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Hitzesommer ohne Hitzetote

2003 starben noch 1000 Personen mehr als normal – dieses Jahr gab es keine zusätzliche Todesfälle. Wirkt die Hitze-Prävention?

Abkühlung tut gut: Schwimmerin in der Aare zwischen Thun und Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)
Abkühlung tut gut: Schwimmerin in der Aare zwischen Thun und Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Spätestens seit 2003 ist klar: Heisse Sommer sind für Menschen mit angeschlagener Gesundheit nicht nur belastend, sie können zum Tod führen. Rund 1000 Personen mehr als in einem normalen Jahr starben damals in der Schweiz. Es war der bis heute heisseste Sommer seit Messbeginn vor über 150 Jahren. Eine solche sogenannte Übersterblichkeit kennt man bei uns in dieser Grössenordnung sonst eigentlich nur von aggressiven Grippewellen. Betroffen sind fast immer Über-65-Jährige.

Hitzesommer bedeuten eben nicht nur Badeplausch und kurze Hosen oder Röcke, sie sind für viele Leute eine gesundheitliche Herausforderung. Das zeigte sich auch 2015, als es erneut zu einer grossen Hitzewelle kam, der zweitstärksten seit Messbeginn. Wieder starben mehr Menschen als in den Vorjahren, 800 von Juni bis August.

Schmeichelhaft fürBehörden und Forscher

Auf dem dritten Platz unter den Hitzesommern liegt gemäss ersten Auswertungen von Meteo Schweiz das Jahr 2018. Trotzdem gab es bislang keine Hitzetoten, wie Erwin Wüest vom Bundesamt für Statistik aufgrund der aktuellen verfügbaren Zahlen bestätigt. Ein erfreulicher und zugleich überraschender Befund, der nach Erklärungen ruft.

In der Schweiz befasst sich eine Forschungsgruppe am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut um Martin Röösli mit den Auswirkungen von Hitzesommern. Sein erster Verdacht: Es könnte an der Statistik liegen. Tatsächlich wird die Übersterblichkeit nicht einzeln erfasst, sondern berechnet. Das Bundesamt für Statistik vergleicht dazu die wöchentliche Anzahl gemeldeter Todesfälle mit denjenigen der vorangegangenen zehn Jahre, wobei die Durchschnittswerte mit Veränderungen der Bevölkerung verrechnet werden. «In den letzten paar Jahren waren einige Sommer relativ heiss, was die normale Sterberate in dieser Zeit erhöht haben könnte», sagt Röösli. Hitzetote wären demnach zum Normalfall geworden. Gegen diese Hypothese spricht allerdings, dass die Vergleichswerte dieses Jahr praktisch gleich waren wie 2015, als es eine deutliche Übersterblichkeit gab.

Schmeichelhafter für Behörden und Forscher ist ein anderer Erklärungsversuch: Die Prävention hat gegriffen. Nach 2003 ­begann der Bund, mit Infor­mationskampagnen Verhaltenstipps bei Hitze zu verbreiten. Später wurden Empfehlungen und Massnahmenpläne ausgearbeitet. Etwa, wie gefährdete Personen – Betagte, Kranke, Kleinkinder und Schwangere – beziehungsweise deren Ange­hörige, Pflegepersonal und Ärzteschaft sensibilisiert werden können. «Es sind einfache Massnahmen, mit denen relativ viel erreicht werden kann», sagt Röösli. Allerdings waren die Kantone, die das Ganze hätten umsetzen sollen, lange eher desinteressiert. So richtig Schwung in die Sache kam erst nach dem Hitzesommer 2015, der manchen Verantwortlichen wachrüttelte.

Weniger Tropennächte ermöglichten Abkühlung

Die Kampagnen und die vorsorglichen Massnahmen könnten tatsächlich etwas bewirkt haben. Vielleicht haben die Menschen aber auch aus der Erfahrung gelernt. «Viele Menschen haben wahrscheinlich von selbst ihr Verhalten angepasst», vermutet Röösli. Man sei hierzulande zunehmend heisse Sommer­tage gewohnt und wisse besser damit umzugehen – oder schaffe sich eine Klimaanlage an.

Die schlüssigste Erklärung für das Fehlen von tödlichen Folgen stammt jedoch von den Meteorologen: «Bei der Häufung von Todesfällen geht es um die Ausprägung extremer Hitzewellen», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz. 2018 war die mittlere Sommertemperatur zwar hoch, es gab aber weniger extreme Hitzetage als 2003 und 2015. Hinzu kommt: «Es gab auch viel weniger sogenannte Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad sinkt», ergänzt ­Roland Hohmann vom Bundesamt für Umwelt. Das ermöglichte eine Abkühlung, die die Hitze am Tag erträglicher machte.

Wetter, Prävention, Anpassung – wahrscheinlich hat am Ende eine Kombination der verschiedenen Faktoren zum Ausbleiben einer Übersterblichkeit geführt. «Eine genaue Analyse des Sommers steht noch aus», sagt Röösli. Möglich, dass sich am Ende doch noch eine leichte Übersterblichkeit ergibt. Unklar ist allerdings, wer genau während Hitzesommern wie 2003 und 2015 stirbt. «Das wissen wir nicht wirklich», sagt Röösli, «auch nicht, wie lange die Betroffenen sonst weitergelebt hätten.» Jedenfalls sind sie nicht einfach ein paar Tage früher gestorben. Das würde sich statistisch bemerkbar machen.

2015 sank in der Schweiz die Lebenserwartung

Im Jahr 2015, als neben dem Hitzesommer auch eine besonders heftige Grippewelle für zusätz­liche Todesfälle sorgte, führte die massive Übersterblichkeit ­sogar dazu, dass die Lebenserwartung der Schweizer Bevölkerung vorübergehend leicht sank – dies, nachdem sie über Jahrzehnte stetig gestiegen war. «Der Effekt hat sich inzwischen zwar wieder ausgeglichen», sagt Martin Röösli. «Er zeigt jedoch, dass jeweils Menschen sterben, die sonst noch deutlich länger gelebt hätten.»

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