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Grillen? Nein, es ist das Heupferd, das geigt

In den Spätsommernächten pulsiert in vielen Bäumen und Büschen leiser Technosound. Jetzt raven die Heuschrecken.

Das grüne Heupferd macht zuweilen auch Besuche im Haus und klammert sich gerne an Gardinen fest.
Das grüne Heupferd macht zuweilen auch Besuche im Haus und klammert sich gerne an Gardinen fest.
Fritz Geller-Grimm

Die berauschende Musik des Mittelmeers: am Tag die Percussions–Monsterkonzerte der Zikaden, abends die melancholischen Mandolinen der Grillen. Und kommt der Naturfreund aus den Sommerferien nach Hause, nimmt das ausgeruhte Ohr mitten in der Stadt ähnli­che Klänge wahr. Da geigt es in noch lauen Nächten aus Büschen und Hecken. Grillen – auch bei uns? Ein seliger Gedanke, doch leider meistens falsch. Um diese Jahreszeit sowieso. Denn die Feldgrille (Gryllus cam­pestris) ist in der ganzen Schweiz so selten geworden, dass sie auf der roten Liste der bedrohten Arten steht. Im dichten, hohen Gras der gedüngten Wiesen kann sie nicht überleben. Sie braucht eher trockene, lo­cker bewachsene Magerwiesen, in denen die Sonne den Boden genug wärmt, damit die Grilleneier in der Erdhöhle ausgebrü­tet werden.

In der Stadt Zürich sind noch an zwei Orten Feldgrillen nachgewiesen: in einer Schafweide und angrenzenden Schreber­gärten im Wehrenbachtobel und am Ried­weg beim Rütihof. Da die Feldgrillen als Larven überwintern, sind sie im Frühjahr schon bald ausgewachsen und paarungs­bereit. Deshalb hört man ihr melodisches Zirpen – dort wo es sie noch gibt – vor al­lem im Mai und Juni. Danach legen sie ihre Eier ab – und sterben.

Ein grüner Gigant

Doch was musiziert denn jetzt an so vie­len Orten in der Nacht? Es sind Heuschre­cken. Die sind im Frühling erst aus den Ei­ern geschlüpft und haben bis zum Hoch­sommer gebraucht, um erwachsen und ge­schlechtsreif zu werden. Jetzt werben die Männchen noch bis in den Oktober um die Weibchen. Weit hörbar ist der Gesang des Grünen Heupferds (Tettigonia viridis­sima), der grössten Heuschreckenart der Schweiz. Ab und zu erschrecken uns die fingerlangen geflügelten Tiere, wenn sie als nächtliche Besucher durchs offene Fenster einsteigen und sich an der Gardine festklammern. Die Weibchen erkennt man an ihrem schwertähnlichen Legestachel. Gefährlich sind Heupferde nicht, obwohl sie kein Heu fressen, sondern Raubtiere sind: Mit ihren kräftigen Kiefern zermal­men sie andere Insekten und kleinere Art­genossen. Heupferde sind im Gegensatz zu den Feldgrillen Kulturfolger und nisten sich auch in Stadtgärten ein. Der Gesang des Männchens dauert bis weit nach Mitternacht und steckt – wie bei den Vögeln – ein Revier gegen Riva­len ab. Dazu reibt das Heupferd seine Vorderflügel über eine Membran und er­zeugt ein helles, lang gezogenes Schwir­ren auf gleicher Tonhöhe. Allerdings bloss bei warmen Temperaturen; wenn es so nasskalt ist wie in diesen Tagen, geben die Tiere höchstens alle paar Sekunden ein verdrossenes «Zick!» von sich. Wie ein Liebeslied klingt das nicht mehr. Das Weibchen hört sehr scharf – mit den Bei­nen. Am Knie des Vorderbeins haben Heupferde feine Schlitze, die zu den Hör­organen führen.

Mit dem Ohr auf Pirsch

Auch für uns Menschen taugt das Ohr mehr als das Auge, um nachts die häufigs­ten Heuschrecken zu unterscheiden. We­nigstens solche, die für uns hörbar singen, was längst nicht alle 26 in der Stadt Zürich gefundenen Heuschreckenarten tun. Aus niedrigerem Gebüsch klingt regel­mässig wie ein Metronom das kurze «Zri» der Gewöhnlichen Strauchschrecke (Pho­lidoptera griseoaptera), deren brauner Körper zwar klein, aber bullig wirkt. Mehr musikalischen Aufwand betreibt der Nachtigall-Grashüpfer (Chorthippus bi­guttulus). Die Qualität des namengeben­den Vogels erreicht er zwar nie, aber seine metallisch anschwellenden und auf dem Höhepunkt abbrechenden Strophen lassen Temperament vermuten. Auch das kurze Sägen, gefolgt von längeren Pausen, des Gemeinen Grashüpfers (Chorthippus pa­rallelus) hat seinen Charme. Dagegen macht es sich der Braune Grashüpfer (Chorthippus bruneus) mit seinem «Zr­zr- zr» sehr einfach. Aber er will ja nicht uns bezirzen, sondern sein Weibchen.

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