das kostet zudem weniger.

Hier haben die Bäumepflanzer auf Borneo Glück im Unglück: Nur 50 Kilometer entfernt liegt das Maliau-Basin-Schutzgebiet, das auch «Sabah's Lost World» genannt wird: unberührte Regenwälder auf einer Fläche so gross wie der Bodensee. Dicht an dicht stehen hier Jungbäume Hunderter Arten, majestätische Urwaldriesen tauchen alles in tiefe Düsternis. Ein kilometerbreiter Korridor führt zum Ikea-Projekt; er wird rege genutzt von Büffeln, Sambar-Hirschen, Elefanten und sogar den seltenen Nebelpardern.

Der unberührte Tropenwald ist weltweit eine Seltenheit: Laut der Welternährungsorganisation (FAO) sind nur noch 36 Prozent der Urwälder der Erde einigermassen intakt. Holzwirtschaftlich genutzte oder nachgewachsene Sekundärwälder können laut neuer Studien zwar bis zu zwei Drittel der ursprünglichen Flora und Fauna bewahren. Doch allerorten droht der Kahlschlag: Auch in der Sabah Foundation nimmt der Druck zu, die von wertvollen Hölzern leer geräumten Wälder in Ölpalmplantagen umzuwandeln. Denn die Nachfrage nach Biodiesel wächst rasant – und Borneo liefert den Löwenanteil des scheinbar umweltfreundlichen Sprits.

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