Kampf gegen die Bienen-Killer

Die Varroa-Milben gehören zu den gefürchtetsten Plagen. Um den Parasiten zu bekämpfen, testen Forscher und Imker neue Methoden – von der Wabenheizung bis zum erzwungenen Brutstopp.

Eine Varroa-Milbe auf einer Honigbiene. Foto: Chris Robbins (Alamy)

Eine Varroa-Milbe auf einer Honigbiene. Foto: Chris Robbins (Alamy)

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Eigentlich sehen sie aus wie harmlose, braunrote Punkte. Doch die winzigen Spinnentiere mit dem wissenschaftlichen Namen Varroa destructor haben es in sich. Vor allem die Weibchen. Denn sie sind es, die auf den Bienen sitzen und das Bienenblut, die Hämolymphe, saugen. Wechseln tun die ursprünglich aus Asien stammenden Parasiten ihren wehrlosen und summenden Wirt nur, wenn sie ein besseres «Transportvehikel» im Bienenstock finden.

Zum Beispiel eine Ammenbiene, die sie zu einer der Brutzellen bringt. Dort krabbelt die Milbe mit ihren acht Beinchen in die noch offene Wabenzelle hinein, versteckt sich im Futtersaft und befällt später die heranwachsende Bienenlarve. Dadurch kann sich der Schmarotzer erfolgreich in der noch verdeckelten Brutzelle vermehren.

Die Varroa-Milbe ist ein Albtraum für jeden Imker, da sie ohne Behandlung ein ganzes Bienenvolk in ein bis drei Jahren vernichtet. Der Schädling macht Bienen anfälliger gegenüber Krankheiten, indem er ihr Immunsystem schwächt. Zudem überträgt er auch Erreger, vor allem Viren wie das Deformierte Flügelvirus oder das akute Bienenparalyse-Virus. Werden die Bienenlarven von Varroa-Milben befallen, verkürzt sich die Lebensdauer der Winterbienen von fünf bis sechs Monaten auf zwei bis drei Monate, sodass das Bienenvolk den Winter nicht überlebt.

Vogel im Ameisennest

Um die Milben in den Bienenvölkern zu bekämpfen, setzen Imker bisher vor allem Ameisen- sowie Oxalsäure ein. Die Idee stammte von einem Imker, der beobachtet hatte, dass Vögel zu Ameisenhaufen fliegen, um sich dort mit Ameisensäure bespritzen zu lassen. Dadurch werden sie auf natürliche Weise ihre Milben im Gefieder wieder los. Dank dieser Beobachtung wurde die Anwendung organischer Säuren zur Bekämpfung der Varroa destructor entwickelt. «Es ist bisher nach wie vor die sicherste Methode», sagt Vincent Dietemann von Agroscope in Liebefeld. Doch sie habe auch Nachteile, sodass man nach weiteren Möglichkeiten suche. Zum Beispiel mit Wärmebehandlungen.

«Bei unserer Wabenheizung kann der Imker auf der Couch liegen.»Pascal Brunner, Vatorex

Im Kampf gegen die lästige Milbe hat der Imker Willi Brunner zusammen mit seinem Sohn Pascal, der ursprünglich Bewegungswissenschaften und Sport an der ETH Zürich studierte, in Winterthur die Firma Vatorex gegründet. Sie haben sich ein neues Verfahren ausgedacht, wie sie mithilfe eines in die Wachsplatte der Brutwabe eingebauten Heizdrahtes die Ausbreitung der Milbe in Schach halten können.

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Obwohl andere Geräte wie der aus Österreich stammende Varroa-Controller ebenfalls die Brut mit einer Art Heizung wärmen, ist die Methode der Schweizer einfacher und weniger arbeitsintensiv, da man die Waben nicht jedes Mal noch in eine separate Thermobox hängen muss. «Bei uns kann der Imker auf der Couch liegen», sagt Pascal Brunner. Alles laufe automatisch über den Steuerungskasten, sodass während der gesamten Brutperiode von März bis November alle 16 Tage für drei Stunden auf bis zu 41 Grad Celsius hochgeheizt werde.

Empfindliche Drohnen

Bei der thermischen Behandlung werden die Proteine der Milbe dauerhaft geschädigt, sodass sie im Gegensatz zur wärmetoleranteren Bienenlarve stirbt. Dennoch darf auch dort nicht zu viel und zu lang geheizt werden. Denn besonders die Drohnenbrut am unteren Ende der Wabe entwickelt sich bei etwas tieferen Temperaturen als die restliche Arbeiterinnenbrut. Aus diesem Grund ist der Heizdraht von Vatorex weiter von den männlichen Bienenlarven entfernt, damit diese nicht erwärmt werden.


Video: Widerstandsfähige Bienen

Griechenland blieb vom grossen Bienensterben bisher weitgehend verschont. Ein Grund dafür könnten die Verbote für Pestizide und genmanipulierte Pflanzen sein. Video: Tamedia/AFP


«Das Prinzip ist gut», sagt Dietemann, der die wissenschaftlichen Studien des Winterthurer Start-up-Unternehmens begleitet. Dennoch töte es die Varroa-Milbe nur in den Brutzellen ab und erwische den Parasiten auf den adulten Bienen nicht. Frühere Versuche hätten gezeigt, dass Arbeiterinnen für eine optimale Brutentwicklung alles tun würden, um zu warme Temperaturen auszugleichen. Von draussen holen sie dann Wasser in den Bienenstock, schlagen mit den Flügeln, damit durch das Fächeln das Wasser verdunstet und die Luft wieder kühler wird.

Bereits 90'000 Franken gesammelt

«Wir rotten die Milbe auch nicht aus, sondern reduzieren ihr Vorkommen stark, sodass sie weniger Schaden anrichtet», sagt Brunner. Um auf Nummer sicher zu gehen, kontrollieren sie die Völker vor dem Einwintern auf deren Varroa-Befall und würden sie im Notfall später noch mit Oxalsäure behandeln. Diese habe weniger Nebenwirkungen als die aggressivere Ameisensäure, die im Spätsommer eingesetzt werde. Der Vorteil der thermischen Behandlung der Brutzellen sei, dass man sie ohne weiteres auch noch während der Honigernte einsetzen könne, weil keine Rückstände bleiben würden.

Das Vatorex-System hat viele Leute überzeugt, sich auch finanziell für das Projekt zu engagieren. Mithilfe von Crowdfunding konnten die Winterthurer auf der Plattform «Wemakeit» innerhalb eines Monats bisher rund 90'000 Franken sammeln. «Dieses Geld nutzen wir, um unsere Methode so vielen Imkern wie möglich gratis zur Verfügung zu stellen», sagt Brunner.

Medikament für Bienen

Vor ein paar Monaten stiessen Stuttgarter Forscher der Universität Hohenheim dagegen auf ein ganz anderes Bekämpfungsmittel, wie sie in der Fachzeitschrift «Scientific Reports» berichten. Ursprünglich fütterten sie die Bienen mit spezifischen RNA-Bruchstücken, die für Bienen zwar ungefährlich sind, aber den Stoffwechsel der Milbe stören und dadurch den Parasiten abtöten.

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Per Zufall entdeckten sie bei den Versuchen in der Kontrollgruppe die Wirkung der Chemikalie Lithiumchlorid, die sie als Hilfsmittel bei der Isolierung der RNA-Bruchstücke verwendeten. Das Lithiumsalz tötete in einer sehr niedrigen Dosierung die Schädlinge, machte den adulten Bienen aber offenbar nichts aus. Dies ist viel billiger als der zuvor geplante gentechnische Ansatz.

Noch ist unklar, ob die in der Humanmedizin als Antidepressivum angewendeten Lithiumsalze sich auch für ein in der Praxis gut einsetzbares Tierarzneimittel eignen. Und wie sich diese langfristig auf die Bienengesundheit und auch auf die Umwelt auswirken. Denn die in der Natur vorkommenden anorganischen Salze bauen sich nicht ab. Zudem muss noch eine praktische Applikation entwickelt werden, damit es für die Bienenbrut nicht schädlich ist.

Eingesperrte Königin

Bisher gibt es kein Patentrezept gegen den verheerenden Schmarotzer. Auch die Züchtung einer Varroa-resistenten Honigbiene ist noch viel zu komplex. Somit fallen nach wie vor jedes Jahr unzählige Völker dem Parasiten zum Opfer. Betroffen davon ist vor allem die westliche Honigbiene. Denn die östliche, in Asien vorkommende Honigbiene hat über Jahrtausende Verhaltenweisen entwickelt, die die Vermehrung der Milben stark einschränken, indem die Arbeiterinnen beispielsweise die Brut samt aller Milbenstadien auffressen.

Um der Plage hierzulande Herr zu werden, testen Agroscope-Forscher unter anderem auch einen Brutstopp als Alternative. «Wir sperren die Königin drei Wochen in einen Käfig ein», sagt Dietemann. Dadurch könne sie keine Eier mehr in die Brutzellen legen, und eine wirksame Behandlung des Volks mit Oxalsäure sei möglich. Der Käfig sei so konzipiert, dass Arbeiterinnen jederzeit die Königin mit Futter versorgen könnten. Der Brutstopp sei für die Bienen kein Problem.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 18:10 Uhr

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