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Lebensretterin im Hintergrund

Mit ihren Studien hat die Thurgauerin Nicole Probst-Hensch für bessere Luft in Schweizer Städten gesorgt. Jetzt sitzt sie allein unter sechs Männern im Direktorium des Tropeninstituts.

Nicole Probst-Hensch möchte ein Vorbild für junge Wissenschaftlerinnen sein. Foto: Christian Flierl
Nicole Probst-Hensch möchte ein Vorbild für junge Wissenschaftlerinnen sein. Foto: Christian Flierl

Am liebsten würde sie einen Roman schreiben, sagt Nicole Probst-Hensch. Es ginge darin wahrscheinlich um Abenteuerlust, ums Reisen in ferne Länder, ums Helfen und um die Umwelt. Lesen und Schreiben sind immer noch die liebsten Hobbys der Epidemiologie-Professorin, aber sonst ist sie Naturwissenschaftlerin mit Haut und Haar. «Was ich an manchen Büchern so bewundere, ist die Leichtigkeit des Schreibens, die heraussticht», sagt die gebürtige Thurgauerin. «Das fasziniert mich, weil ich da starke Parallelen zur Naturwissenschaft sehe, wo auch viele Entdeckungen und Leistungen aus den Köpfen der Forscher kommen – und man weiss nicht, wie und woher.»

Am ehemaligen Basler Tropeninstitut, heute etwas umständlich Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) genannt, leitet Probst-Hensch (56) seit 2016 das Departement für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit und ist als einzige Frau unter sechs Männern auch im Direktorium des Instituts vertreten. Eigentlich sollte sie so bekannt sein wie ein Bestsellerautor, angesichts der Beiträge, die sie für die Volksgesundheit der Schweizer Bevölkerung geleistet hat.

Epidemiologie ist ein etwas sperriges Fach. Es geht um Gesundheitsdaten, Umwelteinflüsse und immer mehr auch um personalisierte Medizin. Epidemiologen lassen Menschen – gesunde und kranke – antraben, zapfen ihnen Blut ab, befragen sie nach ihrer Gesundheit und ihrem Leben, nutzen Gewebeproben und versuchen, daraus mithilfe modernster genomischer Analysen Schlüsse über den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Umwelteinflüssen zu ziehen, um dann der Regierung Massnahmen zur Förderung der allgemeinen Volksgesundheit vorzuschlagen.

Die Atemluft sauberer gemacht

Ein Beispiel, an dem Nicole Probst-Hensch seit Jahren mitarbeitet, ist die Lungenstudie Sapaldia, die sie seit März 2014 auch leitet. Bei der Überwachung von rund 10 000 Schweizern über nun mehr als 25 Jahre ergab die Studie, dass Menschen, die nahe an mit Schadstoff belasteten Strassen wohnen, öfter an Lungenkrankheiten leiden. Das für sich allein ist noch wenig überraschend. Doch dank der Studie konnten Grenzwerte für Luftschadstoffe wie Feinstaub festgelegt werden. Die Folge: Die Luft wurde sauberer, und – was wiederum epidemiologische Studien bestätigen konnten – die Menschen wurden weniger krank. «So haben wir Leben gerettet, ganz konkret», sagt Probst-Hensch.

In einem Hinterhaus des Tropeninstituts befindet sich ihr Büro. Der Raum ist weder wissenschaftlich-chaotisch noch übermässig chic, sondern angenehm unprätentiös. Ein Raum, der unaufdringlich vom Leben der Forscherin erzählt. In den Gestellen eine lange Reihe grauer Bundesordner, vielleicht voll mit epidemiologischen Daten aus dem analogen Zeitalter; auf einem Bord ein halbes Dutzend Glückwunschkarten vom letzten Geburtstag, an denen sie ganz besonders hängt; beim Eingang ein kunstvoller Wandteppich aus Kirgistan, mit nach Hause gebracht von ihrem Vater, der Kaufmann war und als solcher die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Trotzdem hat er sie sehr geprägt.

«Mein Lebenslauf ist nicht so gradlinig wie bei vielen anderen Forschern», sagt Nicole Probst-Hensch. Aufgewachsen ist sie in Kreuzlingen im lieblichen Bodenseeraum, in einer Landschaft, die sie zur Naturfreundin gemacht hat. Nach der Matura studierte sie Pharmazie an der ETH, wo sie ihren Mann kennen lernte. Doch dann folgte ein Bruch in ihrer wissenschaftlichen Karriere. Anstatt dem Studium direkt eine Dissertation anzuschliessen, wie es eigentlich üblich ist («Laborarbeit war nicht so mein Ding»), liess sie sich zur PR-Assistentin ausbilden. «Mein Traum war der Wissenschaftsjournalismus», sagt sie. Und ihr Anliegen war die Umwelt. Diese Bedürfnisse konnte sie dann bei der Firma Roche ausleben, wo sie am ersten Umweltbericht des Unternehmens mitarbeitete. «Das war hoch spannend, es war die Zeit nach dem Chemieunfall von Schweizerhalle. Die Presse war kritisch, die Unternehmen mussten etwas tun, und Roche legte erstmals alle Zahlen offen, die mit Emissionen zu tun hatten.»

Mit 30 zurück in die Forschung

«Das tönt ja, als ob ich immer noch PR für Roche mache», erschrickt sie selber ein bisschen über den Enthusiasmus, mit dem sie davon erzählt. Doch ihre Begeisterung ist eher der Erfahrung in diesem Lebensabschnitt geschuldet, umso mehr, als sie mit 30 Jahren den Weg in die Wissenschaft doch noch fand – zuerst mit einer Dissertation an der Uni Basel und anschliessendem siebenjährigem Aufenthalt in Kalifornien, wo sie sich auf die Krebsepidemiologie spezialisierte, später am Swiss TPH in Basel, wo sie heute das Departement mit rund 160 Forschern leitet und sowohl in der Schweiz als auch in Entwicklungsländern tätig ist. Gerade ist sie aus Peru zurückgekehrt, zudem reist sie regelmässig in die Elfenbeinküste. Hier haben die Forscher in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und NGOs erstmals die Frage des Blutdrucks untersucht. «Indem wir erstmals viele Menschen mit Herzkrankheiten fanden, haben wir auch hier ganz direkt Leben gerettet.»

Viele Projekte in der Gesundheitsforschung werden nach dem PPP-Prinzip (Public-Private-Partner­ship) durchgeführt, weil für eine umsichtige Gesundheitspolitik alle Partner ins Boot geholt werden müssen: die betroffenen Patienten, die Behörden, aber auch die Pharmafirmen, die ihr Know-how über Medikamente einbringen. In anderen Bereichen der Epidemiologie sähe es anders aus, da sei die Unabhängigkeit sehr wichtig, sagt die Wissenschaftlerin, die kundtut, dass sie «in ihrem Denken immer links war». Die heiklen Bereiche betreffen die Wirkungsforschung von teuren Therapien – etwa von modernen und teuren Krebsmedikamenten, die das Leben nur minim verlängern. «Ob es sinnvoll ist, dass solche Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden, muss die Gesellschaft entscheiden. Wir Epidemiologen liefern die rigiden wissenschaftlichen Daten dazu.»Im Direktorium des Swiss TPH hat Nicole Probst-Hensch ihre Träume weitestgehend verwirklicht. Die Mutter zweier Kinder – beide kamen in den frühen 1990er-Jahren in den USA zur Welt – kann und will auch Vorbild für junge Frauen sein, die in der Naturwissenschaft Karriere machen wollen. Sie kann viel in Länder reisen, wo Forschung zuweilen nur unter abenteuerlichsten Bedingungen durchgeführt werden kann.

Vielleicht sollte sie einen Roman über ihre Arbeit und ihr Leben schreiben, darin sind alle gewünschten Elemente enthalten. Doch davor schreckt sie zurück. «Vor kurzem traf ich in New York den Autor Jonathan Safran Foer, einen Freund unserer Bekannten», erzählt die Epidemiologin. «Da machte es bei mir wow, da wurde ich ehrlich gesagt schon ehrfürchtig.»

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