Immer mehr Naturkatastrophen – aber weniger Opfer

Extreme Wetterereignisse häufen sich, trotzdem geht die Zahl der Toten zurück. Wir erklären, warum.

Naturkatastrophen wie diese nehmen zu: Das Bündner Dorf Bondo nach dem grossen Bergsturz im August 2017.

Naturkatastrophen wie diese nehmen zu: Das Bündner Dorf Bondo nach dem grossen Bergsturz im August 2017. Bild: Keystone

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2018 ist für die Versicherungen bis jetzt ein «gutes» Jahr. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 haben sich die gesamtwirtschaftlichen Schäden aus Katastrophen weltweit fast halbiert – von 64 auf 36 Milliarden US-Dollar. Noch deutlicher liegt die Summe unter dem Halbjahresdurchschnitt von 125 Milliarden der letzten zehn Jahre. Das zeigen die aktuellsten Zahlen des Rückversicherers Swiss Re.

2017 kamen die schlimmsten Naturkatastrophen allerdings auch erst in der zweiten Jahreshälfte: Die drei Hurrikane Harvey, Irma und Maria sowie andere Ereignisse machten es schliesslich zu einem der schlimmsten Katastrophenjahre. Der weltweit verursachte wirtschaftliche Gesamtschaden belief sich auf fast 350 Milliarden Dollar – der zweithöchste Wert, der je verzeichnet wurde. Nur 2011 mit den Erdbeben in Neuseeland, den Überschwemmungen in Thailand und dem Tsunami in Japan war noch schlimmer.

Zu Ereignissen solchen Ausmasses kam es in diesem Jahr bisher nicht. Immer noch präsent sind die Hitzewellen und Trockenperioden, die Europa und andere Weltregionen seit Anfang Sommer fest im Griff hatten und beispielsweise in Kalifornien und Griechenland zu verheerenden Waldbränden sowie im Süden Australiens zu anhaltender Dürre führten. Die grössten Schäden verursachte in der ersten Jahreshälfte 2018 allerdings das extreme Winterwetter.

Die teuerste Katastrophe war Wintersturm Friederike, der im Januar in Deutschland und den Niederlanden, aber auch in Frankreich, Belgien und Grossbritannien mehrere Tote forderte und wirtschaftliche Schäden von 2,7 Milliarden nach sich zog.

Daneben forderte eine ganze Reihe weiterer Winterstürme, Tornados und Gewitterstürme in den USA ihren Tribut, darunter der Nor'easter im März. Sie sorgten in weiten Teilen des Landes für starken Schneefall, Eisregen und Hagel sowie Überschwemmungen aufgrund der Schneeschmelze und Küstenüberflutung. Die Folge waren gesamtwirtschaftliche Schäden in Höhe von 4 Milliarden.

Mehrere grosse Vulkanausbrüche auf Hawaii und in Guatemala sowie Erdbeben in Japan, Taiwan und Papua-Neuguinea waren für weitere Verwüstungen verantwortlich.

Schadenereignisse haben sich verdoppelt

Die langfristige Statistik zeigt: Solche Naturkatastrophen werden immer häufiger. In den vergangenen knapp 40 Jahren hat sich die Anzahl der für Versicherungen relevanten Ereignisse mehr als verdoppelt. In den 1980ern gab es jährlich im Schnitt gut 290 Katastrophen, im aktuellen Jahrzehnt waren es durchschnittlich schon mehr als 640.

Überschwemmungen haben am deutlichsten zugenommen. 2017 machten sie fast die Hälfte der Ereignisse aus, stellten also mit Abstand die grösste Gefahr dar. Beim Rest handelte es sich vor allem um verschiedene Arten von Stürmen. Geophysikalische Ereignisse (Erdbeben, Tsunami, vulkanische Aktivitäten) und solche, die vom Klima abhängen (Extremtemperaturen, Dürre, Waldbrand) kamen weniger oft vor, sind aber ebenfalls viel häufiger als früher.

In welchem Umfang der Klimawandel dazu beiträgt, ist umstritten. Zu mehr oder stärkeren Naturkatastrophen können auch natürliche Temperaturschwankungen führen, sagen die einen Wissenschaftler. Der aktuelle UNO-Klimabericht zum Beispiel zeigt anhand von Daten aus Deutschland, Skandinavien, Österreich, der Schweiz und vom Nordatlantik, dass Stürme in Nordwesteuropa nicht zugenommen haben und vielerorts sogar schwächer geworden sind als früher.

Andere Forscher sind überzeugt, dass die Zunahme von Extremwetterereignissen eindeutig auf die veränderten klimatischen Bedingungen zurückzuführen ist. So ist beispielsweise unbestritten, dass die steigenden Temperaturen zu grösserer Verdunstung und damit Austrocknung der Böden beziehungsweise Dürren führen. Und wegen des Anstieg des Meeresspiegels sind höhere Sturmfluten zu erwarten.

Tiefste Zahl seit 30 Jahren

Erstaunlich ist jedenfalls: Obwohl Naturkatastrophen und dadurch verursachte Schäden weltweit zunehmen, gibt es immer weniger Todesopfer.

Im ersten Halbjahr 2018 starben 3900 Menschen bei solchen Ereignissen. Diese Zahl erscheint zwar hoch, ist aber der tiefste Halbjahreswert in den vergangenen drei Jahrzehnten und einer der tiefsten, die überhaupt je erfasst wurden, seit es diese Statistik gibt.

Die absolute Zahl der jährlichen Toten durch Naturkatastrophen ist über die Jahre hinweg leicht gesunken – in Relation zum weltweiten Bevölkerungswachstum sogar deutlich. Auf den ersten Blick ist das in der Grafik nicht zu erkennen, weil es immer wieder starke Ausreisser gibt. 2010 zum Beispiel kamen allein beim Erdbeben in Haiti 159'000 Menschen ums Leben.

Gerade in der jüngeren Vergangenheit nahmen die Opferzahlen jedoch klar ab. Zwischen 2011 und 2017 lag der jährliche Schnitt bei gut 30'700, über den gesamten Zeitraum seit 1970 bei über 85'000. Beobachter und Versicherer wie Munich Re, welcher die Opferzahlen erfasst, sprechen von einem erfreulichen Abwärtstrend, der schon länger anhält.

Hurrikansaison steht noch an

Noch ist die Bilanz 2018 nicht vollständig. In den Halbjahreszahlen fehlen unter anderem die über 140 Toten nach den schweren Erdbeben auf der indonesischen Vulkaninsel Lombok, die 90 Opfer bei Waldbränden in Griechenland und die mehr als 200 Personen, die Ende Juli bei Überschwemmungen in Japan ums Leben kamen. Auch die Höhe der trockenheitsbedingten Schäden in der Landwirtschaft und aufgrund der Waldbrände ist noch zu beziffern.

Zudem läuft in der Karibik und im Süden der USA noch die Hurrikansaison. Tropische Wirbelstürme, die sich im Atlantischen Ozean bilden, sorgen fast jeden Herbst für gewaltige Zerstörung. Zum Beispiel letztes Jahr Irma anfangs oder Maria Mitte September. Dieses Jahr gab es bereits fünf harmlose Wirbelstürme, nun wartet die Region gebannt auf die nächsten, die dann Florence, Gordon, Helene, Isaac, Joyce und Kirk heissen werden.

Derzeit bereitet sich gerade Hawaii auf einen Notfall vor. Hurrikan Lane könnte dort mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 260 Kilometern pro Stunde auf Land treffen. Im Pazifik erleben Taifune gerade den Höhepunkt ihrer eigentlich ganzjährigen Saison. Taifun Cimaron fegte gerade über Japan.

Wenig erbaulich ist auch der Blick nach vorne: Klimamodelle legen nahe, dass die Temperaturen und die Feuchtigkeit in der Atmosphäre in vielen Gegenden der Welt zukünftig ansteigen und unbeständiger werden. Das Niederschlagsmuster, also die zeitliche und räumliche Verteilung der Niederschläge, wird unbeständiger, gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit für gravierende Dürren und damit verheerende Waldbrände.

«Extreme Wetterlagen werden zur neuen Normalität.»Martin Bertogg, Swiss Re

«Wir gehen davon aus, dass wir weitere extreme Wetterlagen erleben werden, zum Beispiel anhaltende Hitzewellen und Dürreperioden – ähnlich wie die der letzten Wochen», sagt Martin Bertogg, der Chef des Katastrophenbereichs von Swiss Re. «Das könnte durchaus zur neuen Normalität werden.»

Er geht zudem davon aus, dass sich wegen der zunehmenden Urbanisierung und der laufenden Ausweitung von Wohngegenden in Naturwaldgebiete das Schadenpotenzial noch weiter «erheblich» erhöhen wird. Die wachsende Weltbevölkerung führt dazu, dass immer mehr Menschen in Gebieten leben, denen Naturkatastrophen drohen.

Laut dem «Atlas of the Human Planet» der EU-Kommission hat sich zum Beispiel die Anzahl der von Erdbeben bedrohten Menschen in den vergangenen 40 Jahren auf 2,7 Milliarden verdoppelt.

Verbesserungen im Katastrophenschutz

Der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum lassen die Bedrohungslage der Menschheit steigen. Die Gesellschaft werde sich anpassen und darauf vorbereiten müssen, dass solche Vorkommnisse immer häufiger eintreten könnten, warnt Martin Bertogg.

Vielerorts ist das schon passiert, wie der Weltrisikoindex des deutschen Hilfswerk «Bündnis Entwicklung Hilft» zeigt. Demnach sind die Menschen heute besser für Naturkatastrophen gerüstet als noch vor einigen Jahren.

«Viele Länder haben aus früheren Katastrophen gelernt.»Peter Mucke, Bündnis Entwicklung Hilft

Das durchschnittliche Risiko, dass ein extremes Naturereignis zu einer Katastrophe führt, ist zurückgegangen. «Viele Länder haben aus früheren Katastrophen gelernt und verbessern die Prävention», sagte Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnisses, zur Entwicklung.

Der Rückgang der weltweiten Opferzahlen hängt also mit laufend verbesserten Schutzsystemen gegen Naturereignisse zusammen: Wettervorhersagen und Risikoanalysen werden immer genauer, die Mobiltechnologie zur Warnung entwickelt sich weiter, und man bereitet sich besser auf unerwartete Naturereignisse vor. So gibt es beispielsweise in den USA neue Vorschriften für hurrikansicheres Bauen. Erdbebensichere Gebäude oder Deiche sind mittlerweile an vielen Orten Standard. Die Menschen sind heute also technisch besser gewappnet für den Umgang mit Katastrophen als noch vor ein paar Jahren.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 11:53 Uhr

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