«Mein Name wurde missbraucht»

ETH-Klimaforscher Reto Knutti über den ungewöhnlichen Sommer und die Gefahr, als links-grün abgestempelt zu werden.

Auf dem Dach des CHN-Forschungsgebäudes der ETH an der Universitätstrasse: Klimaforscher Reto Knutti. Foto: Reto Oeschger

Auf dem Dach des CHN-Forschungsgebäudes der ETH an der Universitätstrasse: Klimaforscher Reto Knutti. Foto: Reto Oeschger

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Wenn er Auskunft gibt, nimmt er sich Zeit. «Der Klimawandel und die Antworten darauf lassen sich nicht in zwei Minuten erklären, schon gar nicht über Twitter», sagt Reto Knutti, Professor und Leiter der Gruppe für Klimaphysik am Institut für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich. Seit elf Jahren arbeitet er an der ETH. In dieser Zeit hat er sich in der Öffentlichkeit einen Namen gemacht, nicht nur als Klimaforscher und Hauptautor des letzten Klimaberichtes des Weltklimarates IPCC, sondern auch als engagierter Wissensvermittler, der dabei nicht nur auf positives Echo stiess. Für seine Forschung und deren Vermittlung ist er nun geehrt worden – mit dem Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger. Die mit 200'000 Franken ­dotierte Auszeichnung gehört zu den höchsten Stiftungspreisen in der Schweiz.

Reto Knutti, Sie sind in ­diesem heissen Sommer ein gefragter Mann, kommen Sie überhaupt zum Arbeiten?
Die Medienarbeit war in den letzten Wochen tatsächlich intensiv, mindestens ein Tag pro Woche war für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber meine Forschung wird auch durch öffentliche Gelder bezahlt, also sehe ich es als meine Pflicht an, über meine Arbeit zu informieren.

Es ist wohl mehr als Pflicht. Sie wurden eben für Ihre jahrelange Wissensvermittlung mit einem Preis ausgezeichnet.
Also sagen wir ein grosses Anliegen. Schliesslich spielen die Resultate der Klimaforschung in der Gesellschaft eine grosse Rolle. Sie sind eine wichtige Leitplanke für die Politik und Gesellschaft. Das gehört meiner Ansicht nach zum Jobprofil.

Als Wissenschaftler orientieren Sie sich an den Fakten. Geraten Sie nie in Versuchung, Ihre persönliche Meinung zu sagen?
Das ist in der Tat nicht immer einfach, sollte man aber tunlichst vermeiden. Wie man auf wissenschaftliche Ergebnisse reagiert, ist Sache der Politik und Gesellschaft. Die Wissenschaft ist dann dafür da, den Erfolg der geplanten Massnahmen einzuordnen.

128 ETH-Professoren und -Professorinnen forderten kürzlich die Pensionskasse Publica auf, ihre Investitionen aus Firmen der fossilen ­Branche abzuziehen. Sie haben nicht unterzeichnet. War das für Sie bereits zu politisch?
Die Forderung ist die logische Konsequenz, wenn man zu den inländischen und internationalen Klimazielen Ja sagt. Es ist meine persönliche Überzeugung, dass wir uns an Zielen orientieren müssen, um die Emissionen der Klimagase zu reduzieren. Trotzdem bin ich aus Erfahrung vorsichtig geworden. Die Unterschrift ist im Grunde ein politisches Statement.

Sie sind in der Experten­kommission der neu lancierten Gletscher-Initiative, die in der Schweiz die Emissionen auf null senken will. Ist das kein politisches Statement?
Bei der Gletscher-Initiative habe ich Ja gesagt unter der Voraussetzung, dass die Mitarbeit nichts mit dem Initiativkomitee zu tun hat. Ich finde es sinnvoll, zu helfen, dass die Fakten zum Thema stimmen. Hier gehe ich weniger ein Risiko ein, politisch und gesellschaftlich schubladisiert zu werden.

Welche Schublade meinen Sie?
Klimaforscher werden schnell einmal als links-grün taxiert, vor allem in Kreisen, wo immer noch Skepsis vorherrscht, ob der Mensch tatsächlich die Hauptursache für den Klimawandel ist. Mit politischen Statements wird diese Meinung noch zementiert. Grundsätzlich wird in der Öffentlichkeitsarbeit keine Abgrenzung zwischen Wissenschaftler und Staatsbürger gemacht, und es ist schwierig, sich zu erklären. So verliert die Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit, zumal in Teilen der Öffentlichkeit ohnehin schon eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit spürbar ist.

Das müssen Sie erklären.
Heute sind Experten einmal grundsätzlich verdächtig. Das gilt nicht nur für die Klimaforscher, das gilt für alle Forschungszweige, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass heute über das Internet jeder ein «Experte» sein kann, sich so seine eigene Meinung macht, aber vielfach auch Fake News aufsitzt. Ist eine Meinung einmal gemacht, braucht es viel Überzeugungsarbeit, um sie zu revidieren.

«Klimaforscher werden schnell
einmal als links-grün schubladisiert.»

Haben Sie ein Beispiel?
Ich wurde erst kürzlich selbst als Instrument missbraucht. Es gibt russische Websites, die Berichte und ein Interview mit mir veröffentlichten, das ich nie gegeben hatte. Ich gebe darin Pilzsporen die Schuld am Klimawandel, an Erdbeben und Tornados. Und die Welt habe nur noch drei ruhige Jahre bis zum Klimakollaps. Ich erhielt darauf Hunderte E-Mails von Leuten, vielfach aus der Ukraine, die irritiert waren.

In Kommentaren auf Onlineplattformen sind Klimaforscher oft auch im Visier.
Die Redaktion von «20 Minuten» bat mich, Stellung zu sechs Kommentaren zum Einfluss der Kurzstreckenfliegerei auf das Klima zu nehmen. Darauf folgten weitere 350 Kommentare. Darin agieren Klimaforscher unter anderem aus Selbstinteresse, oder sie müssen ihr Salär rechtfertigen. Es gibt aber auch gute Reaktionen, von Leuten, die mir ­direkt Fragen stellen und interessiert sind. Dafür nehme ich mir Zeit.

Seit elf Jahren sind Sie in der Öffentlichkeit präsent, der diesjährige Hitzesommer hat gezeigt, dass immer noch dieselben Fragen zum Klimawandel gestellt werden wie damals. Ist das nicht zermürbend?
Heute wissen fast alle, dass es wärmer wird, aber den meisten fehlt der Hintergrund nach wie vor. Dass der Mensch einen dominanten Einfluss hat, ist vielen schon nicht mehr klar. Gemäss einer Umfrage des SRF sagte ein grosser Teil der Befragten, sie seien zu wenig informiert. Das ist erstaunlich. Es gibt die IPCC-Berichte, es gibt Berichte für die Schweiz, es gibt Videos, Vorträge, es ist alles da.


Video: Trockenheit bringt viele Probleme

«Wir suchen Bäume, die die Hitze besser vertragen:» Förster reagieren auf den Klimawandel.

Also kommt ein Hitzesommer, wie wir ihn dieses Jahr erlebten, genau richtig, um uns das Thema wieder in Erinnerung zu rufen?
Er kann helfen. Aber eine konstruktive Diskussion gibt es nur, wenn die Fakten akzeptiert werden. Und das ist nach wie vor eine Herausforderung. Den je nachdem in welchen Kontext die Fakten gestellt werden, verändert sich die Perspektive. Für Entwicklungsländer ist Klimaschutz ein Gerechtigkeitsproblem, die Reichen sind die Täter, die Verursacher des Klimawandels und müssen als Erste handeln. Für Klimaaktivisten heisst Klimaschutz eine Chance für neue Innovationen. Studien zeigen, dass die Haltung nahestehender Menschen einen grossen Einfluss auf die Meinungsbildung hat, viel mehr als Fakten.

Als Klimamodellierer befinden Sie sich in einer Grauzone, Sie blicken in die Zukunft, die auf Algorithmen basiert, also viel Spielraum für Unsicherheiten lässt.
Sobald ein Problem komplex ist, gibt es Unsicherheiten. Wenn es um gesellschaftliche, künftige Entscheide geht sowieso. In diesem Fall müssen wir die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit der Voraussagen angeben, damit Entscheidungen leichter gefällt werden können. Diese Einschätzungen haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Jeder von uns macht täglich eine Risikoabschätzung. Bevor wir das Haus am Morgen verlassen, schauen wir den Wetterbericht an und entscheiden dann, ob wir einen Regenschirm mitnehmen oder nicht. Nicht entscheiden geht hier nicht – so ist es auch beim Klimawandel.


Video: Jörg Kachelmann über den Hitzesommer 2018

«Mir isch s Wätter komplett wurscht»: Der Wetter-Experte schaut auf heisse Tage zurück. (Video: Lea Koch)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 06:33 Uhr

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