Madame Meylan und der Tauben-Ärger

Taubenkot verunstaltet das Stadtbild und verärgert die Leute. Nun versuchen Schweizer Städte, ihre Taubenpopulationen zu kontrollieren – und greifen auch zum letzten Mittel.

Je mehr Futter vorhanden ist, desto mehr Tauben gibt es: Eine Taube in Lausanne. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Je mehr Futter vorhanden ist, desto mehr Tauben gibt es: Eine Taube in Lausanne. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Lausannes Taubenbeauftragter Gérard Cuendet hat harte Zeiten hinter sich. Diese bescherten ihm eine inzwischen verstorbene Millionärin. «Madame Meylan» hiess sie in Lausanne. Die ältere Dame bestellte Vogelkörner gleich palettenweise und sandte bezahlte Mitarbeiter mit zehn Kilogramm schweren Säcken in die Stadt aus, um Tauben zu verköstigen. Die Tauben lebten gut. Sie dankten Madame Meylan für deren Generosität mit ungebremster Vermehrung. Vor allem aber verschissen sie halb Lausanne – das grösste und sichtbarste Problem.

Dass Taubenkot im Stadtbild stört, erstaunt den Basler Biologieprofessor und Taubenspezialisten Daniel Haag-Wackernagel nicht. Gemäss ihm setzen Strassentauben zweimal pro Stunde haubenförmige Kothaufen ab, die aus Harnsäure bestehen. Weil Regen die Säure nicht auswaschen kann, bleiben Kothaufen als heller Belag haften. Pro Taube bleiben täglich rund 30 Gramm Kot kleben, jene Menge, die eine Taube isst.

Lausannes Stadtrat wies Gérard Cuendet darum an, wegen der Tauben und der Kotmengen einzugreifen. Der Biologe riet zur Beendigung des Fütterungswahns. Doch Madame Meylan streute ihre Körner weiter, trotz polizeilichen Befragungen und von Gerichten ausgesprochenen Bussen. Sie begründete ihre Liebe zu den Tauben stets damit, dass ein Vorfahre mit afrikanischem Elfenbein handelte und sie nun das an den Tieren begangene Unrecht wiedergutmachen müsse.

Tierschutz kritisiert Abschüsse

Der «Fall Meylan» sprach sich unter den Taubenbeauftragten in allen Schweizer Städten herum. Er verdeutlichte: Je mehr Futter vorhanden ist, desto mehr Tauben gibt es. Als Madame Meylan 2004 starb, ging die Taubenpopulation rasch zurück. Doch Gérard Cuendet hat weiter viel zu tun. Einwohner rufen ihn nach der Rückkehr aus den Ferien, weil hinter halb geschlossenen Fensterläden Taubenpaare brüten. In diesen Fällen ist Cuendets Taktik, die Taubeneier mit Plastikeiern zu ersetzen. Auch rät er, vor Fenstern Drähte zu spannen oder Nadeln zu montieren. Wenn alles nichts hilft, greift Cuendet zum letzten Mittel. Er lockt die Tauben in eine Falle und tötet sie mit dem Gas Kohlenstoffdioxid. Das tue er selten und sei mit dem Kantonstierarzt abgesprochen, so Cuendet.

Dem Dachverband Schweizer Tierschutz passen Tötungen nicht. Schon gar nicht, wenn Tauben abgeschossen werden, wie die Stadt St. Gallen und die Stadt Zürich dies praktizieren. Sara Wehrli, die beim Tierschutz die Fachstelle Wildtiere betreut, sagt: «Abschüsse sind erstens gefährlich, weil es zu Querschlägern kommen kann, und zweitens wenig effektiv, weil Taubenpopulationen sich rasch erholen.»

In untragbaren Situationen muss man sie auch abschiessen: Stadttauben in Zürich. Foto: Keystone

Der Zürcher Wildhüter This Schenkel verteidigt das Vorgehen. Man müsse situativ entscheiden. In der Stadt Zürich leben 16'000 Tauben, wobei jährlich 80 Tonnen Kot übrigbleibt. Natürlich informiere die Stadt Zürich über die Folgen des Fütterns und habe auch Taubenschläge, aber in untragbaren Situationen müsse man Tiere auch erschiessen oder eine Falle stellen und dann mit Kohlenstoffdioxid töten, so Wildhüter Schenkel. Er prognostiziert, dass auch die Stadt Luzern, die heute nicht mehr schiesst, wohl wieder damit beginnen wird.

Tierschützerin Wehrli sähe es gerne, wenn Städte mehr mit Taubenschlägen arbeiten würden, die auf Dachböden oder in Innenräumen eingerichtete werden respektive im Freien stehen. So wird Platz, damit die Tiere in Nischen oder auf büchergestellartigen Flächen geschützt leben und brüten können. Dort könne man den Nestern noch immer Eier entnehmen, um die Populationen zu kontrollieren, so Wehrli. Sie lobt deshalb den Biologen Haag-Wackernagel, der in der Stadt Basel acht solcher Taubenschläge betreibt.

Die Behausungen seien eine gute Methode, die Tauben zu kontrollieren, findet auch Haag-Wackernagel. Allerdings hält er es für wenig effektiv, die männlichen Tiere zu sterilisieren, wie dies die Stadt Bern in einem dreijährigen Versuch tat. Haag-Wackernagel sagt, gemäss seiner Berechnungen müsste man 90 Prozent der männlichen Tauben sterilisieren, um eine Population zu reduzieren. Das sei kaum machbar, aber wäre nötig. Denn erreiche man diese Quote nicht, würden sich die Populationen wegen der raschen Fortpflanzung sofort wieder erholen.

Tauben sind Schädlinge

Haag-Wackernagel beschäftigt sich nun schon seit Jahrzehnten mit Tauben. Er erforscht die Tiere und warnt auch vor den Gesundheitsrisiken, die von ihnen ausgehen. «Tauben können Krankheitserreger und Parasiten auf den Menschen überragen. So können Taubenzecken, Flöhe und Milben aus Brutplätzen auswandern und Menschen befallen», weiss Haag-Wackernagel. Letzthin untersuchte er einen Fall, bei dem ein Mann von der blutsaugenden roten Vogelmilbe befallen wurde. Die Tiere wanderten aus einem verlassenen Taubennest auf dem Nachbarsbalkon in das Zimmer des Mannes ein. 1500 Milbenstiche zählte Haag-Wackernagel auf dem Körper des Betroffenen. Dieser trug sein Schicksal mit Fassung.

Doch der Basler Biologe hat schon Fälle erlebt, bei denen vor allem Taubenzecken zu schweren allergischen Reaktionen führten. Die Betroffenen konnten aus lauter Angst vor einem weiteren Parasitenbefall nicht mehr schlafen. Hat sich eine Taubenzeckenallergie entwickelt, bleibt den Leuten nichts anderes übrig, als aus ihrer Wohnung auszuziehen.

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