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Mission Mittelmoräne

Seit Jahren versucht der Berner Wissenschaftler Gerhart Wagner sein Mittelmoränenmodell zu etablieren – bisher vergeblich. Nun hat der 94-Jährige seine Theorie in einem Buch zusammengefasst.

Wo Gletscher von Bergflanken überragt werden, stürzt Geröll auf das Eis hinab und es entstehen Seitenmoränen. Wenn sich zwei Gletscher vereinigen, bilden zwei Seitenmoränen zusammen eine Mittelmoräne. Der Finsteraargletscher (links) führt schon vor dem Zusammenfluss mit dem Lauteraargletscher mehrere Mittelmoränen, die sich zu einem breiten Strang vereinigt haben.
Wo Gletscher von Bergflanken überragt werden, stürzt Geröll auf das Eis hinab und es entstehen Seitenmoränen. Wenn sich zwei Gletscher vereinigen, bilden zwei Seitenmoränen zusammen eine Mittelmoräne. Der Finsteraargletscher (links) führt schon vor dem Zusammenfluss mit dem Lauteraargletscher mehrere Mittelmoränen, die sich zu einem breiten Strang vereinigt haben.
Jürg Alean
Der Yentna-Gletscher in Alaska hat ein gutes Dutzend Mittelmoränen verschiedener Breite und Gesteinsfärbung. Sie fliessen teilweise zu breiten Strängen zusammen, behalten aber ihre Individualität.
Der Yentna-Gletscher in Alaska hat ein gutes Dutzend Mittelmoränen verschiedener Breite und Gesteinsfärbung. Sie fliessen teilweise zu breiten Strängen zusammen, behalten aber ihre Individualität.
Willi C+P Burkhardt
Der Autor Gerhart Wagner: Bevor er 1969 Rektor des Realgymnasiums Bern-Neufeld wurde, war er unter anderem Chef der neugegründeten Sektion für Strahlenschutz am Bundesamt für Gesundheit (1958 bis 1964). In dieser Funktion verantwortete er die Ausarbeitung der ersten schweizerischen Strahlenschutzverordnung, von der er noch das «Urexemplar» besitzt. Später schrieb er ein Buch zum Thema Atomenergie mit dem Titel Wissen ist unser Schicksal.
Der Autor Gerhart Wagner: Bevor er 1969 Rektor des Realgymnasiums Bern-Neufeld wurde, war er unter anderem Chef der neugegründeten Sektion für Strahlenschutz am Bundesamt für Gesundheit (1958 bis 1964). In dieser Funktion verantwortete er die Ausarbeitung der ersten schweizerischen Strahlenschutzverordnung, von der er noch das «Urexemplar» besitzt. Später schrieb er ein Buch zum Thema Atomenergie mit dem Titel Wissen ist unser Schicksal.
Valérie Chételat
1 / 10

Gäbe es den Wettbewerb «Schweizer Senioren forschen», hätte Gerhart Wagner bestimmt schon einen halben Trophäenschrank mit Preisen gefüllt. Seit seiner Pensionierung vor bald 30 Jahren hat der ehemalige Rektor des Berner Neufeldgymnasiums unaufhörlich weiter gearbeitet. Bekannt geworden ist er vor allem durch den Pflanzenklassiker Flora Helvetica, den er mit Konrad Lauber im Hauptverlag herausgebracht hat.

Die Botanik ist aber bloss eines der Interessengebiete des Doktors der Zoologie. 1996 hatte ihm die Universität Bern die Ehrendoktorwürde verliehen, weil er «wesentliche Beiträge zur Botanik, Zoologie und Geologie» geleistet hatte. Ja, die Geologie: Die hat es ihm besonders angetan. Und eben erst hat er ein Buch veröffentlicht, wieder bei Haupt, das der 94-Jährige als sein Vermächtnis bezeichnet. «Mittelmoränen – Heute und in der Eiszeit» lautet der Titel. Darin ist seine Theorie zusammengefasst, die aus seiner Sicht bisher nicht die nötige Anerkennung gefunden hat.

Eine Menge Schutt in 100 Jahren

Ausgehend von ersten Untersuchungen im Worblental war Wagner zur Erkenntnis gelangt, Mittelmoränen würden «masslos unterschätzt». Er sagt, einzelne frühe Autoren hätten sie zwar als geländebildende Faktoren beschrieben, danach seien sie aber praktisch in Vergessenheit geraten. Dafür wurde die Grundmoräne zur «Mutter der Gletschersedimente» erklärt. Eine Mittelmoräne entsteht, wo zwei Gletscher zusammenfliessen – sofern sie Seitenmoränen haben. Solche bilden sich, wenn Gletscher von Bergen überragt werden, von denen Geröll auf das Eis hinabstürzt.

Wagner betrachtet Mittelmoränen als Schuttförderbänder: Während eines Stadiums, wenn eine Gletscherzunge längere Zeit an Ort bleibt, bilde der von ihnen herangeführte Schutt sichtbare Formen. In 100 Jahren häufe sich auf diese Weise am Rand oder am Ende eines Gletschers der gesamte Schutt von fünf Kilometern Mittelmoräne auf. Ermutigt durch das Lob, das er für seine ersten geologischen Arbeiten noch erhalten hatte, blickte Wagner über das Worblental hinaus und erschrak selber, wie er sagt, über die immer grössere Zahl analoger Entdeckungen. Befeuert wurde sein Eifer durch den emeritierten ETH-Geologieprofessor René Hantke. Dieser gestand ihm eine Entdeckung zu. Es sei klar Wagners Idee gewesen, sagt dieser, Mittelmoränen als «potente Schuttzubringer» zu interpretieren.

Die beiden spannten immer öfter zusammen, und weil sie Mittelmoränen als landschaftsbildend verstanden, lieferten sie neue Erklärungen für die Entstehung hoch gelegener Schotterflächen. Oder sie stellten fest, Drumlins, die rundlichen Hügel, seien nicht ausschliesslich unter Gletschern entstanden, sondern bestünden vielfach aus Material, das zuvor von Mittelmoränen abgelagert und danach vom Gletscher nochmals überfahren wurde. Und da Wagner und Hantke überdies postulierten, Gletscher würden gar nicht so stark in die Tiefe erodieren, wie das angenommen werde, rüttelten sie endgültig an theoretischen Grundpfeilern der Quartärgeologie.

Vernichtende Kritik der Profis

Das war zu viel. Im Jahr 2003 verfassten acht Schweizer Quartärgeologen eine vernichtende Replik auf eine von Wagners Veröffentlichungen. Er bringe Begriffe durcheinander, argumentiere ausschliesslich und einseitig, operiere fast durchwegs nur mit Behauptungen und berücksichtige die neusten Forschungen nicht. Mehr oder weniger unverblümt liessen sie ihn wissen, er wäre besser bei seinen Blumen geblieben. Wagner war am Boden zerstört. Er rappelte sich aber wieder auf und forschte weiter. Seither hatte er jedoch Mühe, seine Arbeiten in Fachzeitschriften unterzubringen. Deshalb auch war es ihm wichtig, noch das Buch zu schreiben – wobei er inzwischen schon wieder einen Dämpfer verkraften musste.

Auf seinen Wunsch hin ist das Werk in den Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Bern besprochen worden. Redaktor Thomas Burri, selber Geologe, lobt Wagner zwar für sein unermüdliches Schaffen, seine Eloquenz und sein wissenschaftliches Feuer, letztlich aber bleibt seine Kritik vernichtend – ein Tiefschlag mit Samthandschuhen.

Wagner stelle seine auf dem Erscheinungsbild der Ablagerungen beruhende Arbeitsweise über jene der modernen Geologen, schreibt Burri. Auf Ablagerungsprozesse zu schliessen, ohne den Gesteinsinhalt zu studieren, sei «im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich». Vor allem lasse sich die Bildung von Mittelmoränenablagerungen heute nirgends beobachten. Während Gletscherstadien entstünden vorab Endmoränenwälle. Zudem werde Moränenmaterial nicht nur auf der Eismasse transportiert, sondern finde sich überall darin, insbesondere nahe der Basis.

Und beim Abschmelzen des Eises werde dieses Material nicht punktuell, sondern linear oder flächenhaft abgelagert. Der von Wagner propagierte Normalfall, von Mittelmoränen angehäufte Hügel, ist laut Burri höchstens ein Ausnahmefall, «sofern er überhaupt existiert».

Den Lesern die Augen öffnen

Was also bietet das Buch denn noch, wenn die ihm zugrundeliegende Theorie von Fachleuten so gnadenlos zerpflückt wird? Zunächst ist es ein schönes Buch, das zahlreiche Bilder, Kartenausschnitte und grafische Darstellungen enthält. Und vielleicht das wichtigste – unabhängig aller Theorien: Wagner liefert nicht nur eine in bemerkenswert klarer Sprache verfasste Gletscherkunde, er ermöglicht es seinen Leserinnen und Lesern, ihre Umgebung mit anderen Augen zu betrachten – und zu erkennen, welch unerhörte Dinge sich da, wo sie wohnen, vor unendlich langer Zeit abgespielt haben. Wagner weist auf eiszeitliche Ablagerungen hin, die es ihm erlauben, seine Theorie zu veranschaulichen.

Dabei ist er fast überall fündig geworden – nicht nur im Raum Bern: Im Wallis, am Genfersee, in der Nordostschweiz in Zürich und sogar im Ausland. Selbstverständlich betrachtet er alles aus seiner Optik. Hügel in der Stadt Bern etwa, die als Überreste eines einst durchgehenden Walls interpretiert werden, sind aus seiner Sicht separate Aufschüttungen – von Mittelmoränen.

«Äusserst komplex»

Abgesehen davon, ob Mittelmoränen ihren Schutt tatsächlich derart punktuell ablagern können, wie Wagner das vermutet, bleibt für Laien am Schluss wahrscheinlich eine Frage offen: Werden Mittelmoränen als Schutttransporteure tatsächlich unterschätzt? Flavio Anselmetti, der neue Professor für Quartärgeologie und Paleoklimatologie in Bern, – auch er steht Wagners Theorien sehr skeptisch gegenüber – sagt zunächst, die Prozesse im Umfeld von Gletschern seien «äusserst komplex». Er habe deshalb etwas Mühe damit, wenn jemand mit einer Einzeltheorie alles erklären wolle. Es gebe Gletscher, die viel Material oben und solche, die viel Material unten transportierten.

«Eine generelle quantitative Lehrmeinung gibt es nicht, und gute Lehrbücher differenzieren.» Seiner Ansicht nach sei dem Einfluss des Schutttransports auf der Oberfläche im Allgemeinen aber «sicher eine geringere Bedeutung» beizumessen als dem Transport am Grund und im Innern des Gletschers. Seine grösste Differenz zu Wagner und Hantke bestehe jedoch im Konzept der glazialen Tiefenerosion, welches von den beiden weitgehend abgelehnt wird.

Anselmetti und auch Burri verweisen auf Artikel der internationalen Forschergemeinde. Darin finden sich in der Tat Aussagen, die dem Schutttransport innerhalb des Gletschers und an seinem Grund eine wichtige, meist dominante Stellung einräumen. Wagner, der die neuste Literatur kennt, lässt sich dadurch aber nicht verunsichern. Die meisten dieser Resultate beträfen arktische Gletscher, die wenig bis keine Mittelmoränen aufweisen, für alpine Gletscher seien sie nicht relevant, sagt er lapidar. Auch Burris Rezension könne seinem Modell nichts anhaben, da er damit ja nicht Befunde vom Tisch wische, sondern Theorien.

Und es klingt, als würde er seufzen und sich fragen, warum es denn ausser Hantke und ihm niemand begreifen wolle, als er ein letztes Mal auf die «simple Tatsache des Normalfalls» hinweist: Den Schutttransport auf der Oberfläche, «die allereinfachste, sichtbarste und wirksamste Transportart bei alpinen Gletschern.»

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