Gipfeltreffen der Freundschaft

Über alle vier Grate sind gestern Alpinisten auf das Matterhorn geklettert. Auf dem Gipfel wurde der Erstbesteigung vor 150 Jahren gedacht.

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Vor 150 Jahren waren sie erbitterte Konkurrenten. Gestern schritten sie auf dem 4478 Meter hohen Gipfel des Matterhorns zu einem Akt der Freundschaft: Alpinisten aus der Schweiz, Italien, England und Frankreich – aus jenen Nationen, die sich einen Wettkampf um die Erstbesteigung des Matterhorns geliefert hatten.

Am 14. Juli 1865 stand eine über den Hörnligrat aufgestiegene Seilschaft mit englischen Alpinisten sowie Führern aus Zermatt und Chamonix auf dem Gipfel. Drei Tage später folgten die geschlagenen, über den Liongrat gekletterten Italiener. Ihre Schmach war umso grösser, da von ihnen erwartet worden war, den Gipfel zu Ehren der Staatsgründung Italiens 1861 zu erobern. Und für die Erstbesteiger um Edward Whymper endete der Abstieg in einer Tragödie, als vier der sieben Alpinisten zu Tode stürzten.

Direkte Nachfahren

Von der vergangenen Dramatik war gestern am Matterhorn nichts zu spüren. Rund 40 Alpinisten erstiegen in einer Sternbesteigung den auf dem schweizerisch-italienischen Grenzkamm ruhenden Berg über alle vier Grate. Unter den Bergsteigern waren nicht nur Zermatter Spitzenalpinisten wie die Brüder Simon und Samuel Anthamatten. Es waren auch Mitglieder des altehrwürdigen Alpine Clubs sowie direkte Nachfahren der Erstbesteiger dabei – namentlich Nachkommen der drei Bergführer Michel-Auguste Croz aus Chamonix sowie Peter Taugwalder Vater und Sohn aus Zermatt.

Bei idealen Bedingungen starteten die Alpinisten gegen vier Uhr früh. Wegen des heissen Sommerwetters konnte am Hörnligrat auf die sonst notwendigen Pickel und Steigeisen verzichtet werden. Kurz vor acht erreichten die ersten Bergsteiger den Gipfel – wobei die über den Liongrat aufgestiegenen Italiener vor den in der Hörnlihütte gestarteten Schweizern, Engländern und Franzosen eintrafen. «Die Revanche ist geglückt», hiess es augenzwinkernd auf dem Gipfel.

Bergführer sicherten die Alpinisten rund um das Kreuz auf dem Italienergipfel. Denn der abschüssige Gipfelgrat verzeiht hier keinen Fehltritt. Die Bergsteiger entfalteten die Flaggen ihrer Heimatländer, der Geistliche aus Cervinia und die Pastoralassistentin aus Zermatt segneten den Akt der Freundschaft. Dieser wurde mit folgenden Worten schriftlich festgehalten: «Was am 14. Juli 1865 als Konkurrenzkampf und Wettbewerb zwischen Alpinisten und Nationen begann, soll heute, am 17. Juli 2015, besiegelt werden als Manifestation der Freundschaft und der Verbindung in Passion und Liebe zum Berg.» Eine kleine Orgel sorgte auf dem Gipfel für den musikalischen Rahmen.

«Ich habe schon viel erlebt. Aber eine derart eindrückliche Zeremonie auf einem Berggipfel noch nie», sagte der Zermatter Bergführer Fabian Lauber, der schon 95-mal auf dem Matterhorn gestanden ist. Nach der Zeremonie stiegen die Seilschaften über den Liongrat nach Italien hinunter.

«Die alte Bude ist weg»

Der gestrige Hochbetrieb stand in Kontrast zur Ruhe, die am Dienstag am Berg geherrscht hatte. An diesem 14. Juli wurde im Gedenken an die über 500 Todesopfer, die der Berg bisher gefordert hat, das Matterhorn von allen Seiten gesperrt. Die Gemeinde Zermatt postierte beim Einstieg oberhalb der Hörnlihütte Polizisten, die für die Einhaltung des Ruhetags sorgten. Sie mussten jedoch nicht eingreifen. Kurt Lauber, seit vielen Jahren Hüttenwart der Hörnlihütte, zeigte sich erfreut über den Respekt der Alpinisten.

Erfreut ist Lauber auch über die neue Hörnlihütte, die am Dienstag nach zweijähriger Bauzeit eingeweiht worden ist. «Ich bin froh, ist die alte Bude weg», sagt der Hüttenwart. Die neue Unterkunft hat noch 130 Betten, 40 weniger als der Vorgängerbau. Damit soll der Ansturm gedrosselt werden. Gleichzeitig gibt es mehr Komfort. Die Massenschläge wurden durch kleinere Zimmer ersetzt, und neu steht den Alpinisten sogar eine Dusche zur Verfügung. Die Annehmlichkeiten haben ihren Preis: Eine Übernachtung mit Halbpension kostet 150 Franken. Doch auch die neuen Preise und das kleinere Bettenangebot dürften den Ansturm auf das Matterhorn nicht kleiner werden lassen. Zu gross ist die Faszination, die von dieser Felspyramide ausgeht. Seit über 150 Jahren.

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